Langzeit-Studenten

Angst vor dem Abschluss

published: 15.05.2007

Angst vor der Zukunft? Langzeitstudenten finden oft kein Ende (Foto: shutterstock.com/g-stocks) Angst vor der Zukunft? Langzeitstudenten finden oft kein Ende (Foto: shutterstock.com/g-stocks)

Ihr alle kennt sie: Sie waren eigentlich schon immer da. Schon in eurem ersten Semester gehörten sie zum alten Eisen. Und nun steht ihr kurz vor dem Examen und es gibt sie immer noch. Gemeint sind Kommilitonen, deren Berufswunsch offenbar "Student" ist. Die ihren Abschluss nicht in Angriff nehmen, obwohl sie alle Seminare und Vorlesungen längst in der Tasche haben. Warum schaffen sie den Absprung von der Uni nicht?

Angst vor der Zukunft
Vertreter der Spezies "Langzeitstudenten" gehören keineswegs zu den Dummen. Ihr Wissensstand entspricht oft dem eines Examenskandidaten. Trotzdem machen sie ihren Abschluss nicht – nicht selten aufgrund von Zukunftsängsten. Denn der Abschluss an der Uni bedeutet in den meisten Fällen auch einen tiefen Einschnitt im Leben. Schließlich muss sich der frischgebackene Absolvent nun um einen Arbeitsplatz bemühen. Und damit steht ein großes Problem vor der Tür. Bei der Suche nach einem Job wird man plötzlich mit der harten Arbeitswelt konfrontiert. Diese Umstellung führt meistens zu einer völligen Änderung der persönlichen Lebenswelt, manchmal sogar bis hin zum Wohnortswechsel.

Wie schön warm und wohlig fühlt sich dagegen der Elfenbeinturm der akademischen Welt an! Hier darf man weitgehend selbst entscheiden, wann man kommt und geht. Studenten können sich trotz Multijobs ihre Zeit relativ frei einteilen. Im Berufsleben regelt dagegen ein strukturiertes Arbeitszeitmodell den Wochenablauf. Kollegen und Vorgesetzte verlassen sich zudem darauf, dass der Ex-Studi seine Arbeit gewissenhaft erledigt. Plötzlich hat man Verantwortung. Eine Aufgabe, der einige Absolventen mit Unsicherheit und Ängsten gegenüberstehen.

Einen noch schlimmeren Schrecken verursacht drohende Arbeitslosigkeit. Nur noch wenige Studiengänge münden komplikationslos in einen gut bezahlten Beruf mit Aufstiegchancen. Nicht wenige Absolventen finden keine Stelle nach ihren Vorstellungen, bekommen keine Antwort auf ihre Bewerbungen oder ackern monatelang in unbezahlten Praktika mit ungewissen Chancen, übernommen zu werden.

Prüfungsangst
Ein weiteres Phänomen, das den Abschluss verzögern oder verhindern kann, ist Prüfungsangst. Vor allem bei Magisterstudiengängen kommen Studierende oft erst am Ende ihres Studiums in Prüfungssituationen. Zwar mussten sie zuvor schon Referaten vor mehreren Leuten halten, doch simulierte Prüfungssituationen – mündlich oder schriftlich - gab es kaum. Die Angst vor Prüfungen kann sich auf unterschiedliche Weise äußern. Kopfschmerzen, Schlafstörungen oder gar Panikattacken kommen vor. Körperliche und geistige Leistungsschwankungen sind die Folge, Flucht- und Vermeidungstendenzen nicht selten. Oft hilft es, Entspannungstechniken zu erlernen. Schau mal beim Unisport oder der Volkshochschule nach passenden Kursen.

Perfektionismus
Nicht wenige Studenten verzetteln sich bei der Suche nach ihren Studieninhalten. Zugegeben, die Suche nach dem individuellen Themenbereich ist nicht einfach. Zu breit gefächert sind bei vielen die Interessensgebiete, besonders in den Geisteswissenschaften. Dazu kommt, dass zu Beginn des Studiums viele Dozenten und Professoren dazu raten, in möglichst viele Fächer, Themenbereiche und Disziplinen hineinzuschnuppern. Möglichst bald sollte man sich jedoch für seine Fächer und die zu vertiefende Themenbereiche entscheiden. Auch wenn die Vorstellung schmerzt: In allen Bereichen seines Hauptfachs wird es niemand zur Meisterschaft bringen. Deshalb: Mut zur Lücke.

Die Anforderungen des Studienplans lassen sich auch ohne 20 Hauptseminare in allen Unterbereichen eures Fachs erfüllen. Seid euch bewusst, dass sich selbst diejenigen, die später ein 1,0-Examen hinlegen, am Ende ihres Studiums relativ unwissend fühlen. Der Bereich dessen, was man weiß, ist immer kleiner als der des Nicht-Wissens. Konzentriert euch spätestens nach eurem Grundstudium auf bestimmte Schwerpunkte. Geht trotzdem mit offenen Augen durch das Semesterprogramm, damit ihr nicht zu Fachidioten degeneriert. Sucht nach einem roten Faden, der sich durch euer Studium zieht.

Engagement neben der Uni begrenzen
Auch eure Zeit außerhalb der Uni sollte im Rahmen bleiben. Wer den Großteil der Woche mit Jobben verbringt, wird sich um die Uni nur untergeordnet kümmern können. Dann ist es kein Wunder, wenn das Studium nicht fertig wird. Auch in Zeiten hoher Lebenshaltungskosten und niedriger BAföG-Sätze muss das Studium das Wichtigste bleiben. Geld verdienen sollte nur das Mittel sein, das es dir ermöglicht zu studieren.

Bei einigen wenigen Studenten kommt dazu ein großes persönliches Engagement. Auch wenn es sicher zu wenig Studierende gibt, die sich außerhalb des Vorlesungssaals noch für politische oder studentische Themen einsetzen: Das Studium sollte die Hauptsachen bleiben. Ehrenamtliche Tätigkeit beim Asta oder im Akademischen Senat ist ohne Zweifel sinnvoll und bringt bei den meisten Personalchefs auch Pluspunkte im Lebenslauf. Doch sollte der Zeitaufwand für solche Tätigkeiten überschaubar bleiben.

[Jörg Römer]

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