Elisabeth Wiedemann im Interview

Volkswagenmotor

published: 17.08.2004

Elisabeth Wiedemann im Interview (Foto: Public Address) Elisabeth Wiedemann im Interview (Foto: Public Address)



In einer Szene legen Sie eine ziemlich heiße Sohle aufs Parkett. Wie halten Sie sich fit?
„Ich habe mit elf Jahren angefangen zu tanzen, und da kriegen Sie auch seelisch und geistig ein Korsett angelegt. Sonst könnten Sie gar kein Tänzer werden. Das ist ein unerhört harter Beruf, den man mit Hochleistungssport vergleichen kann. Und wenn Sie als Kind schon Disziplin und Verzicht lernen, auf Süßigkeiten und Dinge, die die Figur oder die Gesundheit verderben, dann tun Sie das bis in Ihr hohes Alter. Ein Kollege hat mal gesagt: ‚Der Tanz ist ein Korsett, das man sein ganzes Leben trägt.’ Und das ist sehr dienlich, besonders wenn man alt ist.“

Fast alle Menschen in Ihrem Alter arbeiten nicht mehr. Denken Sie manchmal ans Aufhören?
„Ich wüsste gar nicht, was ich machen sollte. Ich habe ein sehr schönes Haus in Bayern mit einem herrlichen Blick bis zum Chiemsee, und ich könnte auch den ganzen Tag aus dem Fenster gucken. Aber ich fände das wahnsinnig langweilig. Und da ich sonst nichts gelernt habe... Ich denke manchmal an die Volkshochschule - ich würde gerne malen. Und Philosophie oder Germanistik würde mich auch sehr interessieren. Wenn ich keine Angebote mehr habe, mache ich das vielleicht noch mal. Aber momentan habe ich noch Angebote, weil es nicht mehr so viele alte Schauspieler gibt, die potent sind. Die sind entweder unter der Erde oder im Altersheim. (lacht) Da ist die Auswahl nicht mehr so groß.“

Wie sieht es denn privat bei Ihnen aus?
„Ich bin insofern ein sehr bevorzugter Mensch, als ich zwei wunderbare Männer geheiratet habe. Der eine ist 1990 gestorben - der Schauspieler Richard Lauffen, mit dem ich 21 Jahre eine tolle Ehe geführt habe. Er hat mich sehr viel gelehrt, besonders auch für den Beruf, weil er ein wunderbarer Sprecher war. Und Werner Mengedoth, mit dem ich jetzt verheiratet bin - der ist Buchhändler. Beide sind ganz tolle Jungs – sehr humorvoll, was bei mir leider Gottes etwas mager ausfällt. (lacht) Richard sagte immer zu mir: ‚Ach mein Mäuschen, wie schade, dass du gar keinen Humor hast.’ Und damit hatte er nicht ganz Unrecht. Aber ich habe eben Männer geheiratet, die wirklich toll sind: liebevoll, intelligent, schön - beides schöne Männer, die mit Geld gut umgehen, und die keine Probleme haben, einem ein angenehmes Leben zu machen. Aber dafür brauche ich die Männer nicht. Ich habe genug Geld verdient, um ein angenehmes Leben zu haben.“

Was unternehmen Sie, wenn Sie mal einen Tag frei haben?
„Wenn ich spiele, mache ich nichts anderes als die Vorstellung. Ich schlafe lang, weil ich abends spät ins Bett komme und ich konzentriere mich auf den Abend. Ich mache Gymnastik und Atemübungen und versuche, mich in Form zu halten. Ich könnte nichts unternehmen, wenn ich abends spiele. Ich muss daran denken, dass der Abend der Höhepunkt des Tages ist. Kollegen gehen zum Beispiel schwimmen, aber das könnte ich gar nicht. Wenn ich das machen würde, wäre der Abend nur noch die Hälfte. Ich muss meine Kraft sehr gut einteilen.“

Und wenn Sie nicht spielen?
„Ich spiele immer. Letztes Jahr habe ich mit großem Erfolg in Hannover die Maude in ‚Harold and Maude’ gespielt. Dieses Jahr habe ich einige Filme gemacht, zuletzt die Kriminalkomödie ‚Der Hauptgewinn’ in Potsdam. Dann habe ich mit dem Affen Charly einen Film gemacht und einen ‚Tatort’. Ich bin also fortwährend beschäftigt.“

Und wann sieht Ihr Mann Sie?
„Mein Mann ist immer bei mir. Er ist 88, und den Buchladen führen sein Enkelsohn und seine Schwiegertochter. Er hat drei Geschäfte, und die Familie macht das hervorragend. Der Enkelsohn führt die Geschäfte so gut wie der Opa, und der Opa ist bei mir.“

Sie strahlen eine unheimliche Vitalität aus, aber denken Sie manchmal an den Tod?
„Die Vitalität ist ein Irrtum bei mir. Ich bin gar nicht so vital. Meine Geschwister – meine Schwester lebt nicht mehr, und mein Bruder lebt auf Madeira - sind immer wesentlich vitaler gewesen als ich. Ich musste mich schon als Kind zurückhalten. Ich konnte nicht einfach lostoben. Das war für mich zu anstrengend. Ich habe so einen Volkswagenmotor in mir. Es gibt auch Leute, die einen Mercedesmotor haben. Ich muss also mit einem kleinen Motor sparsam umgehen und deswegen mache ich vielleicht den Eindruck, als ob ich vital wäre. Aber es gibt viel vitalere Menschen als mich. Und was den Tod angeht: Ich habe immer an den Tod gedacht, schon als kleines Kind. Dann ist es nicht mehr so anstrengend. Das Leben fordert unheimlich viel Kraft und Durchhaltevermögen. Ich finde, wenn die meisten Menschen gerade aufatmen und denken, jetzt geht’s gut, dann kriegen sie ‚zack’ wieder einen auf den Dätz (lacht). Und so ist es bei mir gewesen. Ich konnte nie so richtig verschnaufen, weil das Schicksal immer wieder Schläge vorbereitet hat, die mir wahnsinnig zu schaffen machten. Besonders der Tod: Tod der Eltern, des Mannes... Enttäuschung im Beruf, dass einem manches Engagement nicht glückt und man nicht versteht, warum. Es gibt ausreichend Schattenseiten, und ich finde den Tod eine wunderbare Zukunft. Ich freue mich, dass es mal zu Ende ist, dann brauche ich mich nicht mehr anzustrengen. Dann kann ich nur noch schlafen.“

Wie möchten Sie, dass das Publikum Sie in Erinnerung behält?
„Als gute Schauspielerin, die ihre Sache gut gemacht hat, nicht geschlampt hat und die Leute nicht für dumm verkauft hat. Gründgens hat mal gesagt: ‚Man muss Kupfer für Kupfer verkaufen und nicht für Gold.’ Vielleicht habe ich ein Kupfer-Talent, aber ich habe nie so getan, als wäre ich aus Gold. Man muss seine Kräfte kennen, und man muss sich nicht überschätzen. Vielleicht hat es den Leuten gefallen, dass ich einfach geblieben bin, dass ich kein großes Theater mache. Dass ich nicht so tue, als ob ich wer-weiß-wer wäre. Ich bin immer bescheiden geblieben – so ist man erzogen – und habe versucht, das was von mir erwartet wurde, gut und fleißig und pünktlich zu erfüllen. Mehr nicht - ein Handwerker, ein Schauspieler.“ (lacht)

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Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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