Macken, Marotten und Zwänge

Zwanghaft oder normal?

published: 13.09.2005

Nägel kauen ist eine nervige, aber harmlose Marotte (Foto: dmvphotos/shutterstock.com) Nägel kauen ist eine nervige, aber harmlose Marotte (Foto: dmvphotos/shutterstock.com)


* Ich trinke ungefähr neun Dosen Cola Light pro Tag und ich brauche die auch, damit ich normal durch den Tag komme. Etwas anderes mag ich nicht. Langsam nerven mich Leute, die mir erzählen wollen, dass das nicht gut ist. Es kann doch jeder trinken, was er will, oder?
“Europäischen Bauern ist der künstlich Süßstoff Aspartam, der die Cola so ‚light‘ macht, sehr willkommen. Sie verwenden ihn nämlich in der Schweinemast, damit die Borstentiere so richtig Appetit bekommen. Bei Menschen fördern‚ light‘-Softdrinks ebenfalls den Hunger - auf Salziges und Fettes. Klingt irgendwie nicht gerade gesund. Wenn du also ausschließlich ein Getränk zu dir nimmst, das nur aus künstlich gesüßtem Wasser besteht und vom ernährungswissenschaftlichen Standpunkt keinerlei Nährwert für deinen Körper enthält, aber dafür den Appetit auf anderes, ebenso Ungesundes fördert, stellt sich die Frage, wie es ganz generell mit deiner Ernährung aussieht.
Du beschreibst dazu noch, dass du täglich große Mengen an Diät-Cola brauchst, um überhaupt ‚normal durch den Tag zu kommen‘. Genauso könnte auch ein Alkoholiker über seine tägliche Dröhnung Weinbrand sprechen. Ist diese zwanghafte Vorliebe bei dir etwa bereits zu einer Sucht geworden?
Deine Freunde haben offenbar diesen Eindruck. Kein Wunder, dass sie versuchen, dir klarzumachen, wie ungesund dein einseitiges Trinkverhalten ist. Dich machen ihre gut gemeinten Versuche, an deine Vernunft zu appellieren, richtig ärgerlich. Bedeutet dies nicht vielleicht, dass du dich gegen eine eigene innere Stimme wehrst, die dir das Gleiche sagt? Einseitige Ernährung ist aus medizinischer Sicht immer sehr bedenklich, weil dem Körper Nährstoffe vorenthalten werden, die er unbedingt braucht. Ich würde dir wie deine Freunde dringend raten, damit zu beginnen, deinen Cola-Light-Konsum einzuschränken und auf gesündere Getränke wie Mineralwasser, Saft oder Tee umzustellen.”

* Liebe Frau Dr. Anderson. Mein Problem ist, dass ich mir außergewöhnlich oft die Hände wasche - eigentlich immer, wenn ich etwas angefasst habe. In der U-Bahn oder in öffentlichen Gebäuden kann ich nichts berühren, ohne ein Taschentuch zu benutzen. Außerdem dusche ich mindestens drei Mal pro Tag, weil ich mich schmutzig fühle. Man schwitzt ja so leicht. Jetzt ist das meinen Eltern aufgefallen. Auch meine beste Freundin hat mich schon darauf angesprochen. Soll ich damit aufhören?
“Du leidest offenbar unter einem so genannten Wasch- und Sauberkeitszwang. Du befürchtest ständig, dich schmutzig zu machen, mit Bakterien in Berührung zu kommen, die dich krank machen könnten, wenn du dich nicht andauernd wäschst. Zwar hat jeder Mensch ein individuelles Sauberkeitsbedürfnis, und es ist ganz sicher gut, wenn man sich öfter am Tag die Hände wäscht - besonders in Erkältungszeiten -, aber dein Reinlichkeitsdrang geht doch deutlich über ein normales Hygienebedürfnis hinaus. Du fragst, ob du damit aufhören sollst. Kannst du das denn? Oder quält dich dann die Vorstellung, du könntest irgendwo mit Bakterien in Berührung gekommen sein, so sehr, dass du dich schließlich doch wieder waschen musst? Hast du vielleicht auch bemerkt, dass der Drang, dich reinigen zu müssen, schlimmer wird, wenn du gestresst oder ärgerlich bist? Dann besteht bei dir eine richtige Phobie. Die kann sich unter ungünstigen Umständen, wenn du unter seelischem Druck stehst, so verstärken, dass du es schließlich überhaupt völlig vermeidest, nach draußen zu gehen, oder dass du dich so häufig wäschen musst, dass deine Haut darunter leidet.
Wenn du deinen Waschzwang noch so weit unter Kontrolle halten kannst, dass er deine Lebensqualität nicht wirklich einschränkt, kannst du ihn als harmlose Marotte ansehen. Wenn du aber merkst, dass sich deine Phobie verschlimmert, dass du Kontakt mit anderen Menschen oder bestimmte Orte ganz meidest oder dass deine Hände oder deine Haut vom vielen Waschen rissig und wund werden, musst du dich behandeln lassen. Es gibt als Soforthilfe wirksame Tabletten, die die Angst vermindern, die den Zwang hervorbringt. Zur Überwindung der Zwangshandlungen wäre aber eine psychotherapeutische Behandlung notwendig. Eine Verhaltenstherapie könnte dir helfen, deine Beschmutzungsangst zu kontrollieren. Mit Hilfe einer analytisch orientierten Therapie könntest du die Ursache deines Waschzwangs herausfinden und lernen, mit den zu Grunde liegenden Gefühlen anders umzugehen.”

* Ich leide darunter, dass ich immer nachgucken muss, ob ich den Herd und das Licht ausgemacht habe, wenn ich morgens aus dem Haus gehe - oft sogar mehrfach hintereinander. Und im Büro fällt mir dann wieder ein, was alles passieren kann, wenn man den Herd oder das Bügeleisen anlässt, und sicher, dass ich alles auch wirklich ausgemacht habe, bin ich mir dann schon nicht mehr. Manchmal habe ich auch Angst, die Wohnungstür nicht abgeschlossen zu haben. Langsam raubt mir das den letzten Nerv...
“Bei dir hat sich anscheinend ein Kontrollzwang entwickelt. Wie bei jedem anderen zwanghaften Verhalten geht deine Furcht, irgend Sicherheitsrisiko übersehen zu haben, über ein normales Maß an Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt weit hinaus. Wenn du einmal nachschaust, ob am Herd alle Schalter auf Null stehen, wächst schon wenige Minuten später deine Angst, du könntest doch nicht gründlich genug nachgesehen haben. Du gehst zurück und versicherst dich noch einmal, dass alle Stromquellen abgeschaltet sind und der Wasserhahn nicht läuft. Aber auch das kann dich nicht dauerhaft beruhigen. Du musst es noch einmal überprüfen. Das Gleiche passiert mit den Lichtschaltern, dem Türschloss usw. Wenn du es dann schließlich doch geschafft hast, das Haus oder deine Wohnung zu verlassen, möchtest du am liebsten wieder umkehren, um dich noch ein letztes Mal zu vergewissern, ob auch alles in Ordnung ist. Schlimmstenfalls lässt dich auch dieses ‚letzte Mal‘ die Sache mit dem Herd oder dem Bügeleisen nicht vergessen. Dann quält dich auch am Arbeitsplatz die Angst, durch deine vermeintliche Unachtsamkeit könnte ein Feuer ausbrechen, ein gewaltiger Wasserschaden entstehen, etwas explodieren usw.
Mit einem gewissen Maß an Kontrollzwang kann man - wie es auch für andere Zwänge gilt - leben. Es kommt eben immer darauf an, wie weit der Zwang das eigene Leben einschränkt, dir die Lebensfreude nimmt oder dich sogar regelrecht krank macht. Wenn der Drang, alles zum x-ten Mal zu kontrollieren, dazu führt, dass du dich praktisch nicht mehr aus dem Haus rühren kannst und nicht mehr arbeitsfähig bist, wenn du nur noch von Zwangsgedanken beherrscht wirst und über nichts anderes mehr sprechen kannst, leidest du unter einer schweren psychischen Krankheit. Dann musst du auf jeden Fall medikamentös behandelt werden, am besten kombiniert mit einer Psychotherapie.”

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[TK]

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