Nico Vogel im Porträt

Vom Lackierer zum Kunst-Vogel

published: 24.02.2009

Pop-Art-Künstler Nico Vogel hat nie eine Kunsthochschule besucht (Foto: Public Address) Pop-Art-Künstler Nico Vogel hat nie eine Kunsthochschule besucht (Foto: Public Address)

Die kleine Wohnung in Hamburg-Barmbek wirkt auf den ersten Blick etwas unordentlich. Im Hinterzimmer liegt eine Matratze mit zerknülltem Bettzeug auf dem Boden. Der abgewetzte Stoff eines Sessels und Sofas zeugen davon, dass sie vor 50 Jahren schon bessere Zeiten gesehen haben.

Nico Vogel ist der Künstler, der hier inmitten seiner Bilder lebt. Die bunten Holzplatten lehnen in mehreren Reihen an den Wänden von Flur und Wohnzimmer. Großflächig zeigen sie Gesichter und Figuren: Jet Li oder Zhang Ziyi, das Mädchen aus dem Film "Tiger & Dragon", stilisiert in knallig bunten Blau-, Gelb- und Rottönen. Glänzend, plastisch und kraftvoll gemalt.

Unikosmos hat den Pop-Art-Künstler Nico Vogel in seiner Werkstatt besucht (Foto: Public Address)Unikosmos hat den Pop-Art-Künstler Nico Vogel in seiner Werkstatt besucht (Foto: Public Address)

Dieses leicht verstaubte Chaos passt zu Nico, der bereits im Vorfeld auf dem "Du" besteht. In ausgewaschenen Jeans und schlichtem Pullover wirkt der blonde, mittelgroße Mittvierziger gar nicht wie ein extravagante Künstlertyp, den man möglicherweise hinter diesen poppigen Werke erwarten könnte.

"Bilder an der Wand sind zwar fantastisch", erklärt er, "Kunst muss aber mehr für mich sein. Sie muss in die Gestaltung gehen, sich auch mit anderem verbinden können." Er nennt das Stichwort "Gebrauchskunst" und deutet auf seinen Küchentisch, dessen Platte ebenfalls ein gelb-rotes Motiv ziert. "Das war eine Idee von mir. Das Bild lässt sich auswechseln." Damit meint er das ganze Holzbrett. Er macht die Abstellfläche des Möbelstücks zum Objektträger seiner Kunst. Solche Ideen hat er viele. "Ich kann mir meine Motive auch gut auf anderen Sachen vorstellen, sie für die Raumgestaltung verwenden." In Frage kämen da für ihn nicht nur Möbel. Neben Taschen, Rücksäcken oder Postern denkt er auch an größere Flächen wie Fußböden oder Wände.

Nicht nur das ist ungewöhnlich an Nico, der ein Künstler zum Anfassen sein will. Offen und freundlich ist er. Gerne beantwortet er Fragen und erzählt über seine Ausbildung als gelernter Maler und Lackierer. "Tapezieren oder Fußleistenstreichen wollte ich eigentlich gar nicht. Ich habe immer gedacht, dass Malersein auch etwas mit Kunst zu tun haben müsste. Der Umgang mit Farben hat mich begeistert." Genauso wie die Idee, mit seiner Kunst Räume zu dekorieren. Ein Einfall, der von seiner handwerklichen Ausbildung inspiriert wurde.

Nicos künstlerische Anfänge liegen jedoch in der Fotografie. Sein erstes Bild war der schwarz-weiße Schatten seiner Freundin. Es scheint ihn selbst etwas zu irritieren, dass er damals ohne Farben ausgekommen ist. Das Schatten-Porträt passt aber doch zu seinen jetzigen Werken, denn auch dort sind die Konturen von Gesichtern und Körpern besonders fein herausgearbeitet. Stolz erzählt er: "Diese feine Arbeit wurde schon von Graffiti-Künstlern bewundert."
Sein Faible für menschliche Motive ist ihm geblieben. "Mein erstes Atelier teilte ich mit einem Landschaftsfotografen. Im Vergleich merkte ich, dass Menschen mich mehr interessieren. Ich möchte ihre Gesichter lesen oder ihre Gesten festhalten."

Besonders stolz ist er auf sein Lieblingsbild, dem er den Titel "Vogelbrüder-Schattenboxen" gegeben hat. Es zeigt seinen Bruder, den TV- und Kino-Schauspieler Jürgen Vogel, beim Boxen. "Das haben wir vor 15 Jahren mal gemeinsam gemacht", erinnert sich Nico bis heute gerne. Vor rotem Hintergrund zeichnen sich die Konturen des Kämpfers ab, der mit ausgestrecktem Arm und Boxhandschuh eine Gerade schickt. Die Oberfläche glänzt dabei wie glasiert und eine raffiniert aufgeklebte Folie sorgt zusätzlich für dreidimensionale Lichteffekte.

Nico arbeitet mit Lack-Trick-Technik auf Holz. Er trennt sich ungern von seinen Werken (Foto: Public Address)Nico arbeitet mit Lack-Trick-Technik auf Holz. Er trennt sich ungern von seinen Werken (Foto: Public Address)

"Lack-Trick-Technik" nennt Nico Vogel diese speziellen Effekte, die er in jahrelanger Arbeit selbst entwickelt hat. Der spezielle Lack, der auch bei Snowboards Verwendung findet, ist besonders widerstandsfähig. Poliert wirkt er dann wie ein Spiegel. "Ich möchte, dass sich der Betrachter selbst im Bild sieht. Durch die holografischen Effekte und die Reflexion kann er eine Reise machen und dadurch in den Bildern mehr erkennen." Bei soviel Licht-Bewegung in den Bildern bleibt dem Zuschauer gar nichts anderes übrig, als damit zu spielen. Dass seine Kunst eine Einladung zum lebendigen Betrachten ist, fiel ihm schon öfter auf: "Das sieht ganz witzig aus, wenn sich die Leute vor einem Bild verbiegen oder hin und her bewegen."

Seine Arbeitsweise brachte aber auch handfeste handwerkliche Probleme mit sich. Durch die Brüchigkeit der Lacke kam das Malen auf Leinwand nicht in Frage. Deswegen entstehen seine Werke auf Holzplatten. Das macht seine großen Bilder beim Tragen und Aufhängen schon mal etwas unhandlich.

Es steckt sehr viel "selfmade" in Nico Vogel. Als Künstler ist er Autodidakt. Das Handwerk brachte er sich selbst bei. Schmunzelnd erzählt er, dass er zu beweglich sei, als lange auf einer Schulbank sitzen zu können. Dass er dem Rat seines Bruders folgt und doch mal eine Kunsthochschule besucht, ist wenig wahrscheinlich. Und überhaupt: "Schließlich hat es Jürgen selbst nie so mit seiner Schauspielschule gehabt!" Nico räumt lediglich ein, dass ihm die Kontakte fehlten, die man auf so einem Institut knüpfen könne.
Der Weg in die Werkstatt führt über den Garten zu den Mietgaragen. Eine davon öffnet er und zeigt sein kreatives Reich - nicht mehr und nicht weniger als eine Garage. "Selfmade" auch hier: Die Decken und Wände sind von ihm selbst isoliert und verkleidet worden. Der Boden ist mit dicken Teppichen ausgelegt. Ein Heizstrahler sorgt bei Bedarf für Wärme. Der Raum hat keine Fenster und keine Lüftung. Bei seiner Arbeit mit Lacken könne das manchmal etwas gefährlich sein, gibt er zu. Von einem möglichen kreativen Chaos keine Spur. Aufgeräumt ist es. Unter einer vorbereiteten Holztafel stehen, akkurat aufgereiht, seine Farbtuben und warten auf eine neue Idee von Nico. Mögliche Themen hierfür hängen auf gelben Klebezetteln an der Wand. "Unordnung mag ich eigentlich gar nicht so", sagt Nico. Schließlich wolle er seine Farben ja wiederfinden.

Inspiriert wurde Nico Vogel von Graffiti-Kunst, Comics und Tattoos. Viele seiner Motive findet er in Filmen. Diese Kunstformen gehören für ihn zum Zeitgeist, haben sich in der Gesellschaft zur Popkultur weiterentwickelt. Maßgeblich sieht er sich und seine Kunst von der Pop Art geprägt. In Nicos Augen ist sie "kraftvoll, exotisch, energiegeladen, dauerhaft jung und irgendwie zeitlos". An sie lehnt er seinen eigenen Stil an: "Edel-Pop-Art" - ein Begriff, den er selbst kreiert hat. "Edel" deshalb, weil er mit der Technik der polierten und holografischen Spiegelflächen arbeite.

Neben seiner Arbeit als Künstler leitet Nico einen eigenen Malerbetrieb. Den brauche er, sagt er, denn "schließlich muss man irgendwie seine Brötchen verdienen". Von der Kunst leben kann er auch deswegen noch nicht, weil er sich schwer von seinen Werken trennt. "Ich will meine Bilder lieber öffentlich ausstellen. Events mit Kunst und Musik machen. Es wäre schade, wenn sie nur in irgendeiner Wohnung an der Wand hängen würden." Für Interessierte gibt es seine Motive aber wenigstens auf Taschen.

Am Herzen liegt Nico die soziale Trinkwasserinitiative "Viva Con Agua", die er aktiv mit seiner Firma unterstützt. Auf die Frage nach seinen Ausstellungsplänen schwärmt er von der Rückkehr zur Pop-Art-Factory. Eine Art Eventmischung aus Kunstpräsentation und Livemusik soll es werden. Das ist ganz nach dem Geschmack des "Edel-Pop-Art"-Künstlers Nico Vogel.

[Gregor Wessely]

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Viva Con Agua

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