Renate Dorrestein im Interview

Dunkle Seiten, sehr erhellend

published: 26.04.2005

Renate Dorrestein (Foto: Public Address) Renate Dorrestein (Foto: Public Address)

Mobbing gilt als ein Phänomen aus der Arbeitswelt. Der Kollege, der von den anderen mit verbalen oder physischen Bösartigkeiten schikaniert wird, ist eher Alltagserscheinung als Ausnahmeschicksal. Weniger bekannt ist, dass bereits viele Schulkinder ihre ersten Erfahrungen mit dem Mobbing sammeln – als Opfer oder als Täter. Nachdem sie aus einem Zeitungsartikel von dem Ausmaß des Kindermobbings erfuhr, war für die Schriftstellerin Renate Dorrestein klar: Das ist das Thema meines nächsten Buches. „Das Erdbeerfeld“ gibt es jetzt auf Deutsch zu lesen.

Im Interview mit Unikosmos erzählt die holländische Autorin, wie ihr neuer Roman entstand, warum das Böse interessanter ist als das Gute und über ihre persönlichen Erfahrungen mit einer tückischen Krankheit.

Wie können Kinder so gemein zu anderen Kindern sein?
"Sie üben das Erwachsensein. Erwachsene sind schreckliche Menschen. Sie sind herzlos und gleichgültig. Erwachsene sind grausam, das kriegen die Kinder mit und schließen daraus: 'Aha, so soll ich mich verhalten, wenn ich erwachsen bin.'"

"Das Erdbeerfeld", der aktuelle Roman von Renate Dorrestein (Copyright: C. Bertelsmann)

Kinder lernen die Grausamkeit von den Erwachsenen?
"Sie kopieren ihr Verhalten. Sie lernen zu lügen und zu betrügen. Sich auf das Entree in die Erwachsenenwelt vorzubereiten bedeutet, dass du gemein sein musst. Wir Erwachsenen haben gelernt, so zu tun, als wären wir freundlich und gütig..."

...aber unter der Oberfläche...
"...sind wir natürlich blutrünstige Primitive. Das 'Schöne' an Kindern ist, dass sie ihre Gemeinheiten nicht verdecken, sondern zeigen, wie gemein sie sind. Für Kinder hat das nichts moralisch Verwerfliches, es ist einfach eine normale Form des Verhaltens. "

Das ist eine sehr negative Sichtweise der Menschheit.
"Stimmt."

Wo bleibt das Mitgefühl? Das ist doch auch ein Teil des Menschseins.
"Das ist ein Teil des menschlichen Verhaltensrepertoires, auf den wir selten zurückgreifen. Außerdem: Wer Geschichten schreibt, ist daran gebunden, sich auf die schlechten Seiten des Menschen zu konzentrieren – Kampf und Elend sind der Treibstoff jeglicher Literatur."

Das Böse ist immer interessanter als das Gute?
"Natürlich, man kann keine Geschichten über die Fröhlichkeit erzählen. Die wären jedenfalls sehr dünn. Für einen richtigen Roman brauchen Sie Konflikte und Krisen. Deshalb beschäftigen sich die meisten Autoren mit ziemlich trüben Themen. Mir persönlich gefällt das. Ich finde es sehr erhellend, sich mit den dunkelsten Seiten des Lebens zu befassen. Wenn wir alle uns mehr darauf einlassen würden, auf die negativen Dinge, dann würde es uns nicht so treffen, wenn sie tatsächlich eintreten. Letztlich wären wir glücklicher."

Weil wir uns selbst besser kennen lernen?
"Ja. Ich fühle, dass das der Sinn der Literatur ist. Sie soll helfen, uns selbst und unsere Mitmenschen besser zu verstehen. Literatur sorgt dafür, dass die Dinge, die uns geschehen, weniger verwirrend sind, und sie hilft uns, unsere Lieben in Ehre zu halten. Sie kann uns sogar helfen, bessere Menschen zu sein."

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Buch über Mobbing unter Kindern zu machen?
"Durch einen Zeitungsartikel in einer holländischen Zeitung. Da wurde eine Hilfehotline für gemobbte Kinder erwähnt: Innerhalb von fünf Jahren waren fünf Millionen Anrufe bei dieser Hotline eingegangen. Das war ein Schock für mich, dieses gewaltige Ausmaß. In dem Bericht wurde die Mutter eines achtjährigen Mädchens zitiert. Das Kind kam jeden Tag verschlossener aus der Schule. Die Mutter wusste nicht weshalb. Bis sie in der Jackentasche ihrer Tochter einen Zettel fand. 'Wir werden dich anzünden!', stand darauf. Das hat meine Vorstellungskraft in Gang gesetzt. Ich hatte plötzlich so viele Fragen im Kopf: Wie kann einem so jungen Menschen so etwas zustoßen? Was für einen Einfluss hat das aufs spätere Leben? Und auf das Leben der Mobber? Wie lebt es sich mit dieser Bürde? Wieso ist es für Eltern und Lehrer so schwierig, von diesen Vorgängen etwas mitzubekommen? Eine Menge Fragen, auf die ich keine Antworten hatte. In solchen Situationen setze ich mich hin und schreibe ein Buch."

Und beim Schreiben kommen die Anworten?

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