„Bin privat kein Kasper“

Frank-Markus Barwasser im Interview

published: 01.04.2003

Frank-Markus Barwasser im Interview (Foto: Public Address) Frank-Markus Barwasser im Interview (Foto: Public Address)

Schon seit 1985 macht der Würzburger kabarettistisches Soloprogramm. Zu Beginn der 90er Jahre unterhielt er im Bayerischen Rundfunk noch mit regelmäßigen Radioglossen. Hier erblickte seine Figur Erwin Pelzig das Licht der Welt, die zunächst auch in verschiedenen Theaterstücken der Würzburger Privatbühne "Theater am Neunerplatz" zu sehen war. Mit "Nüssleins Fügung" schrieb Barwasser 1993 sein erstes Erwin-Pelzig-Programm. Inzwischen hat Barwasser nicht nur längst das norddeutsche Publikum erobert, sondern auch zahlreiche Kleinkunst- und Kabarett-Preise im Schrank. Man kann Pelzig live auf der Bühne erleben – oder auf CD: "P.I.S.A. - Pelzig in Sachen Abitur" heißt die Scheibe, auf der Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel die Abituraufgaben aus 20 Fächern unter die Lupe nehmen.

Wie sehen Sie die Situation von Comedy und Kabarett? Ist der so genannte Comedy-Boom vorbei?
"Mich langweilt die ganze Diskussion ein wenig. Ich mache einfach, was ich mache. Ich sehe mich in erster Linie als Bühnenkünstler und weniger als Fernseh-Comedian, ich mache ja auch sehr wenig Fernsehen. Insofern betrifft mich diese Diskussion nicht. Ich bin sehr zufrieden, wie es läuft und glaube, dass Kabarett immer gut ankommt.”

Muss man zwischen Kabarett und Comedy trennen?
"Die Übergänge sind sehr fließend. Wenn mal jemand den Namen Angela Merkel fallen lässt, ist das noch lange kein politisches Kabarett. Umgekehrt gab es im politischen Kabarett auch schon immer Comedy und Slapstick und die Lust an Kalauern. Wo sollte man da jetzt Grenzen ziehen und warum? Vor allem überlege ich mir nicht bei meiner Arbeit, was ich eigentlich bin. Ich weiß, wer ich bin. Das ist schon mal was, das weiß nämlich nicht jeder.”

Vernunft und Instinkt werden auf der CD zum Unterschied zwischen Mensch und Tier gemacht. Wo liegt für Sie der wirkliche Unterschied?
"Genau dort. Allerdings überlagert unsere Vernunft manchmal den Instinkt. Es gibt jetzt wieder Untersuchungen, die vorschlagen, hin und wieder auf das Bauchgefühl und seinen Instinkt zu hören. Ein entscheidender Unterschied zwischen Mensch und Tier ist sicherlich die Selbstüberschätzung des Menschen. Ich glaube nicht, dass sich ein Tier selbst überschätzt.”

Sie spielen auf der CD drei verschiedene Rollen: Erwin Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel. Würden Sie sagen, dass Sie ein wenig schizophren sind?
"Nachdem ich das mit den Dreien jetzt schon seit über zehn Jahren mache, frage ich mich von Zeit zu Zeit, ob ich therapiebedürftig bin. Aber wenn ich mir etwas koche und den Tisch decke, decke ich ihn schon für mich allein und nicht für die anderen Drei mit. Es ist noch alles im grünen Bereich.”

Frank-Markus Barwasser (Foto: Public Address)Frank-Markus Barwasser (Foto: Public Address)


Spielen diese fiktiven Personen eine Rolle in Ihrem Alltag und erwarten die Leute von Ihnen, dass Sie diese Rollen spielen, wenn sie privat unterwegs sind?
"Nein, diese Erfahrung mache ich so extrem nicht, zumal ich als zivile Person Barwasser nicht so schnell erkannt werde. Die Figur Erwin Pelzig verändert mich recht stark, durch das Outfit altere ich ziemlich. Ansonsten kann man das im Alltag ganz gut trennen. Aber solche Figuren begleiten einen natürlich. Ich frage mich oft, was wohl der Pelzig oder Dr. Göbel dazu sagen würden. Insofern sind sie präsent. Aber ich bin privat kein Kasper und glaube nicht, dass irgendein Kabarettist oder Comedian das ständig ist.”

Wie kam es zur Entstehung dieser Figuren?
"Schleichend. Es gab am Anfang nur einen Typus ohne Namen und Kostüm. Durch den großen Erfolg im Süden, speziell über Bayern 3, wo es im Hörfunk lief, weitete es sich aus. Die Figur bekam einen Namen, ich gab ihr ein soziales Umfeld und dann stellte ich dem Pelzig Hartmut und Dr. Göbel zur Seite. So ist das im Laufe der Jahre gewachsen. Inzwischen ist ein kleiner Mikrokosmos entstanden und der Pelzig ist nicht mehr rein fiktiv, den gibt es wirklich. In dem Moment, wo ich mich in ihn verwandle, existiert er wirklich.”

Aber beim Einwohnermeldeamt ist er noch nicht gemeldet, oder?
"Nein. Ich habe noch nicht mal den Namen als Künstlernamen im Personalausweis eintragen lassen, obwohl man es mir ausdrücklich empfohlen hat. Ich finde einfach, das geht zu weit. So sehr soll er nicht in mein Privatleben eingreifen.”

Haben Sie Vorbilder, an denen Sie sich orientieren?
"Es gibt Künstler, die ich großartig finde und die mich motiviert haben. Als Vorbilder würde ich sie nicht bezeichnen, weil sie etwas völlig anderes machen. Sehr stark verehre ich nach wie vor Georg Kreisler, den von den Jüngeren viele vielleicht schon nicht mehr kennen. Und natürlich verehrt jeder aus dem Süden Gerhard Polt.”

Ihre drei Figuren Erwin Pelzig, Dr. Göbel und Hartmut müssen sich auf Ihrer neuen CD mit Abiturfragen auseinandersetzen. Was hat Sie dazu bewegt, das Bildungssystem aufs Korn zu nehmen?
"Einerseits wollte ich noch einmal eine Reise in die Vergangenheit antreten, andererseits wollte ich sehen, was dabei herauskommt, wenn Menschen wie Erwin Pelzig, Hartmut und Doktor Göbel sich noch einmal mit diesen Fragen befassen müssen. Wir haben vor allem geprüft, ob nicht vielleicht die Fragen alle völlig falsch gestellt werden. Eventuell kann es deshalb gar keine richtigen Antworten geben.”

Wo steckt wahrscheinlich der Fehler im Bildungssystem?




"Ich denke nicht, dass er in den Fragen steckt. Vielleicht ist das Problem des Bildungssystems, dass es manchmal sehr trocken daherkommt und auch daherkommen muss und da fühlen sich viele nicht genügend motiviert."

Halten Sie es für den richtigen Weg, Schüler, Lehrer und andere Bildungsbeauftragte anzusprechen, indem man sie durch den Kakao zieht?
"Wenn ich überhaupt etwas durch den Kakao ziehe, dann sind es ja nur die Fragen. Ich hielte es auch nicht für besonders originell, den 100.000. Witz über Lehrer zu machen. Das ist ja schon zur eher peinlichen Pflichtübung im Kabarett geworden. Bei mir geht’s um die Fragen. Aber wer weiß, vielleicht wird ja die CD doch mal als offizielles Lehrmittel von der Kultusministerin anerkannt..."

Was war zu Ihrer Schulzeit anders, vielleicht lustiger, spannender?
"Was die Lustigkeit der Bildung betrifft, gibt es sicherlich Grenzen. Da darf man nicht zu viel erwarten. Es ist vielleicht eher spannend als lustig, wenn man sich darauf einlässt. Die Probleme während meines Studiums waren schon die gleichen wie heute. Volle Hörsäle, sehr wenig ansprechbare Professoren. Man studiert eigentlich ins Nichts hinein, weil man schwer abschätzen kann, was am Ende dabei herauskommt.”

Haben Sie nicht Angst, zu stark zu provozieren und über die Stränge zu schlagen?
"Kabarettisten sollten nie Angst habe, zu stark zu provozieren. Im Übrigen glaube ich, dass es für diejenigen, die ihr Abitur bereits in der Tasche haben, ganz schön ist, noch einmal einige Fragen zu hören. Und diejenigen, auf die es zukommt, können sich schon mal ganz gut darauf vorbereiten. Ich wüsste jetzt nicht, wer sich da provoziert fühlen sollte. Und wenn doch – bitteschön!"

Die Fragen auf der CD sind wirklich mal in Abiturklausuren vorgekommen. Wie sind Sie an die Fragen herangekommen? Haben Sie auch ihre eigenen Abiturunterlagen verwendet?
"Es sind Fragen, die alle von mir bearbeitet und verändert worden sind. Die ganze Aufgabenstellung kann ich auf einer CD natürlich nicht in voller Länge bringen, so dass die Originalfragen die Basis bildeten. Dabei haben mir auch ein paar Lehrer und Schüler geholfen. Zum Teil sind es auch Aufgaben, die wir selbst auf Abiturniveau formuliert haben. Ich habe recherchiert. Dabei kommt man an ältere Unterlagen. Meine eigenen alten Abiturunterlagen habe ich dabei auch wiedergefunden.”

Stolpert man beim Durchstöbern der eigenen Unterlagen vielleicht über Fehler, über die man sich jetzt im Nachhinein ärgert und fängt man an, über die eigene Schulzeit nachzudenken?
"Ja, ich habe gedacht: "Oh Gott, ich würde das heute nicht mehr schaffen, unter keinen Umständen würde ich heute noch ein Abitur schaffen.”

Woher beziehen Sie die Motivation, mit den drei Figuren Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel immer wieder etwas Neues zu machen? Ist das wirklich der Alltag, der den Stoff liefert?
"Ja, es ist der Alltag und alles, was uns umgibt. Dazu zählt der Nahe Osten genauso wie irgendeine Banalität, beispielsweise der 100. Geburtstag der Henkeltüte. Das ist für mich auch das eigentlich Interessante an so einer Figur, dass sie sich wirklich mit allen Themen beschäftigen kann. Die Banalitäten des Alltags behandle ich natürlich weniger als die große Weltpolitik und Themen wie Globalisierung. Insofern ist der Pelzig eher eine politische Figur.”

Haben sie irgendwelche Wünsche für sich persönlich für die nahe Zukunft?
"Ja, ich würde endlich gerne mal die Zeit finden die französische Sprache richtig gut zu lernen. Ich möchte überhaupt Fremdsprachen lernen. Spanisch kann ich ja schon, weil ich in Spanien studiert habe. Dann würde ich gerne mal mit dem Motorrad in Feuerland starten und schauen, wie weit ich komme.”

Einmal die Pan Amerikana also?
"Ja das wäre auf meiner Wunschliste schon ziemlich weit oben. Aber im Prinzip wäre Südeuropa auch schon sehr schön, einmal quer durch.”

Was sagen Sie zur bestehenden Gefahr eines erneuten Irak-Krieges?
"Ich halte diesen Krieg für falsch. Das eigentliche Ziel, nämlich den Terrorismus in den Griff zu kriegen, wird vermutlich nicht erreicht werden. Ich fürchte, dass völlig unüberschaubare Entwicklungen in Gang gesetzt werden können. Es ist sehr schwierig, eine Meinung dazu zu haben, weil alle Informationen, die uns zur Verfügung gestellt werden, irgendwie manipuliert sind - sei es von den USA oder von der offiziellen irakischen Seite. Auf was sollte eine Meinung basieren? Deshalb habe ich beschlossen, diesbezüglich einfach im Moment niemandem mehr zu glauben.”




[PA]

Links

http://www.pelzig.de

Gefällt's? Teile es.

Services
Service

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung