Hardy Krüger im Interview

"Berlin ist Heimat"

published: 05.10.2005

Hardy Krüger spielt wieder Theater (Foto: Public Address) Hardy Krüger spielt wieder Theater (Foto: Public Address)

Der Weltenbummler und Weltstar Hardy Krüger hat zwar schon 14 Bücher geschrieben, aber erst jetzt sein erstes Bühnenstück. „Zarte Blume Hoffnung – Liebesbriefe aus einer geteilten Stadt“ feierte am 29. September im Hamburger Ernst Deutsch Theater Premiere. Das Stück mit Hardy Krüger und Judy Winter wurde inszeniert von Kay Neumann und läuft bis zum 4. November 2005.

Als „deutsche Tragödie, die 1918 beginnt und 1989 endet“ beschreibt Krüger sein Stück, das die Beziehung einer Malerin aus Ostberlin und eines Journalisten aus Westberlin behandelt. Der internationale Filmstar - er drehte u.a. mit John Wayne, James Stewart, Stanley Kubrick und Robert Redford – hat als Zeitzeuge den Mauerbau vor Ort erlebt. „Ich selbst habe die deutsche Teilung für mich nie angenommen. Es schmerzte mir in der Seele, dass in dem einen Teil Deutschland wieder eine Diktatur, wenn auch mit anderen Vorzeichen, auflebte.“

Sie sind in Berlin geboren und leben hauptsächlich in Kalifornien. Wie ist es für Sie, jetzt in Hamburg zu sein?
Hardy Krüger: „Als ich gerade 17 Jahre alt und der unselige Krieg zu Ende war, habe ich hier am Deutschen Schauspielhaus gespielt. Wir spielten damals im Besenbinderhof - an der Kirchenallee waren die Engländer. Ich habe als Statist in einer Inszenierung von einem späteren Freund von mir angefangen: Helmut Käutner. Er inszenierte mit der wunderbaren Hilde Krahl und meinem altem Freund Gustav Knuth. Die beiden haben „Der Widerspenstigen Zähmung“ gemacht - eine wunderschöne Aufführung. Da war ich Statist und ich war die ganze Zeit Statist in Hamburg und dann ein Jahr in der Provinz bei einem Wandertheater. Danach bin ich nach Hamburg zurückgekommen zur Jungen Bühne. Ich bin Wahlhamburger seit 1945 und nie von Hamburg weggegangen. Als ich 17 Jahre lang zu Füßen des Kilimandscharo gelebt habe, bin ich auch immer wieder nach Hamburg gekommen, weil ich hier einen Freund hatte, den legendären Buchhändler Felix Jud. Seine Bücherstube am Neuen Wall gibt es heute noch. Durch den bin ich bei Rowohlt zum ersten Mal gedruckt worden. Das war mein ursprüngliches Berufsziel. Ich war nie von Hamburg weit weg - geographisch schon, aber nicht in meinem Kopf und nicht in meinem Herzen.“

Hardy Krüger (Foto: Public Address)Hardy Krüger (Foto: Public Address)

Was mögen Sie an Hamburg?
„Hamburg ist die schönste Stadt Deutschlands. Ich bin seit nahezu 30 Jahren mit einer Amerikanerin verheiratet. Sie hieß damals Anita Park. Wir hatten uns in den kalifornischen Bergen ein Haus gebaut. Ich habe ihr gesagt: ‚Ich brauche auch eine Wohnung oder ein Haus in Deutschland. Du kannst es dir aussuchen: entweder Berlin, Hamburg oder München.’ Dann haben wir in München ein paar Monate lang probegewohnt, in Berlin und in Hamburg ein paar Monate lang probegewohnt. Und dann hat Anita sich zu meiner Freude Hamburg ausgesucht. Wir haben immer noch eine Wohnung in Hamburg, hier an der Außenalster. Deswegen sage ich mit Fug und Recht: Ich bin von Hamburg nie weg gewesen“

Was bedeutet Ihnen Berlin?
„Berlin ist Heimat. Das ist aus einem Leben, aus einem Kopf nicht wegzudenken. Die Gegend aus der man kommt, die ersten Laute die man gehört hat... Ich habe Berliner Dialekt gehört, bevor ich Hochdeutsch gehört und gelernt habe, also das ist Heimat. Deshalb höre ich das nach wie vor mit großem Vergnügen - auch Plattdeutsch, aber der Berliner Dialekt ist meine eigentliche Heimat. Hamburg ist mein Zuhause.“

Wie ist es für Sie, wieder am Ernst Deutsch Theater zu arbeiten?
„Die ersten Proben sind wunderbar verlaufen. Wir haben mit Kay Neumann einen sehr guten Regisseur, der hier eine wunderschöne Inszenierung gemacht hat, die ich mit Anita zusammen gesehen habe: Ingmar Bermanns ‚Herbstsonate’. Und als der Volker Lechtenbrink, auch ein alter Freund von mir, vorgeschlagen hat, dass Kay Neumann das macht, habe ich sofort ja gesagt. Judy, mit der ich seit langem Theater spielen wollte, hat mir gesagt, dass sie schon drei oder vier Mal mit ihm zusammen gearbeitet hat und sie es sich das auch wünschen würde. Die Zusammenarbeit bei den Proben ist wunderbar.“


Hatten Sie schon mal Schwierigkeiten mit Regisseuren?
„Ich hatte es als junger Schauspieler nicht leicht am Deutschen Theater. Ich bin ein ungelernter Schauspieler. Ich bin nie auf einer Schauspielschule gewesen - nicht weil ich es nicht wollte, sondern weil ich kein Geld hatte, einen Schauspiellehrer oder eine Schule zu bezahlen. Ich habe es in der Praxis gelernt und hatte es nicht immer leicht mit Regisseuren, die aus einer anderen Theaterwelt kamen und diese merkwürdige Maxime hatten, man muss einen Schauspieler erstmal zerbrechen und dann wieder zusammensetzen. Also mich zu zerbrechen, ist noch niemanden gelungen. Einmal, da hat ein Regisseur einen Spiegel von mir an den Kopf gekriegt. Dann wurde ich fristlos entlassen."

Judy Winter und Hardy Krüger (Foto: Public Address)Judy Winter und Hardy Krüger (Foto: Public Address)

Was gefällt Ihnen an Judy Winter?
„Sie ist eine ungewöhnliche Schauspielerin. Sie hat eine Art Theater zu spielen, die mir sehr liegt. Ich kann nicht so tun als ob, ich kann nur richtig spielen oder gar nicht. Und zu dieser Art Schauspieler gehört auch Judy. Sie hat eine Art, das Theater so zu betrachten, wie ich es immer gesehen habe und wie ich mein ganzes Leben lang Theater gespielt und Filme gemacht habe. Deshalb habe ich mich darauf gefreut, mit ihr endlich zusammenarbeiten zu können.“

Sie haben bereits viele Bücher geschrieben - „Zarte Blume Hoffnung“ ist jetzt das 14. Es ist jedoch Ihr erstes Bühnenstück. Warum?
„Ich weiß nicht, warum ich nicht vorher daran gedacht habe. Wahrscheinlich habe ich einen angeborenen Respekt vor Autoren, die Bühnenstücke schreiben. Ich habe nie daran gedacht. Das ist jetzt nur dadurch gekommen, dass das Ernst Deutsch Theater wollte, dass ich hier spiele. Ich wollte auch hier spielen. Ich wollte mit Judy spielen, Judy wollte mit mir spielen und wir haben kein Stück gefunden. Dann haben wir plötzlich gesagt, dann schreiben wir halt selber eins. Dann bin ich ein halbes Jahr mit mir spazieren gegangen und habe darüber nachgedacht, dann habe ich ein Jahr lang daran geschrieben und jetzt ist es fertig.“

Sie haben „Zarte Blume Hoffnung“ als eine Liebeserklärung bezeichnet. An wen oder was?
„An meine Heimatstadt Berlin, die ja vom Schicksal so gebeutelt ist und die eigentlich eine deutsche Tragödie durchlebt, die das ganze Land seit 1918 und davor durchlebt hat. Es wurde höchste Zeit, dass ich eine Geschichte in Berlin erzähle, wie sie mir am Herzen liegt. Das habe ich schon einmal gemacht mit dem Film „Zwei unter Millionen“, aber da war die Mauer noch nicht gebaut - das heißt, sie wurde während der Dreharbeiten gebaut. Und nun wollte ich einmal ein Stück schreiben, was mit uns Deutschen – meistens aus Eigenverschulden - geschehen ist.“

Sie waren Zeitzeuge der wichtigsten Stationen der Berliner und Deutschen Geschichte. Wenn Sie heute durch Berlin gehen, mit welchen Gefühlen tun Sie das?
„Das ist eine gemischte Angelegenheit, weil die kleine Wohnung, in der wir leben, wenn wir in Berlin sind, schaut runter auf das Brandenburger Tor. Und dieses Brandenburger Tor hat eine große Rolle in meinem Leben gespielt. Immer. Ich habe da gesehen, wie eine geschlagene deutsche Armee ihre Koppelschlösser verkauft. Ich habe im Krieg hinter dem Brandenburger Tor die Linden brennen sehen, ich habe den Tiergarten dahinter brennen sehen und ich habe eine geschlagene sowjetische Armee gesehen, wie sie Koppelschlösser und Mützen verkauft. Dieses Brandenburger Tor ist für mich in meinem Leben von großer Bedeutung.“

Jetzt gibt es viele, die sagen, Deutschland steht wieder an einem Scheideweg - die Bundestagswahlen stehen kurz bevor. Wie sehen Sie die jetzige Situation in Deutschland?
„Ich habe eine ganz fest umrissene politische Meinung. Ich kann einfach nicht konservativ denken. Ich denke progressiv, bin aber der Meinung, dass es für mich als Staatsbürger nicht wichtig ist, welche Partei das Rennen macht, sondern es ist für mich wichtig, welche Gruppierung von Menschen dieses Land durch eine schwierige Zeit führt. Die schwierige Zeit entsteht in meinen Augen dadurch, dass die Amerikaner den falschen und sehr gefährlichen Mann im Weißen Haus haben. Ich habe mit großer Genugtuung gesehen, dass Gerhard Schröder uns nicht in einen, wie er es nennt ‚unsinnigen Krieg’ - ich finde ‚verbrecherischen Krieg`- hat hineinbringen lassen. Ich rechne es ihm hoch an, dass er unsere Soldaten aus dem Irakkonflikt herausgehalten hat. Ich bin auch der Meinung, dass er es richtig macht, endlich einige Reformen angefangen zu haben, die Kohl schon in den Achtziger Jahren hätte in Angriff nehmen müssen. Ob Schröder das richtig angefangen hat oder nicht, das weiß ich nicht. Ich bin da kein Fachmann. Aber dass diese Reformpolitik fortgesetzt werden muss, ist mir klar. Was ich sagen will ist dies: Wer ein Land führt, muss gut sein. Die Partei ist mir dabei unwichtig, sondern wichtig ist die Persönlichkeit eines Kanzlers, die Persönlichkeit eines Präsidenten. Ich finde, wir haben einen sehr guten. Die Persönlichkeiten um den Kanzler oder in unserem Fall möglicherweise um die Kanzlerin herum sind auch wichtig und dürfen Vertrauen nicht nur immer als Wort vor sich hertragen. Sie müssen Vertrauen erbringen. Es wird höchste Zeit, dass dies geschieht.“

Hardy Krüger Junior (Foto: Public Address)Hardy Krüger Junior (Foto: Public Address)

Über Ihren Sohn, auch ein berühmter Schauspieler, war gerade zu lesen, dass er der neue Förster in der Serie „Forsthaus Falkenau“ wird. Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?
„Da konnte ich nicht richtig drauf reagieren, weil ich die Serie nie gesehen habe. Ich bin kein wirklicher Fernsehzuschauer. Ich habe nur darauf reagieren müssen, weil er mich danach gefragt hat. Er hat mich also nach meiner Meinung gefragt, ich habe ihm meine Meinung gesagt und er hat sich danach verhalten. Ich konnte nur auf eine Sache reagieren und sagen: ‚Wenn du in eine Serie gehst, noch dazu in eine, die es schon gibt, die ein anderer schon vor dir gespielt hat, dann muss das Ganze neu konzipiert werden, weil du sonst einen Fehler machst.’ Und er hat mir gesagt, den Fehler habe er nicht gemacht, er habe dafür gesorgt, dass das neu konzipiert wird.“

Sind Sie stolz auf Ihren Sohn?
„Das Wort benutze ich nicht einmal sonntags. Ich freue mich über die Art, wie er an seinen Beruf herangeht. Ich finde, dass er viel ehrgeiziger ist, als ich es je gewesen bin, weil ich immer viele Berufe angestrebt habe und nicht nur einen. Im Gegensatz zu meinem Freund Mario Adorf kann ich gut lange Zeit leben, ohne als Schauspieler arbeiten zu können. Ich habe die Schreiberei, ich führe Regie. Aber mein Sohn hat einen Ehrgeiz, den ich sehr, sehr bewundere, und eine Ernsthaftigkeit und darüber freue ich mich sehr.“

Was sind Ihre nächsten Ziele?
„Das Stück jetzt zu spielen. Das ist ein langes, langes Ziel und ein hartes Stück Arbeit. Aber ich kann nur hoffen, dass unsere Arbeit gelingt - so gelingt, dass wir dem Publikum etwas Bedeutsames mitteilen und das Publikum zum Nachdenken bringen, aber gleichzeitig auch unterhalten, denn ich schließe mich der Meinung meines Freundes Yul Brunner an, der gesagt hat: ‚Wir haben den schönsten Beruf der Welt.’ Wir müssen ihn nur richtig machen. Und ich kann nur hoffen, dass es dem Publikum gefällt, was Judy, Kay Neumann und ich jetzt in der Mangel haben.“

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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