Hörspiele und Hörbücher

Liest du noch oder hörst du schon?

published: 27.10.2005

"Harry Potter und der Orden des Phönix" (Foto: Hörverlag) "Harry Potter und der Orden des Phönix" (Foto: Hörverlag)

Gern erinnern wir uns daran, als wir auf dem Pausenhof über das neuste Abenteuer von "Die drei ???" fachsimpelten. Oder über die vier unerschrockenen Hobbydetektive "TKKG". Inzwischen hat so mancher die auf dem Dachboden verstaubten Kassetten von ihrer Schmutzschicht befreit und zurück ins Regal gestellt. Denn um die Helden der Jugend ist inzwischen ein regelrechter Kult entstanden. Zur 100. Folge von „Die drei ???“ brachte der Verlag sogar eine limitierte Edition auf Vinyl für Sammler auf den Markt, die inzwischen erstaunliche Summen bei Internetauktionen erzielt.

Doch nicht nur Hörspiele sind mit Verkaufsschlagern wie "Harry Potter" (1,7 Millionen verkaufte Exemplare) inzwischen ein Trend, sondern auch audiophile Versionen literarischer Großtaten von Goethe und Schiller. Wer zu faul zum Lesen ist oder wem die Zeit fehlt, Lücken im Allgemeinwissen zu schließen, der schiebt einfach eine CD ein und lauscht den Worten des Erzählers. Das kann sogar im Auto auf dem Weg zur Arbeit passieren oder nach einer augenermüdenden Computersitzung. Weitere Vorteile beim Hörbuch: Die Stimme des Erzählers kann dramaturgisch genutzt werden. Und Elemente wie Musik und Geräusche lassen bestimmten Passagen besondere Bedeutung zukommen.

Stefan Wolf Stefan Wolf "TKKG 147 - Hölle ohne Hintertür" (Foto: BMG Ariola)

Hörspiel ist nicht gleich Hörbuch
Generell besteht ein Unterschied zwischen einem Hörbuch und einem Hörspiel, auch wenn die Begriffe vor allem im Handel durcheinander geschmissen werden.

Bei einem Hörbuch handelt es sich um eine akustische Umsetzung eines Buches, meist mit nur einem Sprecher. Dabei wird dem Konsumenten im Grunde das Buch vorgelesen und das Ergebnis auf einem Tonträger festgehalten. Egal ist, ob es sich bei den Hörbüchern um fiktive oder sachliche Texte handelt.

Anders das Hörspiel: Hier werden die einzelnen Charaktere eines Buches mit verschiedenen Sprechern besetzt und so der Einsatz gestalterischer Elemente deutlich verstärkt. Oft übernimmt im Hörspiel eine Erzählstimme die Aufgabe, nur Gedachtes zu äußern, Handlungsstränge zusammenzufassen oder Szenenwechsel anzukündigen. Dies ist notwendig, weil die rein akustische Inszenierung des Geschehens Nonverbales nicht abbildet. Grundlage für Hörspiele sind in der Regel fiktionale Stoffe.


Die Produktion eines Hörspiels ist deutlich aufwändiger als die eines reinen Hörbuchs und bedient sich auch Methoden aus Film und Theater. So mussten für die MDR-Produktion von „In 80 Tagen um die Welt“ nach dem berühmten Roman von Jules Verne dieses Jahr ganze Horden von Mitarbeitern ins Tonstudio gekarrt werden, um stilechtes Indianergeheul abzugeben. Logisch, dass bei solchen Vorhaben eine Art Drehbuch geschrieben werden muss. Für Jules Vernes Weltreise wurde sogar eigens atmosphärische Hörspielmusik komponiert, die das Deutsche Filmorchester Babelsberg mit dem Dirigenten Oliver Pohl eingespielt hat.

Die Beliebtheit von Hörbüchern hat sich soweit gesteigert, dass für den Verne-Klassiker in der 150 Minuten langen Hörbuchversion Schauspiel-Stars wie Axel Milberg als Phileas Fogg oder Martin Semmelrogge gewonnen werden konnten. Denn mit ihren aus dem Fernsehen bekannten Stimmen haben diese Schauspieler einen hohen Wiedererkennungswert.

80 Jahre Hörspiel
Dabei ist das Hörspiel genauso wie das Hörbuch eigentlich nichts Neues. Das Hörspiel kann auf eine über 80 Jahre lange Geschichte zurückblicken und hat sich trotz TV, Video und DVD nicht verdrängen lassen. Es darf sogar als erstes eigenes Format des Radios bezeichnet werde. Bereits im Januar 1924 lief bei der BBC in London „A Comedy Of Danger“, das erste Hörspiel der Geschichte, in dem es um einen Unfall in einem Bergwerk ging.

"Krieg der Sterne" auf englisch (Foto: Der Hörverlag)

Es dauerte nur wenige Monate und am 24. Oktober lief beim Sender Frankfurt I „Zauberei auf dem Sender“, das erste deutsche Hörspiel. Weitere wie der Klassiker „Das Käthchen von Heilbronn“ von Heinrich von Kleist folgten. Einer der ersten Autoren, der die Bedeutung des Radios und damit auch des Hörspiels erkannte, war Bertolt Brecht, der 1932 „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ in der Berliner Funkstunde aufführte und in den folgenden Jahren weitere Radio-Produktionen erdachte.

Das wohl bekannteste Hörspiel produzierte Jahrhundert-Schauspieler Orson Welles, der sich 1938 an eine Radioversion von H.G. Wells „Der Krieg der Welten“ machte. Anders als Tom Cruise in der jüngsten Kinoversion gelang Welles etwas, das wohl auch der Hollywood-Beau gerne geschafft hätte: Er brachte die Leute dazu, sich wahrhaft zu erschrecken. Denn bei der Ausstrahlung beim New Yorker Sender CBS im Jahr 1938 war die fiktive Situation eines Angriffs von Außerirdischen für die Zuhörer so realistisch, dass sie panisch auf die Straße rannten und besorgt zum Himmel blickten.

Kleine Geschichte des Hörbuchs
Auch die Geschichte der Hörbücher reicht lange zurück. Ursprünglich waren Hörbücher für blinde und sehbehinderte Menschen gedacht. Die Idee zu Hörbüchern stammt von der amerikanische Kongress-Bibliothek, die 1931 von der US-Regierung beauftragt wurde, ein System zu entwickeln, das Blinden ermöglichen sollte, Literatur zu konsumieren: das "Readaphon" mit speziellen Schallplatten. Das erste "richtige" Hörbuch folgte 21 Jahre später. 1952 erschien die Tonbandproduktion "A Child's Christmas In Wales", die von Dylan Thomas geschrieben und gesprochen wurde.


Erst 1975 spezialisierte sich die weltweit erste Firma ausschließlich auf Hörbücher. Drei Jahre später folgte die Gründung des ältesten deutschen Hörbuchverlags durch die Erich Schumm GmbH in Murrhardt, die seit 1995 unter dem Namen "Steinbach sprechende Bücher" veröffentlichen.

Auch die Namen für Hörbücher haben sich gewandelt. Bis in die 1970er-Jahre sprach man von der "Sprechplatte", ab den 1980er-Jahren von der "Hörspielkassette". Mitte der 1990er-Jahre kam der englische Ausdruck "Audiobook" auf, der später durch "Hörbuch" ersetzt wurde.

Die Erfolgsstory
Obwohl das Hörbuch und das Hörspiel ursprünglich für Blinde entwickelt worden waren, sind sie heute alles andere als dürftiger Buchersatz für bildungshungrige Sehbehinderte oder Senioren. Nach einer Studie eines Info-Magazins sind Hörbuch-Konsumenten potentielle Buchkäufer, nutzen das Medium sehr oft, sind gebildet, beruflich stark engagiert und statistisch älter als 40 Jahre. Eine Umfrage des Börsenvereins brachte zutage, dass gut 44 Prozent der Befragten Interesse am Hörbuch haben, darunter die Hälfte zwischen 35 und 54 Jahren, 29 Prozent älter als 54 Jahre. Hörbuch-Bestseller für Erwachsene wie "Sofies Welt" oder "Der kleine Prinz" wurden inzwischen 100.000 und 300.000 Mal verkauft. Zum Vergleich: Normalerweise können sich Verlage schon über vierstellige Verkaufszahlen freuen.

"Der kleine Prinz" (Foto: Patmos Verlag)

Augenblicklich gibt es etwa 8.000 bis 10.000 lieferbare Titel sowie 800 Neuerscheinungen pro Jahr, angeboten von fast 300 Verlagen, unterstützt von etwa 600 Buchhandlungen. Sogar einige reine Hörbuchläden gibt es inzwischen in Deutschland, wenn auch nur in Oldenburg, Hamburg, Lübeck, München und Berlin.

Auch wenn hierzulande der Anteil von Hörbüchern und Hörspielen am gesamten Buchmarkt mit 3,2 Prozent recht gering erscheint, gibt es keine Sparte, die so hohe Verkaufs- und Produktionsanstiege zu verzeichnen hat. Im letzen Jahr betrug der Umsatz-Zuwachs satte 33,7 Prozent. Besonders hervorgetan haben sich hier die Kinder- und Jugendhörbücher mit einem Zuwachs von fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. So war der Hörbuchbereich auf der kürzlich zu Ende gegangenen Frankfurter Buchmesse mit fast 70 Ausstellern groß wie nie zuvor.

Ob die Zukunft der literarischen Tonträger im Downloadformat mp3 oder bei der DVD liegt, wird zur Zeit in der Branche heiß diskutiert. Zwar bieten DVD-Produktionen wie die Jules-Verne-Klassiker im Surround-Sound fast ein Hör-Erlebnis wie im Kino, stehen aber mit ihren hohen Produktionskosten in Konkurrenz zu simplen Internet-Foren. So bietet zum Beispiel www.vorleser.net Hörbücher mit klassischer Literatur zum kostenlosen Download an.

Interessant ist die Themenvielfalt der Angebote. 2004 war die Belletristik mit über 42 Prozent die größte Themengruppe. Sachbücher und Ratgeber machten nur acht Prozent der verkauften Hörbücher aus. Auf Platz zwei avancierten vielmehr Kinder- und Jugendthemen, deren Marktanteil satte 27,4 Prozent ausmachte. Und trotz MP3 und DVD bevorzugen die Kids immer noch die gute alte Kassette. Wie in unserer Jugend.

[Jörg Römer]

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www.vorleser.net

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