Abdel Sellou im Interview

"Philippe hat mein Leben bereichert"

published: 08.04.2012

In "Einfach Freunde" erzählt Abdel Sellou zum ersten Mal über seine kriminelle Jugend und über die Zeit als Pfleger von Philippe Pozzo di Borgo (Foto: Public Address) In "Einfach Freunde" erzählt Abdel Sellou zum ersten Mal über seine kriminelle Jugend und über die Zeit als Pfleger von Philippe Pozzo di Borgo (Foto: Public Address)

Der Kinofilm "Ziemlich beste Freunde" ist ein Phänomen: Die Geschichte vom querschnittsgelähmten Millionär Philippe und seinem Pfleger Driss, einem Ex-Häftling aus einem Pariser-Problemviertel, begeisterte in Frankreich und Deutschland Millionen Zuschauer. Die Schauspieler Francois Cluzet und Omar Sy verkörpern auf der Kinoleinwand das ungleiche Paar. Die einzigartige Freundschaft der Filmfiguren basiert auf einer wahren Begebenheit.

Der Krankenpfleger heißt in Wirklichkeit Abdel Sellou. Er hat gerade sein Buch "Einfach Freunde" veröffentlicht, in dem er über die Zeit vor und während der Arbeit mit Philippe Pozzo di Borgo erzählt. Unikosmos sprach mit dem humorvollen Araber.

Wie haben der Millionär Philippe und Sie, der Ex-Häftling, als Team funktioniert?
Abdel Sellou: "Unsere Freundschaft zeichnet sich durch Ehrlichkeit, durch Humor und durch eine Form von Frechheit aus. Obwohl wir zwei aus so gegensätzlichen Welten stammen, leben wir unsere Gemeinsamkeiten aus. Das heißt, dass wir im Moment leben, anstatt über die Vergangenheit oder die Zukunft nachzudenken."

Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie den Film "Ziemlich beste Freunde" zum ersten Mal gesehen haben?
"Ich war amüsiert, verwundert und auch stolz. Es war interessant, zehn Jahre meines Lebens noch einmal zu erleben."

Mit wem haben Sie den Film angesehen?
"Ich habe den Film in einer Privat-Vorführung mit mit Pozzo selbst und unseren Frauen gesehen. Natürlich kannten die Leute, die mir nahe stehen, schon einige Geschichten. Aber sie wussten nicht, wie weit wir gegangen sind, und auch nicht, wie viel Blödsinn wir gemacht haben."

Viele der Szenen im Film haben Philippe und Sie tatsächlich erlebt, wie zum Beispiel die Polizei-Eskortierung. Wie war es für Sie, diese Szene anzuschauen?
"Wenn man die Szene auf der Leinwand sieht, sagt man sich nur 'Wow, die Typen haben Glück gehabt!' Aber wenn man es wirklich selbst erlebt hat, dann sieht man es schon anders. Im Kinosessel ist es nicht der gleiche Stress, den man empfunden hat, und auch nicht das gleiche Glück. Außerdem handelte es sich gar nicht wie im Film um eine Wette: Philippe hat für mich den Kranken gespielt, weil ich keinen Führerschein hatte. Es gab also ein echtes Risiko, dass ich wegen Geschwindigkeitsübertretung und wegen Fahrens ohne Führerschein ins Gefängnis gewandert wäre. Wir mussten auch wirklich ins Krankenhaus fahren. Es gab dort eine Konferenz, bei der er teilnehmen sollte. Wenn man dafür, dass man Blödsinn gemacht hat, eskortiert wird, ist das natürlich das Größte, das einem passieren kann."

Wie fühlen Sie sich, wenn sie mit der Filmfigur Driss verglichen werden?
"Driss ist die Verbesserung von mir. Man sieht ihn zwei Stunden lang im Film - bei mir sind es zwanzig Jahre meines Lebens. Der Schauspieler Omar Sy ist ein großer, athletischer Typ, der super tanzen kann und optisch das Gegenteil von mir ist: Ich bin ein kleiner Glatzkopf und sehe eher aus wie Shrek (lacht)."

In ihrer Biographie "Einfach Freunde" erzählen Sie zum ersten Mal ausführlich von Ihrer kriminellen Jugend und Ihrer Gefängnisstrafe. Wieso waren Sie jetzt dazu bereit, davon zu berichten?
"Das Buch ist auf 300 Seiten eine große Danksagung an Philippe, weil er mir so geholfen hat. Man sagt immer, die Wörter verfliegen und das Geschriebene bleibt. Ich habe immer versucht, den Scheinwerfern zu entfliehen, aber mit dem riesigen Erfolg durch den Film ist das jetzt nicht mehr möglich."

Abdel Sellou mit Unikosmos-Mitarbeiterin Laura Treskatis (Foto: Public Address)Abdel Sellou mit Unikosmos-Mitarbeiterin Laura Treskatis (Foto: Public Address)

Mittlerweile arbeiten Sie nicht mehr für Philippe. Fiel es Ihnen schwer, mit dem Job aufzuhören?
"Es war keine schnelle Trennung. Es war ein ganz langsamer Prozess, der sich über sechs bis acht Monate hinzog. Philippes Frau hat einen immer größeren Platz in seinem Leben eingenommen und ich habe mich langsam zurückgezogen. So ist eine andere Form von Verbindung zwischen uns bestehen geblieben. Wir telefonieren alle zwei bis drei Tage miteinander und schicken uns fast täglich E-Mails. Alle drei Wochen sehen wir uns."

Im Buch blicken Sie auf Ihre Vergangenheit zurück. Würden Sie mit der Erfahrung von heute etwas anders machen?
"Man darf nicht vergessen, dass ich damals jung war. Mir war nicht bewusst, wie ich gelebt habe. Wichtig ist letztendlich nicht das, was man früher gemacht hat, sondern das was man jetzt tut."

Philippe schreibt im Nachwort, dass Sie ihn in zehn Jahren in jeder Phase seines Lebens unterstützt hätten. Inwiefern machen Sie diese Worte stolz?
"Philippe hat mein Leben mehr bereichert als ich seins. Aber natürlich ehrt es mich, solche Komplimente zu hören. Es macht mich glücklich."

[Laura Treskatis]

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Ziemlich beste Freunde im Kino

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