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Günter Grass initiiert Lübecker Literatentreffen

Die Gruppe, die keine Gruppe sein will

published: 08.12.2005

Workshopleiter Günter Grass mit Benjamin Lebert (Foto: Public Address) Workshopleiter Günter Grass mit Benjamin Lebert (Foto: Public Address)

Eigentlich sollte es um Prosa gehen, aber dargeboten wird großes Theater. Ein an Beckettsche Großtaten gemahnendes Meisterwerk, Publikumsbeschimpfung inklusive. Das Stück handelt von einer Gruppe, die keine Gruppe sein will und zu einer Fragestunde über ein Thema bittet, das keines ist.

Dazu finden sich etwa zwei Dutzend Journalisten im „Günter Grass-Haus“ zu Lübeck ein und geben das Publikum. Die Darsteller hat man aus dem Nachwuchsfundus des deutschsprachigen Literaturbetriebes rekrutiert: Michael Kumpfmüller, Katja Lange-Müller, Benjamin Lebert, Eva Menasse, Matthias Politycki, Tilman Spengler. Dazu Günter Grass, der gastgebende Altmeister des Wortes. So sitzen sie im Halbrund den Fragestellern vis-a-vis und verströmen tiefes Bewusstsein über die eigene Bedeutung. Nur Benjamin Lebert, das Küken, hat den professionellen Schreiberblick noch nicht so drauf. Lebert schaut ein wenig verängstigt, ein wenig abwesend. Er lächelt geheimnisvoll in sich hinein und wirkt – sympathisch.

Grass erzählt, wie die Sieben ihren Tag verbrachten. Man hatte sich gegenseitig aus unfertigen Manuskripten vorgelesen und die Kollegen um Rat und Meinung gebeten. Keine Frage, ein generationenübergreifender Autorenworkshop hohen Ranges. Schön sei das gewesen, schwärmt Grass. Und das Beste: Es waren keine Journalisten anwesend. Niemand, der um des Mäkelns willen mäkelte. Der Bücher zerriss, ohne sie gelesen zu haben. Klammer auf: wie bei der Feuilletonjournaille üblich. Klammer zu. Nur wohlmeinende Anregungen wohlmeinender Mitstreiter.

Workshopteilnehmer Politycki: geschätzter Rat der Kollegen (Foto: Public Address)Workshopteilnehmer Politycki: geschätzter Rat der Kollegen (Foto: Public Address)

Überhaupt, die Journalisten. Die hätten bereits im Vorfeld des Literatentreffens leichtfertig mit Schlagwörtern hantiert. Hätten suggeriert, die „Gruppe 47“ stehe kurz vor der Wiederbelebung. Was für ein Unsinn. Nun ja, Grass hatte in einem „ZEIT“-Interview lang und breit darüber geplaudert, welche möglichen Parallelen sich ergeben könnten zwischen „Lübeck 05“ und jener legendären Literatengruppe um Hans-Werner Richter. Und er hatte vor allem deutlich gemacht, was er von der Autorenschaft der Gegenwart erwarte: gesellschaftliche Einmischung, politisches Engagement. Eigentlich waren all die Journalisten aus genau diesem Grund in die Hansestadt gepilgert. Eigentlich waren sie deswegen eingeladen worden.

Gut, von der „ZEIT“ ist also keine Rede mehr. Literarischer Austausch statt politischer Schlagabtausch, über diese Formel herrscht Einigkeit im Schriftsteller-Halbrund. Wozu also all die lästigen Fragen nach Satzungen und Sendungswillen? „Wir haben diskutiert, mit Würde, Anstand und Humor. Acht Stunden bis zur Erschöpfung“, sagt Tilman Spengler. „Da war eine Gesprächskultur, die es im Feuilleton nicht mehr gibt“, sagt Matthias Politycki. „Das war ein sehr offenes Experiment“, sagt Michael Kumpfmüller. Und: „Ich weiß gar nicht, was Sie schreiben wollen, weil wir nur über Literatur gesprochen haben.“

Workshopteilnehmerin Menasse: Rätseln über den Sinn des Ganzen (Foto: Public Address)Workshopteilnehmerin Menasse: Rätseln über den Sinn des Ganzen (Foto: Public Address)

Ja, was schreiben? Gute Frage. Gibt es denn vielleicht schon einen Namen für die neue Gruppe? Achselzuckendes Schweigen auf dem Olymp, bis sich Tilman Spengler erbarmt und ein gelangweiltes „Lübecker Literatentreffen“ herausbringt. Um sogleich hinzuzufügen: „Der Name hat solange Bestand, bis er beim nächsten Mal wieder geändert wird.“ Aha, danke für die Auskunft.

Die letzten, die entscheidenden Worte gehören Eva Menasse: „Warum überhaupt eine Pressekonferenz? Vielleicht sollten wir die besser beim nächsten Mal machen.“ Ja, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht.

Eine Nachbemerkung: Im Anschluss an die Pressekonferenz finden sich die sieben „Lübecker Literaten“ im Lübecker Buddenbrookhaus zu einer Lesung ein. Mit intelligenten, witzigen, nachdenklichen, melancholischen, mit schönen Texten begeistern sie das Publikum. Michael Kumpfmüller und Benjamin Lebert wagen sich sogar mit unveröffentlichtem Material auf die Bühne, von dem die allermeisten Hörer hoffen werden, dass bald Gedrucktes daraus werde. Ach, warum hätte diese Lesung nicht anderthalb Stunden früher beginnen können?

[Jens Findeisen]

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