Rollenspiele

Mal ein ganz anderer sein

published: 22.07.2014

Tom Hillenbrand hat mit Pointer über das Buch "Drachenväter" und die Faszination von Rollenspielen gesprochen (Foto: Benne Ochs) Tom Hillenbrand hat mit Pointer über das Buch "Drachenväter" und die Faszination von Rollenspielen gesprochen (Foto: Benne Ochs)

Computer-Rollenspiele sind ein Phänomen: Über 15 Millionen Menschen weltweit kämpfen sich als Paladin, Zauberer oder Waldläufer durch die fantastischen Welten von "World of Warcraft", "Guild Wars" und Co.. Dass die Ursprünge dieser Games jedoch beim preußischen Militär des 19. Jahrhunderts liegen, wissen die wenigsten. Zum 40-jährigen Jubiläum des Kult-Spiels "Dungeons & Dragons" haben sich die Journalisten und begeisterten Rollenspieler Tom Hillenbrand und Konrad Lischka nun des Themas angenommen. Ihr Buch "Drachenväter" erzählt die Geschichte des Rollenspiels.

An "Drachenväter" ist jedoch nicht nur das Thema, sondern auch die Finanzierung besonders. Denn das Buch wurde per Crowdfunding realisiert. Dabei wird das benötigte Geld durch interessierte Internetnutzer über ein Onlineportal wie Startnext zur Verfügung gestellt. Die Kapitalgeber erhalten für ihre Beteiligung eine Gegenleistung. 10.000 Euro haben die Autoren zu Beginn als ihr Ziel gesehen, letztlich sind es 20.511 Euro geworden. Damit zählt das Werk zu den erfolgreichsten Crowdfunding-Buchprojekten Deutschlands. Pointer hat mit Hillenbrand über "Drachenväter" und die Faszination von Rollenspielen gesprochen.

Warum sind Rollenspiele so erfolgreich?

Tom Hillenbrand: "Die Menschen wollen ihrem Alltag entfliehen. Das tun sie am liebsten, indem sie sich in fantastische Welten begeben. Im Rollenspiel kann man Sachen machen, die man in seinem eigenen Leben nicht tun kann: Man kann ein besoffener Zwergenkrieger oder eine Amazonenkriegerin sein. Häufig sind die Spieler schüchterne, introvertierte und nicht so sportliche Leute, die gern einen muskulösen Barbaren spielen möchten. Dabei lassen sich Teile von sich selbst ausleben, die man sonst nicht herauslassen kann - schließlich ist jeder durch Arbeit und Familie auf seine Rolle festgenagelt. Wenn man 'World of Warcraft' spielt, dann ist es egal, ob man Deutscher, Amerikaner, schwarz, weiß, Mann, Frau, homo oder hetero ist. Alle sind plötzlich irgendetwas anderes und man wird dafür auch nicht komisch angeguckt."

Das Buch "Drachenväter - die Geschichte des Rollenspiels und die Geburt der virtuellen Welt" von Tom Hillenbrand und Konrad Lischka (Monsenstein und Vannerdat)Das Buch "Drachenväter - die Geschichte des Rollenspiels und die Geburt der virtuellen Welt" von Tom Hillenbrand und Konrad Lischka (Monsenstein und Vannerdat)

Sie sind seit über 20 Jahren selbst begeisterter Rollenspieler. Wie oft spielen Sie?

"In der Regel spiele ich alle drei, vier Wochen gemeinsam mit Freunden. Wir spielen noch diese vorsintflutlichen Tischrollenspiele. Die Version mit Bleistift und Würfeln. Die modernen Computer-Rollenspiele zocke ich nur ab und zu."

Was fasziniert Sie an Tischrollenspielen?

"Als ich Mitte der 80er-Jahre angefangen habe, gab es natürlich schon Computerspiele. Aber das waren kleine Quadrate, die über einen Bildschirm gehüpft sind. Wenn man eine komplexe Geschichte nachspielen wollte, ging das nur in einem Gesprächsspiel am Tisch. Es ist zwar cool, 'World of Warcraft' zu spielen, aber es kommt nicht daran heran, dass man am Tisch mit richtigen Leuten spricht. Das hat immer noch eine andere Erzähltiefe, macht mehr Spaß und ist menschliche Interaktion. Zudem ist es viel einfacher, Atmosphäre und Spannung aufzubauen, wenn alle mit einer Kerze um einen Tisch sitzen."

Wie läuft so ein Spiel ab?

"Das ist ähnlich wie beim Computer-Rollenspiel. Jeder verkörpert eine Figur: Elfenkrieger, Waldläufer, Dieb und so weiter. Gespielt wird mit sechs-, zehn-, oder 20-seitigen Würfeln. Dann gibt es den Spielleiter. Der ist der Regisseur und führt die Spieler durch die Geschichte. Er beschreibt die Welt, die Leute und sagt, wie sie reagieren. Ein guter Spielleiter spricht in direkter Rede, in verschiedenen Akzenten oder Tonhöhen. Das ist vielleicht der Grund, warum viele Leute Tischrollenspiele noch toll finden. Beim Computerspiel kann man nur das machen, was vorher programmiert wurde."

Was ist Ihr Lieblingsrollenspiel?

"Ich spiele am liebsten 'Dungeons & Dragons'. Das ist das erste Rollenspiel und der amerikanische Klassiker. Ich mag Fantasy mit Drachen, Paladinen und Orks einfach gerne!"

Gibt es einen Charakter, die Sie besonders gerne spielen?

"Obwohl man sein kann, wer man möchte, variieren die Leute nicht so viel, wie man denkt. Ich bin meist der diebische Charakter mit dem Bogen. Bei 'Herr der Ringe' wäre ich immer einer der Hobbits oder Legolas, aber ich wäre nie Gandalf."

Drachenva?ter: Die Geschichte des Rollenspiels Drachenväter: Das Buch über 40 Jahre Rollenspiel und die Folgen. Millionen Menschen spielen "World of Warcraft", "Eve Online" oder "Farmville". Diese Abenteuer in virtuellen Welten gehen zurück au Drachenva?ter: Die Geschichte des Rollenspiels

Vor der Buchveröffentlichung: Die Autoren werben für ihr Projekt


Das Buch "Drachenväter" haben Sie gemeinsam mit Konrad Lischka geschrieben. Stimmt es, dass der Titel auf einen "Spiegel"-Artikel Ihres Kollegen zurückgeht?

"Das war der Ausgangspunkt. 'Dungeons & Dragons' wurde 1974 von den Amerikanern Gary Gygax und Dave Arneson erfunden. Als die beiden vor einigen Jahren starben, hat Konrad Nachrufe verfasst. Der eine Nachruf hieß 'Der Drachenvater'. Das war nicht nur der Titel, sondern auch der Auslöser, warum wir das Buch gemacht haben. Wir haben gemerkt, wie lange die Erfindung des Spiels schon her ist und was inzwischen daraus geworden ist."

Wie aufwändig war die Recherche für das Buch?

"Wir haben ungefähr vier Jahre gebraucht. Wir hatten Glück, dass die größte Spielemesse der Welt in Essen im Ruhrgebiet stattfindet. Dort haben wir Leute interviewt. Das war das Aufwändigste, denn das sind häufig schon ein bisschen ältere Herrschaften. Zum zweiten mussten wir die alten Spiele bei Ebay oder Antiquariaten bestellen. Ansonsten haben wir klassische journalistische Recherche betrieben und beispielsweise alte Zeitungsarchive durchsucht. Es war die aufwändigste Recherche, die ich bisher gemacht habe."

Haben Sie dabei jemanden getroffen, den Sie schon immer interviewen wollten?

"Wenn man selber ein Fan ist, dann trifft man da seine Helden. Ich habe früher viel das bekannteste deutsche Rollenspiel 'Das Schwarze Auge' gespielt. Mit dessen Macher Werner Fuchs habe ich stundenlang geredet. Das war toll. Der ist gut 20 Jahre älter als ich, aber es klickt sofort, weil man das gleiche Hobby hat. Nerd zu sein, ist anscheinend alterslos."

Warum haben Sie das Projekt durch Crowdfunding finanziert?

"Der Großteil der Verlage, bei denen wir das Projekt vorgestellt haben, sagte: 'Was ist denn das für ein Nerd-Scheiß?' Die wussten gar nicht, was Rollenspiele sind. Selbst diejenigen, die das Thema interessant fanden, haben uns spätestens dann freundlich hinaus gebeten, wenn wir verlangten, dass das Buch Bilder haben und vierfarbig sein müsse. Das war denen einfach zu teuer. Wir konnten es zwar jetzt finanzieren, aber wenn man einen richtigen Reibach machen will, hätten die 20.511 Euro nicht gereicht."

Viel Arbeit waren bestimmt auch die Geschenke, die die Leute für ihre Beteiligung an der Finanzierung bekommen haben...

"Genau, die haben das Buch sowie Buttons und T-Shirts erhalten. Wer sich mit 500 Euro beteiligte, bekam zudem eine Fantasy-Zeichnung von einer Profizeichnerin: Die Person konnte sich zum Beispiel als Elfenkrieger darstellen lassen. Zudem war eine persönliche Lieferung des Buches eingeschlossen."

[Liesa-Marie Schmidt]

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Links

"Drachenväter" im Web
"Drachenväter" auf Facebook
Homepage von Tom Hillenbrand
Das Crowdfunding-Portal Startnext

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