Audrey Tautou im Interview (Foto: Public Address) Audrey Tautou im Interview (Foto: Public Address)
"Mathilde - eine große Liebe"

Audrey Tautou im Interview

In "Die fabelhafte Welt der Amélie" verzauberte sie die Welt. Jetzt hat Audrey Tautou, die hübsche schwarzhaarige Hauptdarstellerin, noch ein weiteres Mal mit Regisseur Jean-Pierre Jeunet zusammengearbeitet. Der neue Film des Erfolgsteams heißt "Mathilde – eine große Liebe" und läuft am 27. Januar in den deutschen Kinos an. Er spielt in der Zeit während und nach dem Ersten Weltkrieg.

Die junge Französin Mathilde erfährt, dass ihr Verlobter Manech (Gaspard Ulliel) unter mysteriösen Umständen zwischen den französischen und deutschen Stellungen umgekommen sein soll. Doch Mathilde meint, wenn Manech tot wäre, würde sie es spüren. Ihr Glaube ist unerschütterlich. Sie macht sich auf die Suche nach der Wahrheit... "Mathilde – eine große Liebe" ist eine Adaption des berühmten Romans "Die französische Verlobte" von Sébastien Japrisot.

Ich habe gelesen, dass Sie nach Beendigung eines Filmprojekts gerne reisen – nur mit einem Rucksack. Nach "Die fabelhafte Welt der Amélie” hat es Sie nach Asien gezogen. Wohin hat es Sie nach den Dreharbeiten zu "Mathilde – eine große Liebe” verschlagen?
Audrey Tautou: "Ich bin in Island gewesen. Ich werde vielleicht noch einmal verreisen, aber ich weiß noch nicht genau, wohin. Und ganz nackt verreise ich eigentlich selten (lacht)."

Dreht sich der Film "Mathilde" um die Liebe oder um den Krieg?
"Die Geschichte spielt zwar während und nach dem Ersten Weltkrieg, aber für mich ist es die Geschichte eines Verschwindens, die jederzeit spielen könnte."

Glauben Sie wie Mathilde an die eine große Liebe?
"Meine Großeltern sind seit 66 Jahren verheiratet. Also habe ich ein gutes Vorbild."

Was können Sie am besten spielen? Wo fühlen Sie sich unsicher und was empfinden Sie als leicht?
"Im wirklichen Leben bin ich ein eher schüchterner Mensch. Ich hätte möglicherweise nicht unbedingt Schwierigkeiten, aber es würde mir einen Tick schwerer fallen, wenn ich jemanden spielen müsste, der das Gegenteil von schüchtern ist. Aber ich versuche es und wenn es klappt, wunderbar! Und wenn nicht, war es auch eine Erfahrung. Ich glaube, dass ich niemals der Stein des Anstoßes eines Projekts sein könnte. Es sind wirklich die anderen, die meine Talente aus mir herausholen. Ich bin allerdings bereit, jedes Abenteuer einzugehen."

Bei der "Mathilde"-Premiere in Hamburg standen Sie zwar auf der Bühne, wurden aber weder etwas gefragt noch haben Sie selbst etwas sagen sollen. Hat Sie das nicht gewundert?
"Das hat mich überhaupt nicht erstaunt. Diese Art von Übung behagt mir nämlich überhaupt nicht. Ich war diejenige, die darum gebeten hat, dass ich nichts sagen muss und dass man mir auch keine Frage stellt. Es ist mir bis heute nicht gelungen, einen Satz zu finden, der nicht absolut bescheuert klingt. So nach dem Motto: ‚Schön, hier zu sein’ oder ‚Ich hoffe, Sie werden genauso viel Freude an dem Film haben wie wir beim Drehen’ oder so."

Es gibt Leute, die können alles sagen und es klingt immer charmant.
"Dieses Talent besitze ich leider nicht."

Es gibt viele Kritiker und Fans, die von Ihrem Gesicht und besonders Ihren Augen schwärmen. Hätten sie Lust, einmal einen Stummfilm zu machen?
"Ich spiele überhaupt nicht bewusst mit meinen Augen. Das passiert einfach. Wenn andere das so sehen, ist das okay. Ich hätte durchaus einmal Lust, einen Stummfilm zu drehen. Dann müsste ich ja keinen Text lernen (lacht)!"

Einerseits sind Sie als berühmte Schauspielerin eine Art öffentliche Person. Andererseits sind Sie jemand, der sein Privatleben schützt, nicht wahr?
"Ja, das ist schon ein Paradox. Meine Freunde sagen auch immer, es sei im Grunde die Höhe, dass es mir als zurzeit bekannteste französische Schauspielerin überhaupt keine Freude macht, den Ruhm zu genießen."

Warum nicht?
"Ganz einfach: Weil Ruhm und Bekanntheit nie das waren, nach dem ich gestrebt habe. Ich habe diesen Beruf ergriffen, weil ich Vergnügen am Spielen habe und gerne im Team arbeite. In dem Moment, wo man berühmt wird, steht man immer allein. Das mag ich überhaupt nicht."

Ist es anstrengend, sich dagegen zu wehren?
"Ich kämpfe nicht dagegen, fliehe auch nicht davor. Das ist im Grunde unmöglich. Das wäre ein vergeblicher Kampf. Es ist im Grunde eine weitere Rolle, die ich akzeptiert habe, weil ich weiß, dass ich dadurch letzten Endes eine größere Freiheit habe und besser leben kann."

Manche Schauspieler repräsentieren quasi ein Land - wie Hugh Grant, der als typischer Engländer betrachtet wird. Glauben Sie, dass Sie im Ausland die typische Französin repräsentieren?
"Ich habe keine Ahnung. Erstens weiß ich nicht, was eine typische Französin ist und zweitens habe ich ein bisschen Angst vor Klischees. Der Witz ist, zu Zeiten meines Schauspielstudiums und vorher hat man mich oft gefragt, wo ich eigentlich herkomme, weil die Leute fanden, dass ich nicht typisch französisch aussehe. Nordafrika oder Südeuropa wurde gemutmaßt. Manche vermuteten asiatische Vorfahren."

Mathilde ist eine ganz starke Frau, die nie aufgibt und jedes Handicap überwindet. Glauben Sie, dass Sie in einer ähnlichen Situation auch diese Stärke hätten?

"Ich glaube schon, dass ich, wenn jemand in meiner engsten Familie verschwinden würde, mein Leben lang Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde, um eine Antwort zu erhalten. Aber in einem nicht ganz so dramatischen Kontext bin ich eher nicht bereit, alles zu tun, um ans Ziel zu gelangen."

Sie haben für den Film eigens Tuba gelernt. Wie war das?
"Ich habe als Kind gerne musiziert und sehr viele Instrumente gespielt - Oboe und auch Klavier. Es war ein Vergnügen für mich, in der Vorbereitung auf ‚Mathilde’ ein ganz neues Instrument zu entdecken. Ich freue mich auch, weil ich das Instrument bekommen werde, wenn die ganzen Ausstellungen vorbei sind."

Was, glauben Sie, sehen Produzenten in Audrey Tautou, wenn sie Sie besetzen? Ist es Naivität? Unschuld?
"Ich glaube nicht, dass die Leute, die mich engagieren wollen, eine solch vorgefertigte Meinung haben, dass sie sagen: ‚Oh, da war sie so schön naiv oder so verletzlich, das wollen wir jetzt noch einmal.’ Das glaube ich nicht."

"Amélie" war Ihr erster internationaler Erfolg, der große Durchbruch. In "Mathilde" spielen Sie eine ähnliche Figur. Haben Sie manchmal Angst, auf eine solche Rolle festgelegt zu werden?
"Darüber mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ‚Amélie’ wie einen Klotz am Bein mit mir herumschleppe. Ich habe in meinen Augen sehr unterschiedliche Rollen gespielt, mit ganz unterschiedlichen Regisseuren."

Wenn Sie die Dreharbeiten zu "Mathilde" mit der Arbeit an "Amélie" vergleichen, worin lag für Sie der Unterschied?
"Mathilde darzustellen, war für mich schwieriger, weil mehr Leid involviert war. Bei den Dreharbeiten konnte ich nicht so sehr ich sein wie bei ‚Amélie’. Mathilde ist eine sehr emotionale Rolle – und Tränen lassen sich nicht vortäuschen."

Der Regisseur Jean-Pierre Jeunet hat im Vorfeld gesagt, Mathilde sei ein bisschen wie Amélies Großmutter. Könnte das sein?
"Ich kann das nicht unterschreiben. Die Hauptfiguren in Jeunets Filmen ähneln sich durchaus. Ich habe die Rolle so gespielt und angenommen, als wäre es das erste Mal, dass ich mit Jeunet drehe. Da schwebte kein Phantom von Amélie im Hintergrund herum."

War es ein Hindernis, für die Rolle hinken zu müssen, oder eine Hilfe?
"Es war eher eine Hilfe. Ich habe mich schlau gemacht, wie das ist, wenn man dieses Handicap hat. Es hat mir eher geholfen."

Mathilde ist wieder eine Figur, die etwas sammelt und skurrile Wettbewerbe abhält. Inwiefern ist die Privatperson Audrey Tautou auch eine Sammlerin, jemand, die in etwas aufgehen kann?
"Ich habe überhaupt kein Interesse daran, irgendetwas zu sammeln. Es war halt typisch für Jeunet - er macht das eben im Privatleben auch. Das verdeutlicht, dass er wirklich der Vater all seiner Figuren ist."

Sie spielen in der einen Hälfte des Films - in der Liebesgeschichte. Daneben gibt es die andere Hälfte - die Kriegsgeschichte. Sind Sie jemals dort an den Set gegangen, um die Bilder des Schützengrabens zu verinnerlichen?
"Ich war nicht dabei, als Szenen gedreht wurden, aber man hat mir gesagt, ich solle mir unbedingt den Set angucken, weil er so wahnsinnig realitätsgetreu sei, und da bin ich hingegangen. Ich war sehr beeindruckt. Die Vorstellung, dass nach Dreh-Ende die ganzen Gräben zugeschüttet und alles wieder zerstört würde beziehungsweise in den Naturzustand zurückversetzt würde, tat mir im Herzen weh."

Ein Krieg, der in der Gegenwart stark umstritten war und der auch zur Zeit der Dreharbeiten stattfand, ist der Krieg gegen den Irak. Was ist Ihre Meinung dazu?
"Auch wenn der Film von einem Krieg handelt, glaube ich nicht, dass er irgendeinen speziellen Aktualitätsbezug hat. Es finden ständig Kriege statt."
Ich fragte nach Ihrer persönlichen Einstellung.
"Ich unterstütze in dieser Sache voll und ganz die deutsche und die französische Position."

Wenn Sie einen Oscar für diese Rolle bekommen würden, wo würden sie ihn aufbewahren?
"Es wird wohl kaum dazu kommen, dass ich den Oscar gewinne. Und wenn, hätte ich keine Ahnung. Wahrscheinlich bei meinen anderen Preisen. Mein César lag lange in einem Plastikkarton. Dann habe ich mir gesagt: ‚Es ist eigentlich nicht nett, ihn da verkommen zu lassen.’ Jetzt steht er auf einem Regal im Wohnzimmer. Ich hatte mich über den César wirklich sehr gefreut und deshalb habe ich den César da herausgenommen. In dem Karton liegen aber noch ein paar andere Preise. Heute Abend (21. Januar 2005, Anm. d. A.) bekomme ich schon wieder einen Preis - den Adenauer-de Gaulle-Preis für gute deutsch-französische Beziehung. Das hat mit dem Film allerdings überhaupt nichts zu tun. Die Verleihung findet im Salon de l’horloge (des Französischen Außenministeriums in Paris, Anm. d.A.) statt."

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Die Autorin: Heike Kevenhörster
Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Karateka, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.