Die Schauspielerin Charlotte Schwab spricht mit Unikosmos über den Fußball (Foto: Public Address) Die Schauspielerin Charlotte Schwab spricht mit Unikosmos über den Fußball (Foto: Public Address)
Charlotte Schwab und der Fußball

Spielkultur

Wenn die Schauspielerin Charlotte Schwab über Fußball spricht, strahlt sie übers ganze Gesicht wie Luca Toni nach einem Traumtor. "Ich gucke irrsinnig gern Fußball. Ich kann mich den ganzen Tag darauf freuen, dass am Abend ein Spiel stattfindet", erzählt die Schweizerin. Als TV-Kommissarin löst sie in der Krimireihe "Das Duo" Mordfälle und ermittelt bei der Autobahnpolizei "Alarm für Cobra 11". Über Fußball gerät sie schnell ins Schwärmen: von ManU und seinem "genialen" Christiano Ronaldo, von Barcelonas Messi, den sie "liebt", und dem "göttlichen" Zinédine Zidane – dessen Kopfstoß im WM-Endspiel 2006 sie "formvollendet", ja "grandios" fand. Im Gespräch agiert sie wie ein Topkicker auf dem Platz: mit vollem Einsatz, aber lässig bei den Dribblings, bevor, manchmal nach kurzem Antäuschen, der Schuss aufs Tor knallt.

In einer normalen Woche schaltet Schwab samstags die Bundesliga-Berichterstattung auf Premiere ein. Einen Tag später schaut sie die Sonntagsspiele. Als SC-Freiburg-Fan verfolgt sie zudem die Zweite Liga. Dienstag- und Mittwochabend sind für die Champions League reserviert und donnerstags steht der UEFA-Cup an. "Es ist aber nicht so, dass ich mir dienstags, mittwochs und donnerstags gar nichts anderes vornehme. Wenn da ein Termin ansteht, hat der schon Vorrang", schränkt Schwab ein. "Aber eigentlich nur ein beruflicher!"

Zu Hause in Schwabs Wahlheimat Hamburg zog ihr ausgeprägtes Hobby ein ungewöhnliches Arrangement nach sich, denn ihr Ehemann - Schauspieler und Bühnenregisseur Sven-Eric Bechtolf - teilt ihre Leidenschaft für Fußball nicht. "Den Samstagnachmittag hat er aber immer sehr respektiert. Da hieß es: 'Mama wird jetzt in Ruhe gelassen' und ich wurde bedient", erzählt Schwab. Heute genießt sie es, ein Spiel zusammen mit ihren beiden fußballbegeisterten Söhnen zu sehen. Der ältere, Max Simonischek, steht allerdings zurzeit im Maxim Gorki Theater Berlin als Hamlet auf der Bühne. Während wichtiger Begegnungen schicken sich die Fußball-Fans dann SMS. Burg-Star Peter Simonischek, Schwabs erster Ehemann, sendet Kurzmitteilungen aus Wien.

Bei der EURO 2008 drückt Charlotte Schwab gleich drei Teams die Daumen. Zum einen ihrem Heimatland, der Schweiz, diesem bemerkenswert britisch geprägten Fußball-Land, in dem man "Abseits" "Offside" nennt, keine "Ecke", aber einen "Corner" kennt, nicht etwa einen "Elfmeter", sondern einen "Penalty" tritt und statt eines Tores ein "Goal" bejubelt. Dort erlebte sie mit 14 Jahren ihr erstes Spiel live - im Stadion des FC Basel. Damals rannte Ottmar Hitzfeld noch im Trikot auf dem Rasen herum.

"Die Schweiz hat wirklich gute Spieler, aber leider, wie man beim Deutschland-Spiel neulich gesehen hat, kein System", so Schwabs Einschätzung der heutigen Nationalmannschaft unter Köbi Kuhn. "Es wird Zeit, dass ein Trainerwechsel stattfindet und Hitzfeld kommt." Ihrer Ansicht nach müssten "Wunder über Wunder" geschehen, bevor die Eidgenossen den EM-Pokal holen. Sie hofft auf die Unterstützung durchs Publikum, sieht aber in der schweren Gruppe A mit der Türkei, Tschechien und Portugal keine Chance, dass die Gastgeber die Vorrunde überstehen. Die 55-Jährige fiebert auch für Deutschland, weil sie seit über 30 Jahren hier lebt. Da ihr Vater Italiener war, schlägt ihr Herz außerdem für den Weltmeister. "Ich habe sogar ein Schlüsselband in den italienischen Farben. Nach der WM durfte ich das lange Zeit nicht auspacken", lacht sie. Sie ist ja selbst der Meinung, dass die Italiener 2006 "Scheiß-Fußball" gespielt hätten. "Ich mag dieses Knappe nicht, dieses Berechnende, dieses Spielen auf Ergebnis. Aber mein Herz ist trotzdem mit ihnen. Abgesehen davon, sind die Italiener die Schönsten von allen", findet sie. Und fügt schmunzelnd hinzu: "Ich darf mir erlauben, das zu sagen, weil ich etwas von Fußball verstehe."

Am besten sehe der frühere Verteidiger Paolo Maldini aus, sinniert Schwab genüsslich, "und selbst dieser kleine Kraftbolzen Gattuso, dieser Arbeiter, hat etwas Schönes." Auch Francesco Totti oder Bayern-Star Luca Toni kann sie optisch etwas abgewinnen. "Dabei ist Luca Toni ja eigentlich kein Fußballspieler: Er ist technisch schlecht und kann überhaupt nichts erarbeiten. Aber er hat den Riecher, ist ein Abstauber."

Die Theatralik der Südländer stört sie nicht, auch nicht deren Ruf, Freistöße zu schinden, indem sie "schauspielern". Es ist dieser Ausdruck, der Schwab nicht gefällt. "Ich finde, die Kommentatoren sollten das anders nennen: 'übertreiben' oder so", meint sie. "Schauspielen ist ein ernst zu nehmender Beruf. Wenn wir so schlecht spielen würden wie die Fußballer, dann gute Nacht!"

Als Parallele zwischen den beiden Professionen sieht die mehrfach ausgezeichnete Schauspielerin in erster Linie, dass man füreinander miteinander agiere. "Es gibt auch unter Schauspielern verschiedene Typen, etwa die Arbeiter, Heranschaffer. Dann gibt es die Vorbereiter, die wie Mittelfeldspieler sind. Und dem Stürmer vergleichbar ist dann der Absahner, der die Pointe setzt." In ihrem Metier ordnet sie sich bescheiden im Mittelfeld ein, sieht sich mehr als Arbeiterin denn als Künstlerin. "Wenn ich Fußball spielen würde, wäre ich gerne der Typ Bernd Schuster. Es würde mir Spaß machen, die Übersicht zu behalten, Ideen zu geben und ein Spiel voranzubringen."

Selbst gekickt hat Schwab nur ganz selten – mit Theatermannschaften zu besonderen Gelegenheiten wie zum Ende einer Spielzeit. Lieber ging sie schwimmen. Vor fünf Jahren fing sie dann an zu walken und steigerte sich langsam. Heute läuft sie zwei- bis dreimal pro Woche eine Strecke von sieben Kilometern. "Natürlich in einem gemächlichen Tempo: Ich brauche 55 Minuten. Da lachen alle drüber, aber mir ist das völlig egal", sagt Schwab und zieht an ihrer Zigarette. "Ich bin irre stolz, dass ich mit 54 das erste Mal um die Alster gejoggt bin."

Was für sie die Faszination Fußball ausmacht, kann sie genau benennen. "Bei schönen Spielzügen geht mir das Herz auf. Das ist dann mehr als ein spannendes Fußballspiel, das ist ein Kunstwerk!" Schwab erinnert sich noch gut an das so genannte "magische Dreieck" des VfB Stuttgart aus den Jahren 1995-97: Krassimir Balakov, Giovane Elber und Fredi Bobic. "Damals habe ich gedacht: 'Es gehört verboten, dass man das auseinander reißt. Das müsste als Spielkultur staatlich geschützt sein!'". "Ein verrückter Gedanke, das geht natürlich nicht", schiebt sie nach. Der Fernsehzuschauer, der bei einem ihrer Filme hängen bleibt, weiß jedoch recht gut, welche Empfindung Schwab meint: das Staunen angesichts unerwarteter Vollkommenheit komplexer, aber mühelos scheinender Abläufe. Als verlassene Ehefrau in einem "Ferienhaus in Schottland" etwa ringt sie derart vielschichtig um ihre Fassung, dass man trotz wenig Ahnung vom Schauspielhandwerk plötzlich begreift, was Schauspielkunst ist. Ein Eindruck, der nicht schwächer wird, wenn man beim Abspann bemerkt, dass man einen öffentlich-rechtlichen Herz-Schmerz-Schinken bis zu Ende gesehen hat, den man nie gezielt eingeschaltet hätte - nicht einmal Mami zuliebe an Muttertag.

Es ist unwahrscheinlich, Charlotte Schwab während eines EM-Spiels beim Public Viewing oder in einer Kneipe zu treffen. Beim Gedanken daran, öffentlich Fußball zu gucken, schüttelt es sie. "Das halte ich fast nicht aus", erklärt sie. "Ich kann diese Quatscherei nicht haben. Und ich kann es nicht ab, wenn sich jemand ein Bier holt und bei mir vorbeidrängt, während ein Freistoß geschossen wird. Das macht mich wahnsinnig!"

Ins Stadion geht sie hingegen gern. Am liebsten auf die Ränge, nicht in die VIP-Lounge. Am 13. Juni sieht sie in Zürich das Vorrundenspiel Italien – Rumänien. "Ein Freund von mir hat Karten bekommen und mich eingeladen. Ich freue mich sehr darauf. Da ziehe ich mein Italien-Trikot an!"

Fußball verkörpert für Schwab Spannung, Ästhetik und Kunst – hauptsächlich aber in allen Höhen und Tiefen durchlebte Emotion. Für den Titelverteidiger bei der EURO 2008 hat sie beispielsweise wenig Sympathie. "Die Griechen? Pfui Deibel. Über die habe ich mich richtig geärgert, als sie Europameister wurden. Wie die hinten stehen bleiben und mauern, das mag ich überhaupt nicht."

Tschechien indessen ist eine Mannschaft nach ihrem Geschmack – "jung und mit Ehrgeiz, die schön zusammen spielt". Dieser Elf traut sie den Titel zu. "Deutschland hat aber auch eine ganz große Chance. Jogi Löw macht das gut. Am liebsten hätte ich ein Endspiel Tschechien – Deutschland. Leider macht der Spielplan das nicht möglich."


Charlotte Schwab im TV

"Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei"
Donnerstags, 20.15 Uhr, RTL

"Berlin, Berlin - Mütter und Töchter"
Fr., 6. Juni, 18.55 Uhr, ARD

"Ein Ferienhaus in Schottland"
Fr., 13. Juni, 20.15 Uhr, HR 3

"Das Duo - Blutiges Geld"
Fr., 13. Juni, 22.35 Uhr, ZDF

"Berlin, Berlin - Ziemlich ähnlich"
Di., 17. Juni, 18.55 Uhr, ARD

"Das Duo - Tod am Strand"
Sa., 21. Juni, 22.00 Uhr, ZDF

"Das Duo - Unter Strom"
Di., 1. Juli, 20.15 Uhr, 3sat

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Die Autorin: Heike Kevenhörster
Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Karateka, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.