Kino-Tipp

"Lara"

published: 05.11.2019

Corinna Harfouch spielt in Lara eine vereinsamte, von ihrem begabten Sohn entfremdete Mutter (Foto: Studiocanal/Schiwago Film) Corinna Harfouch spielt in Lara eine vereinsamte, von ihrem begabten Sohn entfremdete Mutter (Foto: Studiocanal/Schiwago Film)

Am Morgen steht Lara Jenkins (Corinna Harfouch) auf, öffnet das Fenster, stellt sich einen Stuhl davor und steigt hinauf. Sie ist anscheinend bereit zu springen, doch es klingelt an der Wohnungstür. Zwei Polizisten benötigen die pensionierte Beamtin als Zeugin für eine Hausdurchsuchung bei den Nachbarn. Mit diesen Szenen öffnet der zweite Film des "Oh Boy!"-Erfolgsregisseurs Jan Ole Gerster. In "Lara" treibt nun nicht wie im Vorgänger ein junger Erwachsener durch die Straßen Berlins. Stattdessen schiebt sich die geschiedene Lara durch die Tristesse der Hauptstadt im Herbst. Tom Schilling, Hauptdarsteller von "Oh, Boy!", ist wieder mit von der Partie. Trotzdem ist dieser Film ganz und gar nicht wie der erste.

Als Lara an diesem Morgen aufwacht, in den ersten Szenen des Films, fällt ihr Blick und damit der Blick des Zuschauers auf eine kahle Stelle an der Wand, die von Bücherregalen gesäumt ist. Inmitten des freien Rechtecks steht noch, reichlich verloren und deplatziert, die Klavierbank, die offenbar einst das jetzt fehlende Instrument komplettierte. Es ist ein Sinnbild. Das Klavier wurde entfernt und lässt eine Lücke an der Wand zurück. Aus Laras Biographie wurde an einem Punkt das Klavierspiel entfernt und die entstandene Lücke nie geschlossen. Die Abwesenheit der Musik bekommt eine ohrenbetäubende Präsenz.

LARA Trailer Deutsch | Ab 7. November im Kino


Der Tag, der mit dem möglichen Suizidversuch und der unfreiwilligen Bezeugung der Wohnungsdurchsuchung beginnt, ist Laras 60. Geburtstag. Als wäre das nicht genug, spielt ihr Sohn Viktor (Tom Schilling) an diesem Tag das bisher wichtigste Klavierkonzert seiner Karriere. Viktor Jenkins will seine erste eigene Komposition vorstellen. Lara, die von ihrem Mann geschieden ist, ist nicht eingeladen. Kurzerhand kauft sie sämtliche Restkarten, um sie zu verschenken. Sie bietet dem herzlich guten Nachbarn, dem sie stets arrogant und abschätzig gegenüber tritt, eine Karte an, doch der hat schon eine. Ein paar Karten wird sie in der Planungsbehörde los, in der sie nicht mehr arbeitet und trotzdem noch gefürchtet ist.

Eine Karte ist für ihren ehemaligen Klavierlehrer reserviert. Er war es, der ihr das Spielen in der Jugend madig machte. Ihr Ego scheiterte an seiner harten Art. Ihr ganzes Leben ist Lara überzeugt, ihre linke Hand verhindere die ganz große Karriere. Und stets ist da der Nachhall des einen Satzes ihres Lehrers: "Lara, wenn ich an den Tag Ihres ersten öffentlichen Auftritts denke, bedaure ich Ihre Eltern jetzt schon für die Blamage." Es scheint, als hätte die Härte der Aussage in Lara die Leidenschaft für die Musik ersetzt. Was blieb, war die Obsession mit dem Instrument und das vermeintliche Wissen, nicht gut genug zu sein.
 

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„LARA“ ...im Kino.

— tomschilling_official October 30, 2019

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Der Lehrer wollte Lara nur anspornen, hat das nur so gesagt. Er verursachte eine narzisstische Kränkung und Lara schmiss ihr Leben weg. Zwischen Reue, Selbstzweifeln und Wut trieb die vom Leben und sich selbst enttäuschte Frau stellvertretend ihren Sohn zu Höchstleistungen an den weißen und schwarzen Tasten an. An der Härte ihres Lehrers zerbrach Lara - und doch wendet sie bei ihrem Sohn die gleiche Gangart an. So kostete ihr Ehrgeiz nicht nur ihr ganz persönliches Glück, sondern auch ihre Beziehung zu ihrem Sohn und die zu ihrem Mann.

Corinna Harfouch spielt diese kalte und distanzierte, teilweise regelrecht widerliche Frau brilliant. Die Mimik der Schauspielerin, durch Nahaufnahmen von Kameramann Frank Griebe in Szene gesetzt, lässt den Zuschauer abblitzen. Harfouch lässt kaum Einblick in das Seelenleben ihrer Figur zu. Nur bruchstückhaft und schematisch lässt sich der verletzte Mensch hinter der kalten Fassade erkennen. Es sind diese kurzen Momente, in denen man Empathie für Lara empfindet, nur um sie kurz darauf wieder zu verabscheuen. Es fällt schwer, sich mit dieser Figur zu identifizieren. Man schwankt zwischen Mitleid und Missgunst, Mitgefühl und Unverständnis. Lara bewegt sich durch die starren Kamerabilder wie die Fische, an denen sie vorbeistratzt, durch ihr Aquarium. Sie ist gefangen in einem Kreislauf, und immer, wenn man denkt, jetzt könnte sie doch ausbrechen, wenn sie nur dies oder jenes tut, dann tut sie es nicht.

Szenenbilder aus dem Film "Lara" (9 Bilder)

Szenenbilder aus dem Film "Lara"
Szenenbilder aus dem Film "Lara"
Szenenbilder aus dem Film "Lara"
Szenenbilder aus dem Film "Lara"


So verzweifelt man an ihrer Tragik und bemüht sich, irgendwie Zugang zu finden, so wie sich Lara verzweifelt bemüht, einen Zugang zu ihrem Sohn zu finden. Der aber hat gelernt, seine Distanz zu wahren. Seine Mutter soll nicht mehr die überpräsente Rolle in seinem Leben spielen, hat sie mit ihrer Meinung doch ohnehin viel zu viel Einfluss. Schillings Rolle fällt deutlich kleiner aus als in Gersters Erstlingswerk, doch die Szenen, die er hat, spielt er hervorragend. "Lara" ist aber ein Film für Harfouch, sie dominiert ihn.

Es hat sieben Jahre gedauert, bis Gersters nach dem Erfolg von "Oh Boy!" seinen neuen Film vorstellt. Wie seine neue Hauptfigur hat er sich einen Satz eines Vorbilds und Lehrmeisters zu Herzen genommen. Der vielfach preisgekrönte Regisseur Michael Haneke hatte ihm zu "Oh Boy!" gratuliert und Gerster wissen lassen, dass er sich auf dessen zweiten Film freue. Der Nachwuchsregisseur machte sich Druck, auch sein Zweitling sollte dem Wiener Meister gefallen. Er versuchte sich an verschiedenen Projekten. Dann kam "Lara". Der slowenische Autor Blaž Kutin hatte das Drehbuch zu "Lara" in der Schublade liegen. Er hatte dafür Preise bekommen, doch verfilmt worden war das Buch nie. Gerster brauchte ein Drehbuch und Kutin einen, der seines verfilmte. Für beide war es also ein großes Glück, dass sie einander fanden.
 

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— janolegerster October 29, 2019

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"Lara" macht es dem Zuschauer nicht leicht, einen Zugang zu finden. Es lohnt sich trotzdem, ihn zu suchen. Harfouch porträtiert eine zutiefst tragische Figur in der sich viele zumindest in Teilen wiederfinden dürften, so unzugänglich sie auch scheinen mag. "Lara" ist ein zutiefst trauriger Film über ein kaputtes Verhältnis zwischen Mutter und Sohn, der aber auch eine gewisse Komik besitzt. 

Originaltitel: "Lara"; DE 2019; Regie: Jan-Ole Gerster; Drehbuch: Blaž Kutin; Kamera: Frank Griebe; Produktion: Marcos Kantis; Darsteller: Corinna Harfouch, Tom Schilling, Volkmar Kleinert, Rainer Bock, Gudrun Ritter, Maria Dragus, Barbara Philipp, Tina Pfurr, Friederike Kempter; Laufzeit: 98 Minuten; FSK: ohne Altersbeschränkung; Kinostart: 7. November 2019; Verleih: Studiocanal

[Hauke Koop]

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