Heinrich Breloer über "Speer und Er"

"Monopol auf Hitler"

published: 09.05.2005

Heinrich Breloer (Foto: Public Address) Heinrich Breloer (Foto: Public Address)

Mit seinen Filmen hat der Regisseur Heinrich Breloer ein neues Genre geschaffen: das Dokudrama. Diese Mischung aus Dokumentation und Spielfilm ist spätestens seit der Ausstrahlung des "Todesspiels", dem Film über den "Deutschen Herbst" von 1977, in Deutschland sehr populär. Mit seinen Filmen gelingt Breloer das Kunststück, Fernsehzuschauer und Kritiker gleichermaßen zu begeistern. Jetzt zeigt die ARD das neue Werk Heinrich Breloers: den Dreiteiler "Speer und Er" über Hitlers "Größenwahn-Architekten" und späteren Rüstungsminister Albert Speer. Mit Unikosmos hat Heinrich Breloer über die Person Albert Speer, dessen Lügen und Legenden und über seine Erwartungen an einen medial gereiften Zuschauer gesprochen.


Sendetermine:
Teil 1: Germania – Der Wahn
Montag, 9. Mai, 20.15 Uhr
Teil 2: Nürnberg – Der Prozess
Mittwoch, 11. Mai, 20.15 Uhr
Teil 3: Spandau – Die Strafe
Donnerstag, 12. Mai, 20.15 Uhr
Dokumentation: Nachspiel – Die Täuschung
Donnerstag, 12. Mai, 23.30 Uhr

Seine Autobiografie „Erinnerungen“ wurde ein Bestseller, verfasst unter der Mithilfe des allseits anerkannten Historikers Joachim Fest, herausgegeben von dem renommierten Verleger Wolf Jobst Siedler. Und auch als Interviewpartner war der eloquente Albert Speer heiß begehrt bei Zeitungsjournalisten, Talkshowgastgebern und Historikern. Wie konnte einer der innigsten Vertrauten Hitlers nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis eine derartige Popularität erzielen? Heinrich Breloer über den Medienstar Albert Speer:
"Vor allem lebte er noch, und er konnte erzählen. Wenn der Intelligenteste von diesen Leuten um Hitler, bereit ist, mit Ihnen seine Erinnerungen zu schreiben, dann sagt man nicht so schnell Nein. Man ahnte schon: Das war ein großes Weltrecht, da ging es um viele Millionen, für jeden Beteiligten. Und es war auch für jeden Historiker unglaublich spannend, ihm persönliche Fragen zu stellen, Szenen in die Geschichte zu holen. Was natürlich problematisch ist, denn Speer hatte ein Monopol auf die Eins-zu-eins-Situationen, die Situationen, in denen er mit Hitler allein war. Es konnte keiner sagen: Das war nicht so. Eine komfortable Lage. Es gab zwar noch andere Zeitzeugen - aber für die intimen Gespräche, die Speer mit Hitler hatte, gab es die eben nicht."

Mittlerweile ist bewiesen, dass die Version der Geschichte, wie sie Albert Speer in seiner Autobiografie darstellte, in weiten Teilen geschönt oder gänzlich unwahr ist. Die wichtigste Fälschung: Speer hat viel mehr von den Greueltaten der Nazis an den Juden gewusst, als er zugab. Viele Fakten und Dokumente die ihn hätten entlarven können, wurden aber lange Zeit übersehen. Heinrich Breloer über das Geschick Speers, die Geschichte so zu verdrehen, dass sie ihm passt:
"Der ist auch dreist gewesen. Die ganze Führungsclique des Dritten Reiches war dreist. Speer hat mit Hitler behauptet: 'Die Reichskanzlei bauen wir in neun Monaten.' - Natürlich hatte er die Reichskanzlei schon vier, fünf Jahre vorher geplant. Es gibt jetzt Bauskizzen, die das belegen. Eines der Märchenwunder für das märchenselige deutsche Volk, wie Thomas Mann sagt. Und das hat Speer auch in seinen 'Erinnerungen' geschrieben und keiner wusste, dass es gar nicht wahr ist. Und so hat er Vieles einfach behauptet, was sich im kollektiven Bewusstsein so tief eingeschrieben und das Hitlerbild mitgeprägt hat – und keiner hat es nachgeprüft. Die Einzelteile zerlegt, Satz für Satz angeguckt und untersucht: Stimmt das überhaupt? Wie verdreht er es sich zurecht? Das ist ja eine höllische Arbeit. Ich habe dieses 'Pharaonengrab' im Bundesarchiv gesehen, wo Tausende von Zetteln aus Spandau liegen. 20.000 Zettel oder mehr. Keiner hat sie gezählt. Ungeordnet. Teilweise abgeschrieben. Auf Klopapier. Wo er anfing, seine Legende, wie er sie haben wollte, sein Bild der Geschichte aufzuschreiben. Einen Speer, mit dem er weiter leben konnte. Und einen Hitler, der dazu passte. Dem er manchmal keck auf der Nase tanzte. War das wirklich so? Kein Mensch kann das sagen. Speer wusste ganz genau: Ich habe alles verloren. Ich hab jetzt nur mein Leben und ich war in der Geschichte. Und aus der Geschichte kann mich keiner rausstoßen. Da habe ich ein Monopol, das werde ich aufschreiben. Und das könnte ein Bestseller werden. Er ist sich nicht ganz sicher, fängt aber schon im Gefängnis an, Tantiemen zu beurteilen. Und hat das dann sehr, sehr geschickt gemacht. Er hat viel Geld verdient."

Heinrich Breloer (Foto: Public Address)Heinrich Breloer (Foto: Public Address)

Wie konnte der intelligente, gebildete Alber Speer sich derart von Adolf Hitler in den Bann ziehen lassen? Was faszinierte ihn an diesem Mann? Heinrich Breloer über die Verführbarkeit Speers:
"Wenn man sich für die Verführbarkeit interessiert – der Fall Speer ist exemplarisch. Man kann sehen, wie das bei dem kippt, als Hitler zu ihm sagt: 'Sie werden Bauten errichten, wie seit 4000 Jahren nicht mehr.' Damit waren die Pharaonen gemeint! Das ist schon ein Angebot für einen jungen Architekten, der bisher nur Garagen gebaut hatte und eine mittelmäßige Begabung war. Der war ruhmsüchtig, der Speer. Das war so im Elternhaus angelehnt: was Bedeutendes werden. Plötzlich hatte er die Chance, den Eltern zu imponieren und ein ganz Großer zu werden. Der war besoffen."

Tobias Moretti in der Rolle des Adolf Hitler - diese Besetzung hat im Vorfeld bei einigen Kritikern Verwunderung hervorgerufen. Heinrich Breloer über seine Wahl:

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