Björk im Interview

Martyrium im Musical

published: 01.09.2000

Björk im Interview (Foto: Public Address) Björk im Interview (Foto: Public Address)

Die Kritiker in Cannes zeigten sich begeistert: Nicht nur die Goldene Palme ging an “Dancer In The Dark”, den neuen Film von Lars von Trier. Hauptdarstellerin Björk wurde auch gleich als Beste Darstellerin ausgezeichnet. Nicht schlecht für einen Branchenneuling, der obendrein neben Grande Dame Catherine Deneuve bestehen muss. Als “Tänzerin im Dunkeln”, eine Tschechin, die langsam erblindet, und ihrem Sohn das gleiche Schicksal ersparen will, gibt Björk eine bewegend natürliche und gänzlich uneitle Vorstellung. Als Komponistin des Soundtracks macht sie zudem die akustischen Tagträume ihrer Figur hörbar, indem sie Umweltgeräusche, Streichorchester und gewagte Melodien zu einer Mischung aus Industrial-Sound, 40er-Jahre-Musical und eigenwilligen, ätherischen Björk-Klängen verbindet. Dem dänischen Regisseur von Trier, der bereits mit “Idioten”, “Breaking The Waves” sowie “Element Of Crime” fernab von Hollywoodflicks und Routinetricks beeindruckte, ist mit diesem Musical-Drama ein weiterer großartiger Film gelungen.

Björk, in “Dancer In The Dark” flüchtet die von Ihnen gespielte Figur Selma mit Hilfe von Musik vor der brutalen Realität in eine heile Welt. Hat Musik wirklich eine solche Macht?
Björk: “Immer wenn ein Arzt ein Leben rettet, wird das in Akten festgehalten. Aber es ist nicht dokumentiert, wie oft Musik schon Leben gerettet hat. Dabei ist das bestimmt schon sehr häufig vorgekommen.”

Sie haben den Soundtrack des Filmes komponiert. Welcher Grundgedanke liegt den sieben Stücken zugrunde?
“Schon als ich das Drehbuch zum ersten Mal las - das war vor drei Jahren - hatte ich ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie Selmas Musik zu klingen hatte. Sie schien zwei gegensätzliche Pole in sich zu tragen: Phantasie und Wirklichkeit. Ihre Existenz ist davon bestimmt, diese beiden Pole jeden Tag aufs Neue auszubalancieren.”

Hat Selma in dieser Hinsicht Ähnlichkeit mit Ihnen?
“Ich habe das auch immer so empfunden, ja. Ich finde, das Verhältnis von Phantasie zu Wirklichkeit sollte etwa 50:50 sein. Hoffnungen, Wünsche und Träume spielen doch eine wichtige Rolle in unserem Leben. Der Film legt meiner Ansicht nach zuviel Gewicht auf das Realitätselement.”

Was hätten Sie anders gemacht?
“Ich hätte Selma mehr Vorstellungskraft, mehr Poesie und mehr Euphorie gegeben. Denn gerade wenn die Situation für jemanden immer schlimmer wird, zeigt sich, wie machtvoll unsere Imagination eigentlich ist. Sie ist dann stärker als die Wirklichkeit, ja, sie ersetzt sie sogar.”

Konnten Sie das auf dem Soundtrack-Album anders als im Film stärker betonen?
“Ich habe in der Tat einige Songs im Vergleich zur Filmversion geändert und ihren Phantasieanteil verstärkt. Ein Song stellt beispielsweise einen geträumten Brief von Selma an ihren Sohn dar. Ich war mir sicher, dass sie sich vor der Hinrichtung einen ausgemalt hätte. In dem Brief drückt sie ihre Hoffnung darüber aus, dass es ihm gut geht, und gibt ihm alle möglichen Ratschläge. Obwohl sie natürlich wie alle guten Mütter weiß, dass er seine eigene Erfahrungen machen muss.”

Björk - Live (Foto: Public Address)Björk - Live (Foto: Public Address)


Warum haben Sie die Hauptrolle in “Dancer In The Dark” überhaupt übernommen? Zunächst sollten Sie doch nur die Musik komponieren...
“Ich fand es gar keine gute Idee von Lars, dass er mich besetzen wollte. Ich habe ihm gesagt, er soll sich jemand von Hollywood holen. Andererseits habe ich von Anfang an sehr starke Gefühle für Selma gehabt. Ich meinte, sie zu kennen - und zwar besser als er sie kannte. Das war schon merkwürdig, denn schließlich hat er sie ja erschaffen. Ich hatte das Gefühl, sie gegen ihn verteidigen zu müssen.”

Warum haben Sie sich dann so lange geziert, das Angebot anzunehmen?
“Ich habe Lars einmal gefragt, was er sagen würde, wenn ich ihn fragen würde, ob er mit mir auf Tour gehen würde - als Saxophonist. Da guckte er mich an und meinte, er spiele nicht Saxophon. Und genau das war der Punkt! Ich bin nämlich auch keine Schauspielerin.”

Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
“In dem Moment, in dem ich zusagte, begann ich langsam damit, mein eigenes Ich durch das von Selma auszutauschen. Dabei bin ich eigentlich von Musik besessen. Ich habe ständig Songs in meinem Kopf - 24 Stunden am Tag. Das aufzugeben, war ein großes Opfer für mich. Nach einer Weile der Vorbereitung für die Rolle war ich dann so verändert, dass mich meine Freunde nicht mehr erkannt haben: Ich war so tschechoslowakisch...”

Wie liefen die Dreharbeiten mit Catherine Denueve? Hatten Sie mehr Angst davor, neben Catherine Denueve als Schauspielerin zu versagen oder war sie es, die gezittert hat, weil sie mit Ihnen singen musste?

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