Kino-Tipp

„Merry Christmas“

published: 24.11.2005

„Merry Christmas“ (Foto: Senator )„Merry Christmas“ (Foto: Senator )

Was während des Ersten Weltkriegs am Weihnachtsabend 1914 an der Westfront geschah, war erstaunlich: Monatelang hatten sich deutsche Soldaten auf der einen Seite und Franzosen sowie Briten auf der anderen Seite in den Schützengräben gegenüber gelegen. Blutige Schlachten mit Tausenden Toten waren zu bitterem Alltag geworden. Und dann: Die Soldaten vereinbarten über das Weihnachtsfest nicht nur einen Waffenstillstand, sondern trauten sich auch aus ihren Schützengräben ins Niemandsland, um dort den Feind zu treffen, mit ihm zu plaudern und kleine Geschenke wie Schokolade oder Schnaps auszutauschen. Am Ende organisierten die Parteien sogar ein Fußballspiel, bei dem es fairer zugegangen sein soll, als bei so mancher Bundesliga-Partie heute.

Ohne Waffen wagt sich Offizier Horstmayer (Daniel Brühl) aus der Deckung der deutschen Stellungen (Foto: Senator)Ohne Waffen wagt sich Offizier Horstmayer (Daniel Brühl) aus der Deckung der deutschen Stellungen (Foto: Senator)

Das Tolle an dieser unglaublichen Geschichte: Sie hat wirklich stattgefunden und ist in vielen Briefen, Tagebüchern und Militärdokumenten belegt. Ein großartiger Stoff für einen Film, fand auch der französische Regisseur Christian Carion. Zusammen mit einem bunten Team aus europäischen Schauspielern entstand „Merry Christmas“ als französisch-deutsch- englisch-belgisch-rumänische Ko-Produktion.

Dabei kam es Carion vor allem darauf an, den Film nah an der historischen Realität anzusiedeln. Deshalb haben alle Schauspieler in ihrer Landsprache gedreht. Das ergibt in der Originalfassung zwar ein sprachliches Durcheinander, ist für den Zuschauer aber - auch Dank der Untertitel - einfacher zu verstehen als erwartet. Die Story, in die die historischen Ereignisse eingebettet sind, erscheint glaubwürdig. Dennoch schrammt Carion mit der deutschen Liebesgeschichte zwischen dem Berliner Tenor Nikolaus Spring (Benno Fürmann) und seiner Geliebten, der Sopranistin Anna Sörensen (Diane Krüger), manchmal harrscharf am Kitsch vorbei. Die Stärke des Films liegt aber darin, jedes Mal rechtzeitig die Kurve zu kriegen und so nie pathetisch wirken.

Selbst diese Episode lässt sich zumindest teilweise historisch belegen. An der Westfront kämpfte 1914 tatsächlich ein Berliner Sänger in den deutschen Schützengräben. Nur ob er, wie im Film, durch seinen weihnachtlichen Gesang die Verbrüderung der verfeindeten Soldaten maßgeblich in Schwung gebracht hat, scheint fragwürdig. In der Realität haben sich die Soldaten vor dem ersten Treffen im Niemandsland mit Zetteln und Zurufen verständigt. Der Film verliert dadurch kein bisschen an Qualität, sondern setzt ein Zeichen für Frieden, Völkerverständigung und Menschlichkeit.

Nächste Seite

Seite: 1 | 2

Gefällt's? Teile es.

Services
Service

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung