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Iris Berben im Interview

Ständige Selbstanalyse

published: 06.12.2002

Iris Berben im Interview (Foto: Public Address) Iris Berben im Interview (Foto: Public Address)

Die selbstbewusste und vermeintlich glücklich verheiratete Maja erfährt nach 27 Jahren Ehe, dass ihr Mann Helmut fremdgeht – und noch schlimmer: Er hat gerade ein Kind mit seiner Geliebten bekommen. Maja spürt, dass sich hinter dieser Affäre mehr verbirgt als ein Seitensprung. Als sie feststellen muss, dass Helmut sich nicht zwischen den beiden Frauen entscheiden kann, beginnt für Maja eine schmerzhafte Zeit... Mit „Wer liebt, hat Recht“ inszenierte Matti Geschonneck ein Beziehungsdrama, in dem Iris Berben in der Rolle der Maja mit Emotionen, Ängsten und dem Älter werden zu kämpfen hat. Kaum vorstellbar, dass es der wahren Berben im Leben ähnlich ergehen könnte, ist die 52-Jährige Schauspielerin doch seit Jahren Sinnbild für die unwiderstehliche Kombination aus Erfolg, Erotik und Unabhängigkeit.
Doch wenn man sie nur lässt, findet man heraus, dass sich hinter der starken Fassade Sensibilität und ständige Selbstanalyse verbergen...

Der Titel eines ihrer aktuellen TV-Projekte lautet “Wer liebt, hat Recht”. Das ist ein einfacher Satz, kann aber auch eine relativ gefährliche These sein. Wie stehen Sie dazu?
“Für mich ist es die wahrhaftigste Antwort in diesem Film.
Leichter wäre die Geschichte zu erzählen, wenn sich dieses Paar nach 27 Jahren trennt, weil es sich nicht mehr liebt. Das Dilemma der beiden ist, dass sie lieben. Der Roman wurde aus der Sicht der Frau geschrieben. Was sie dort beschreibt ist ihre Widersprüchlichkeit. Die resultiert natürlich daraus, dass sie eine gestandene Frau ist, eine intelligente, gebildete und gelebte Frau, die souverän mit Situationen im Leben umgehen kann. Sie hat sich sicherlich schon mal gefragt, wie sie sich in einer solchen Situation verhalten würde. Als aber das Ereignis eintritt, ist sie all das nicht, was sie sich in ihrem langen Leben eigentlich als Antwort gegeben hätte. Sie ist, weil sie liebt. Und weil sie bereit ist, um etwas zu kämpfen, wird sie manchmal klein und manchmal peinlich oder widersprüchlich. Alles das hat was mit dem Leben zu tun.”

Fühlen Sie sich angesichts solch einer Unvorhersagbarkeit des Lebens manchmal unsicher?
“Ich empfinde eher eine gewisse Beruhigung dem Leben gegenüber, weil nichts berechenbar ist. Du kannst dir so viele Möglichkeiten schaffen, auch aufgrund deiner Intelligenz oder deiner Bildung. Dann reißt dir etwas die Beine weg und nichts greift mehr. Das ist für manche vielleicht eine schreckliche Vorstellung. Für mich hat es etwas Beruhigendes, weil man dadurch eben einfach nichts programmieren kann, weil auch nichts eine Gültigkeit hat. Und weil man immer wieder gefordert ist zu hinterfragen: sich, den Partner, eine Situation im Leben.”

Wie sollte man denn mit einer solch schwierigen Situation umgehen?
“Es ist sozial und bildungsmäßig so unterschiedlich, dass es jedem passieren kann. Man kann damit umgehen oder nicht. Der eine flüchtet sich mit Schmerz oder Verletzung in den Zynismus, der andere zerbricht daran, der dritte resigniert. Was auch immer. Aber es ist so individuell. Und es gibt keine Patentrezepte. Es ist alles so vielschichtig. In der Situation des Filmes hat eigentlich jeder für sich Recht, denn es geht um wahrhaftige Liebe. Der Mann verliebt sich aufgrund von Missverständnissen, Einsamkeit, Abenteuerlust, es mögen 20 Gründe sein, in eine andere Frau. Die ist aber kein Mädchen von 20 Jahren, sondern eine gestandene Frau, und er hatte wahrscheinlich wirklich vor, mit ihr ein neues Leben zu beginnen. Als es dann zu dieser großen Katastrophe - der Eröffnung - kommt, die er ja auch nur häppchenweise von sich gibt, stellt er fest, dass das, wofür er seine Frau immer geliebt hat, auch immer noch da ist. Mich hat dieses Buch so gereizt, weil ich es so wahrhaftig fand. Es gibt dir keine Antwort, es gibt dir kein Patentrezept. Immer diese unheimlich patenten Frauen in den vielen Filmen der letzten Jahre, deren eine Liebe weg ist und prompt die nächste kommt. Es gibt anscheinend für alles eine Alternative. Ich finde, die gibt es nicht. Denn wenn du dich von Träumen und Illusionen verabschiedest, hast du nicht automatisch den nächsten Traum. Dann stimmt irgend etwas nicht, dann würden Dinge austauschbar.”

Es gibt Parallelen zwischen Ihnen und der Protagonistin Maja. Auch Sie führen oft eine Fernbeziehung, sind von Ihrem Partner getrennt. Geht man da nicht auch mal mit der Angst nach Hause, dass die Fiktion die eigene Realität einholt?
“Vielleicht. Aber ich habe diese Überlegungen schon vorher zum Teil meines Lebens gemacht. Die Parallelität, von der Sie reden, ist natürlich da. Ich lebe seit fast 28 Jahre mit dem Lewy zusammen. Wir haben in der Tat so etwas wie eine Fernbeziehung. Aber durch unsere Unabhängigkeit können wir uns überall sehen, wo wir wollen. Wir sind da nicht gebunden. Das ist für mich im Film nicht eine Erkenntnis, sondern ein Wiedererkennen gewesen. Und als ich den Roman gelesen habe, hat er mich natürlich in vielen Ecken berührt, angerührt, erschrocken. Erschrocken, weil ich mir gedacht habe, es hätte jemand hinter mir gestanden, heimlich, bei Situationen, in denen man sich klein und unsouverän fühlt. Mein Mann hat keine Beziehung mit einer anderen, aber jeder weiß um den Schmerz, jeder weiß um Trennungsängste, jeder weiß auch um den Kampf. Ich kenne den Kampf nach 27 Jahren mit meinem Mann. Es ist ja nicht so, dass wir gesagt haben, wir haben uns für diese Form des Lebens entschieden, denn die ist für uns beide gut. Wir mussten das beide erst lernen, und es gibt Zeiten, da können wir damit sehr souverän umgehen und es gibt auch Zeiten, wo wir es nicht können. Es gibt Unsicherheiten, Kämpfe, Misstrauen, Trennungswünsche und Versöhnungswünsche. Das Buch ist sehr nah am Leben.”

...und zeigt sehr viel Schmerz...
“Schmerz ist jedem von uns im Laufe der Jahre mehr oder weniger bekannt. Je älter man wird, desto eher lässt man ihn auch zu und man sollte ihn zulassen. Der Film ist sehr erwachsen - so wie ich mit meinen 52 Jahren. Dass ich mich immer einer Selbstanalyse unterziehe bei dem, was ich mache, ist automatisch ein Teil meines Lebens. Als Person der Öffentlichkeit wird einem oft unterstellt, dass man alles im Griff hat und schon so lange zusammenlebt. Aber dass ich Schauspielerin bin, befreit mich nicht davon, dass ich die selbe harte Arbeit für eine Liebe oder eine Beziehung oder das Erziehen eines Kindes zu tun habe wie alle anderen Menschen auch.”

Sind Sie der Meinung, dass sich die Schmerzgrenze in Beziehungen oder, was Trennungen angeht, im Laufe des Lebens verschiebt?
“Ja. Ich bin relativ überzeugt davon. Ich kann heute mit dieser Frau mehr fühlen, auch mit dieser Situation des
Aushalten-Wollens, weil man so vieles an diesem Mann schätzt, weil man so viel Gemeinsames erlebt hat, was einen zu ungeheuren Komplizen macht. Vielleicht hätte ich mit 20 oder 25 auch anders reagiert. Ich bin mit dem Roman teilweise auf einer Lesetournee gewesen, wo sehr junge Mädchen zu mir gekommen sind mit den Worten: ‚Den verlässt man doch.’ Darüber habe ich sehr genau nachgedacht und dann habe ich mir gesagt, ‚Dieses Mädel ist nicht einmal so alt wie die Beziehung, die ich jetzt schon habe.’ Das ist gar nicht als Vorwurf gemeint. Sie glauben, dass es bei ihnen anders sein wird. Das ist keine Resignation im Alter, aber es verschiebt sich eine Wertigkeit im Sinne davon, was einem wichtig ist. Und man weiß um die Kompromisse, die man im Leben schließen muss. Es hat damit zu tun, dass man toleranter wird, souveräner und dass man weiß, worum es sich lohnt zu kämpfen.”

anchmal auch, wenn es fast schon zu spät ist...
“Manchmal auch das. Und wissen Sie, was der Wahnsinn ist? Selbst wenn man jetzt weiß, dass es wichtig ist, darum zu kämpfen, muss man erkennen, dass es immer noch nicht die Garantie gibt, dass es gehen wird. Wenn man das erkannt hat, gibt es keine Sicherheit. Das kann einen traurig oder resigniert machen, mich fordert es eher heraus. Diese Erkenntnis macht mich eigentlich noch behutsamer, so dass ich mir sage: ‚Man muss aufpassen.’ Aber ich glaube auch, dass das von jedem anders empfunden, gelebt oder erlebt wird. Jeder wird auch mit seinem Schmerz und mit seinen Erfahrungen anders umgehen.”

Da gibt es noch eine Parallele: Das Bild, das man von Ihnen als öffentliche Person hat, das der starken, erfolgreichen, attraktiven Frau, ist hier im Film nach außen hin auch so. Aber diese Frau scheint sich letztendlich entscheiden zu müssen zwischen Karriere oder Geborgenheit und Leidenschaft...
“Das, was in der Öffentlichkeit von einem wahrgenommen wird, ist teilweise die eigene Legende, an der man arbeitet oder einfach auch Mechanismen, die einen Selbstverlauf genommen haben. Als ich zugab, dass ich 1971 einen Sohn zur Welt gebracht habe, ohne den Vater zu heiraten, galt das damals als so etwas wie ein emanzipatorischer Akt. War es übrigens gar nicht. Es war einfach der Wunsch nach diesem Kind und der Vater wollte es nicht. Ich habe mich anscheinend früh etwas getraut, das man heute gar nicht mehr wahrnehmen würde. Ich bin bis heute nicht verheiratet und lebe in einer Beziehung zu einem Juden. Eigentlich alles ein paar Versatzstücke, die mich nicht unbedingt zu dem Aushängeschild oder der Vorbildfunktion machen, die ich heute bin. Also hat man immer noch etwas hinzugefügt. Das Bild, das in der Öffentlichkeit von mir existiert, ist sicher zum Teil richtig. Einiges schiebe ich sicherlich selbst an, aber ich persönlich sehe mich vielschichtiger. Heute ist man erstaunt darüber, dass ich mich für die Aussöhnung oder für das Miteinander von Deutschen und Juden einsetze, obwohl ich das schon über 30 Jahre lang mache.”

Wie leben Sie Ihr Leben heute?
“Ich möchte stark sein, aber auch verletzbar bleiben, ich möchte Entscheidungen treffen können und nicht daran kaputt gehen, auch mal die falsche getroffen zu haben. Ich möchte in meiner Widersprüchlichkeit leben, weil ich weiß, dass es Zeiten gibt, in denen ich souverän und gekonnt mit mir umgehen kann und es gibt Zeiten, da bin ich so dünnhäutig und so verunsichert, dass ich wahrscheinlich vieles falsch mache. Ich habe die Durchschnittlichkeit eines wirklichen Lebens, mit allem, was positiv und negativ ist. Und ich werde, wenn ich in der Öffentlichkeit bin, mit Sicherheit nicht meine Verletzbarkeit zeigen wollen. Die würde ich immer nur in einem privaten Kreis zulassen wollen.”
Es gibt Zeiten, in denen man sich nicht wohl fühlt in seiner Haut. Wie gehen Sie damit als Person öffentlichen Interesses um? Sie können sich ja nicht wie andere verkriechen.
“Ja, da haben Sie Recht. In dem Moment, wo man in der Öffentlichkeit steht, werden Dinge plötzlich zu einem logistischen Problem. Ich kann mir nicht immer aussuchen, wo ich bin, wenn es mir schlecht geht. Da fängt so etwas wie eine ganz starke Disziplin an, die mir im Beruf immer geholfen hat. Ich kann meine wirklichen Befindlichkeiten so abdecken, dass das niemand mitkriegt, wenn ich in der Öffentlichkeit bin. Das sind Mechanismen, die man erlernen kann. Aber ich versuche dann auch, mich so wenig wie möglich dem aussetzen zu müssen. Das ist ein Kraftakt, das gebe ich zu.”

Aber Sie kriegen das hin?
“Ich bin generell jemand, der sehr gerne alleine ist, ohne einsam zu sein. Insofern ist es dann auch für die Außenwelt nicht unbedingt sichtbar, wenn ich sage: ‚Ich bleibe jetzt mal zu Hause.’ Es ist kein Alarmzeichen, weil ich normalerweise niemand bin, der immer Action braucht. Aber ich weiß, dass ich alles, was mich ängstigt oder dünnhäutig und unsicher macht, sehr gut im Griff habe. Ich mache meine Sachen schon sehr alleine. Meine Mutter ärgert das im tiefsten Maße, da wir ein sehr enges Verhältnis haben und sie sich beschwert, dass ich ihr immer erst etwas erzähle, wenn es schon entschieden ist. So war ich wohl immer. Ich weiß, das kann feige sein. Jeder muss damit irgendwie umgehen, ich mache das gerne mit mir alleine aus.”

Ich war bei der Präsentation der neuen Rilke-CD und da schienen Sie bei der Ansprache auf der Bühne sehr bewegt. Gibt es tatsächlich noch Momente, in denen Sie in der Öffentlichkeit Gefühle zeigen?
“Die haben mich da natürlich an einem Punkt erwischt, als sie mich auf die Leo-Baeck-Preisverleihung (Anm. d. Red.: Auszeichnung des Zentralrats der Juden Deutschlands) angesprochen haben. Da bin ich sehr sensibel. Da waren die Tränen nicht zu stoppen, ich war so erregt. Da hat’s nicht funktioniert mit der Selbstdisziplin. Das ist einer dieser Momente. Das hatte mit vielen Sachen zu tun. Nach wie vor ist der Grund, wofür ich ausgezeichnet wurde, für mich eher eine Selbstverständlichkeit. Was sie über mich geredet haben, ob das jetzt der Thierse war oder der Paul Spiegel, ist mir so nahe gegangen, weil es so persönlich war. Beim Rilke war es eben auch so, der hat nur gesagt: ‚Wir fragen, ob Sie gerade einen Film drehen.’ Und plötzlich erwischt der mich kalt an einer Ecke, wo ich dann Atem holen musste. Da war’s dünn.”

War die Wahl des Filmes “Wer liebt, hat Recht” ein Kontra von einer Frau, die Erfahrungen im Leben gesammelt hat und jüngeren Frauen sagt: “Schmeißt nicht einfach alles weg. Werdet euch des Wertes einer Beziehung bewusst”?
“Man hatte mir das Skript schon zugeschickt, bevor es gedruckt wurde. Ich bin auf dem Buchdeckel mit meiner Beschreibung dieses Buches. Denn die Autorin hat gesagt, es hätte nie jemand ihr Buch in drei Sätzen so beschrieben wie ich - ob sie das drucken dürfte. Es hatte natürlich auch damit zu tun, dass ich plötzlich einen Stoff in der Hand hatte, der wirklich war. Wir haben jetzt so viele Filme gehabt, die uns etwas vorgegaukelt haben. Es ist für so vieles Platz. Lass uns die Märchen erzählen, die Träume und Hoffnungen, aber lass uns auch realistischen Stoff machen. Den kann ich jetzt machen, weil ich in dem Alter bin und weil ich eine Authentizität in der Wahrhaftigkeit des Rüberbringens habe, weil ich um die Dinge weiß. Ich muss sie mir jetzt nicht mehr vorstellen, ich weiß darum.

Ich bin während meiner Recherche auf ein Zitat von Ihnen gestoßen. Sie sollen gesagt haben “Älter werden ist scheiße”.
“Ja, das stimmt (lacht). Das ist ein flapsig daher gesagter Satz, der natürlich aus dem Zusammenhang gerissen ist. Andere beschäftigen sich mehr mit meinem Alter als ich es tue. Es scheint auch das größere Problem für sie zu sein. Wir führten also ein sehr ernsthaftes Gespräch über mein Buch “Älter werde ich später” darüber, was Alter ist und welchen Verlust es auch bedeutet. Verlust von Menschen, der körperliche Verlust, die Kraft, wie anders man sich einteilen muss und alles. Dann kam es irgendwann und er sagte: ‚Ja, wie ist es denn?’ Da kam das irgendwie, ‚Alt werden ist eigentlich scheiße.’ Es widerspricht absolut dem, was ich meine, aber es war ein Aufzählen und es wurde wirklich aus einem Gespräch herausgeholt. Klar macht sich das gut als Überschrift. Aber es war das Gegenteil dessen, das ich versucht habe zu erklären. Insofern ist das eher ein Satz, den man so, wie er alleine da steht, nicht stehen lassen kann. Älter werden ist anstrengend. Je älter man wird, desto mehr kann man sich trauen. Man kann viel frecher sein und muss viel weniger Rücksicht nehmen. In solchen Zeiten hat es was Wunderbares.”

Wenn man Sie hört, freut man sich direkt auf das, was auf einen zukommt, wenn man älter wird.
“Das kann ich auch sagen. Meine Mami ist 80 geworden dieses Jahr. Ich nehme sie auch immer zu Dreharbeiten mit. Dann kommt sie, ich sitze einen gesamten Dreh bei ihr und sie hört zu. Sie ist wach, sie ist interessiert, sie war immer vorlaut, sie war immer frech, sie weiß sehr viel. Wenn man das nutzt, kann man das im Alter natürlich auch wie eine Ramme vor sich her tragen. Ich weiß, dass alles anders ist in dem Moment, wenn man krank ist, wenn es einem schlecht geht, wenn man einsam ist. Ich kann das schon unterscheiden. Aber wenn man wach ist und wenn man das Glück hat, geht es. Man muss wissen, dass nichts selbstverständlich ist und man muss mit dem, was man hat, zufrieden sein. Ich wünschte mir, ich würde nicht ewig als eine der wenigen Ausnahmeperson gelten. Warum ist das heute so wahnsinnig aufregend, mit 52 noch gute Rollen zu kriegen? Das haben wir doch längst überwunden, dass man sich darüber wundert. Wenn man sein Lebensgefühl, seine Lebenssituation, erkennt und beschreiben kann, dann ist es schön. Aber es sind auch schmerzhafte Gedanken. Da ist auch das Wissen, wie viele Menschen sich bereits verabschiedet haben. Das hat auch damit zu tun, dass plötzlich alles messbar wird, Zeit wird messbar. Es hat ja auch etwas mit Körperlichkeit zu tun. Die Leute denken immer, man kokettiert damit. Es hat etwas mit Kraft zu tun. Ich weiß, dass ich meine Kraft heute anders einteilen muss als ich es damals konnte. Wenn ich es mir wünschen könnte, würde ich natürlich gerne ewig leben. Diese eingeteilte Zeit, dass es dann einfach vorbei ist, das macht mir Angst. Vor allem brauchte ich so lange, um alles zu begreifen.”

Aber sie haben noch nicht vor, einen Schlussstrich unter ihre künstlerische Laufbahn zu ziehen?
“Nein. Mit 50 dachte ich mal an ein Resümee. Da hatte ich plötzlich solche Ehrungen und Nachrufe. Ich war schon froh, dass ich noch auf zwei Beinen gehen konnte. Da habe ich auch mal gedacht, es wäre vielleicht besser, man tritt ab, bevor es schwer wird. Nicht mehr so viel Aufmerksamkeit, nicht mehr so viel Liebe, nicht mehr so viele Streicheleinheiten. Dann habe ich es aber anders gelöst: Ich habe mich elf Monate aus meinem Beruf zurückgezogen und habe in deutschen Schulen über Auschwitz diskutiert.”

[Sonja Ritter]

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