Kino-Tipp

"Das Parfum"

published: 13.09.2006

Tom Tykwer verfilmte den Roman "Das Parfum" von Patrick Süskind (Foto: Constantin) Tom Tykwer verfilmte den Roman "Das Parfum" von Patrick Süskind (Foto: Constantin)

Kann ein Film duften? Kann er stinken, in der Nase ätzen oder an den Geruch von zartesten Blumen erinnern? Oder in diesem Fall: Kann die cineastische Bilderkraft von Deutschlands Vorzeigeregisseur Tom Tykwer mit der geruchsintensiven Sprache von Bestsellerautor Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ konkurrieren? Die Antwort fällt in jedem Fall nicht leicht aus. Ohne Zweifel gelingt Tykwer und Produzent Bernd Eichinger aber ein großer Wurf.

Der mit 50 Millionen Euro teuerste deutsche Film besticht durch ein tolles Ensemble. Als weise Entscheidung entpuppt sich auch die Besetzung der Hauptrolle. Auf große Namen und bekannte Gesichter verzichteten Tykwer und Eichinger bewusst und gaben die Rolle des besessenen Serienmörders Jean-Baptiste Grenouille an den in Deutschland eher unbekannten englischen Theaterschauspieler Ben Wishaw. Der macht seine Sache hervorragend und verkörpert den Mörder, der selbst keinen Geruch absondert, überzeugend. Vor allem die Kulisse ist es jedoch, die den Film sehenswert macht.

Denn an dem Ort, an dem Jean-Baptiste Grenouille 1838 zur Welt kommt, stinkt es gewaltig. Für die Szene haben Tykwer und sein Team den Pariser Fischmarkt in Barcelonas Altstadt mit mehreren Tonnen Fisch und Fleisch nachgebildet. Die dreckige und schmutzige Realität der Pariser Arbeiterklasse ist es auch, die die ersten Jahre von Grenouille prägen. Mit zähen, resistenten Körper und Geist bahnt sich Grenouille den Weg durch die harte Arbeitswelt zu seinem Traumreich, der Welt der Gerüche. Sein Geruchsorgan, das er selbst als die beste Nase von Paris bezeichnet, verschafft ihm eine Lehrlingsstelle beim Parfumeur Baldini, von dem er lernt, wie man Düfte konservieren kann. Ein herzerfrischend humorvoller Dustin Hoffman spielt den alten Parfum-Meister und verleiht ihm mit Stolz und Geschäftstüchtigkeit menschliche Züge.

Nachdem Grenouille sich in der Parfum-Hauptstadt Grasse bei Madame Arnulfi (Corinna Harfouch) weitere Kenntnisse zur Duftgewinnung angeeignet hat, werden in in der Stadt nach und nach nackte Leichen jungfräulicher Mädchen aufgefunden. Während Antoine Richis (Alan Rickmann) seine wunderschöne Tochter (Rachel Hurd-Wood) schützen will, fragen die Einwohner nach dem Motiv des Serienkillers. Die Antwort wird Grenouille seinen Mitbürgern wenige Zeit später in Form eines Parfumfläschchens präsentieren...

Wenn der Zuschauer Grenouille während des Films nicht bis in seine letzten, dunklen Geheimnisse begleitet hätte, würde er sich von dem jungen Mann ebenso täuschen lassen wie die Figuren im Film. Da der verführerische Duft durch die Kinoleinwand nicht übertragbar ist, muss der Schauspieler Ben Wishaw das Publikum mit seinem unschuldigen Gesichtsausdruck umgarnen. In seiner rührenden und Mitleid erregenden Darstellung entwirft er einen sympathischeren Grenouille als Süskind im Roman. Die Verfilmung zeichnet die Hauptfigur als einen gesellschaftlichen Außenseiter, der daran krankt, dass er sozialen Umgang und die Fähigkeit zu lieben nie erlernt hat. Ben Wishaws Schauspielkunst bringt den Menschen in Grenouille zum Vorschein, der das Publikum während des gesamten Films vereinnahmt und fasziniert.

Während für die Figur Grenouille nur riechbare Schönheit zählt, setzt Tykwer auf die visuelle Kunst seiner Aufnahmen. Der Kinofilm beginnt zwar zunächst mit Szenen aus der erschütternden Pariser Arbeitswelt, jedoch verfeinern und veredeln sich die Bilder zunehmend. Besonders um die komplexe Parfumproduktion zu veranschaulichen, arbeitet der Regisseur (ebenso wie Süskind auf sprachlicher Ebene) mit Liebe zum Detail und gestaltet die Aufnahmen mit sehenswerten Einzelheiten. Schließlich wird die optische Schönheit durch die körperliche Anmut von Grenouilles Opfern und durch die finale Massenperformance abgerundet und versinnlicht.

Auch wenn es (noch) kein Geruchskino gibt, gelingt Tykwer in seinen besten Momenten die Umsetzung des Romans für das Kino. Zwar hat auch „Das Parfum“ - wie alle Literaturverfilmungen – mit der schier übermächtigen Buchvorlage zu kämpfen. Trotzdem schlägt sich Tykwer tapfer. Den richtigen Riecher hat er unbedingt.

Deutschland 2006 - Regie: Tom Tykwer - Darsteller: Ben Whishaw, Dustin Hoffman, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood, Corinna Harfouch, Birgit Minichmayr, Sian Thomas, Sam Douglas, Karoline Herfurth, Carlos Reig, Paul Berrondo - FSK: ab 12 Jahren, Verleih: Constantin

[Judith/Jörg]

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www.parfum.film.de

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