Kino-Tipp

"Der Verdingbub"

published: 25.10.2012

Waisenjunge Max (Max Hubacher) findet bei seiner Lehrerin (Miriam Stein) Ablenkung vom harten Leben als Feldarbeiter (Foto: Ascot Elite Filmverleih GmbH) Waisenjunge Max (Max Hubacher) findet bei seiner Lehrerin (Miriam Stein) Ablenkung vom harten Leben als Feldarbeiter (Foto: Ascot Elite Filmverleih GmbH)

Die Geschichte des Films beginnt im Schweizer Emmental der frühen 1950er Jahre. Der zwölfjährige Waisenjunge Max (Max Hubacher), der davon träumt, zu einer richtigen Familie mit Liebe und Zuneigung zu gehören, wird als sogenannter "Verdingbub" an die Bauernfamilie Bösinger vermittelt. Doch statt einem geordneten Familienleben erlebt dieser auf dem Hof vor allem harte Arbeit und körperliche Misshandlung von Jakob (Max Simonischek), dem Sohn des Hauses, der gerade vom Militärdienst zurückgekehrt ist. Um aus der Wirklichkeit zu flüchten und Selbstachtung zu finden, wendet er sich auf Anraten der Dorflehrerin (Miriam Stein) jede Nacht der Handorgel zu. Zu Anfang kann Max eine stille Beziehung zu Herrn Bösiger (Stefan Kurt) aufbauen, die Jakob allerdings jäh zerstört: Er sieht in dem Verdingbuben eine Gefahr für seine Familie und schreckt vor nichts zurück, um ihn einzuschüchtern. Unterstützt wird dieser Kleinkrieg von Frau Bösiger (Katja Riemann), die Max nur als billige Hilfskraft betrachtet. Währenddessen entwickelt sich langsam eine Freundschaft zwischen Max und der ebenfalls auf dem Hof arbeitenden 15-jährigen Berteli (Lisa Brand). Ihre Verbundenheit gibt beiden Verdingkindern Halt in der schwierigen Situation. Um sich den Lebensmut zu erhalten, träumen sie von einem Leben in Argentinien, in einer besseren Welt, in der man Tango tanzt und nur Fleisch isst.

Offizieller Trailer zum Film "Der Verdingbub"

Mehr Videos auf PointerTVAscot Elite Filmverleih GmbH


Dunkle Realität mit großartigen Bildern

"Der Verdingbub" ist nicht allein von grauen Bildern und düsterer Stimmung geprägt. Im Gegenteil fängt Markus Imboden die saftigen, grünen Wiesen des Emmentals im Hintergrund der täglichen Feldarbeit ein. Die Natur spielt eine wichtige Rolle im Film, sie hellt die Stimmung auf und verleiht der Handlung trotz aller Tragik eine gewisse Schönheit. Diese Aufnahmen bilden einen krassen Kontrapart zur Geschichte des Verdingbuben Max und auch zur Geschichte der Bauernfamilie Bösiger, die sich in einer Krise befindet: Während Frau Bösinger aufgrund der Missernten Wert auf harte Arbeit legt und überaus stolz auf ihren Sohn ist, verliert ihr Mann immer mehr den Draht zur Familie und gibt sich dem Alkohol hin. Durch die Verknüpfung beider Stränge ergibt sich ein weitläufiges Bild einer schwierigen Zeit. Der Film erzählt die Grausamkeiten ohne Sensationslust und legt Wert auf die Figuren, die den Film mit ihrer individuellen Entwicklung tragen. Zudem wird deutlich, dass sich die Schweiz im gesellschaftlichen Umbruch befindet: Auf der einen Seite spielen traditionelle Werte wie Gehorsam und Fleiß eine große Rolle in ländlichen Gebieten, auf der anderen Seite verkörpert die Lehrerin aus der Stadt eine Persönlichkeit, die für das "Neue" steht. Die Talente des Einzelnen sollen nun gefördert werden, die tägliche Entbehrung nicht mehr im Vordergrund stehen.

Szenenbilder aus "Der Verdingbub" (11 Bilder)

Szenenbilder aus "Der Verdingbub"
Szenenbilder aus "Der Verdingbub"
Szenenbilder aus "Der Verdingbub"
Szenenbilder aus "Der Verdingbub"


Tabuthema Verdingung

Zwischen 1800 und 1950 war die Praxis der "Verdingung" in der Schweiz üblich. Waisenkinder wurden auf dem sogenannten "Verdingmarkt" öffentlich angeboten und sollten den Käuferfamilien als günstige Arbeitskräfte ohne Lohn und dienen. Dazu wurden die Kinder oft auch vergewaltigt oder ausgebeutet, viele von ihnen starben. Eine politische Verfolgung der Misshandlungen fand nur selten statt. Die genaue Anzahl der Verdingkinder ist bis heute unbekannt. Schätzungen zufolge gab es mehrere Hunderttausend von ihnen, viele leiden noch immer unter psychischen Störungen. Regisseur Markus Imboden gelingt es mit seinem Drama, die Leidensgeschichte eines solchen Verdingbuben authentisch zu erzählen und gleichzeitig ein erschreckendes Portrait der Schweiz Mitte des 20. Jahrhunderts zu schaffen. So verwundert es kaum, dass "Der Verdingbub" in den dortigen Kinos über 235.000 Zuschauer anlocken konnte.


Originaltitel: "Der Verdingbub"; Drama; Schweiz, Deutschland 2011; Drehbuch: Plinio Bachmann; Regie: Markus Imboden; Produktion: Peter Reichenbach; Schnitt: Ursula Höf; Kamera: Peter von Haller; Darsteller: Katja Riemann, Stefan Kurt, Max Hubacher, Max Simonischek, Miriam Stein; Laufzeit: 103 Minuten; FSK: ab 12 Jahre; Kinostart: 25. Oktober 2012; Verleih: Ascot Elite

[Florian]

Amazon

Links

Webseite zum Film

Das könnte dich auch interessieren:

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung