TempEau im Interview

Über Freundschaft und „Rampensäue“

published: 19.01.2005

TempEau (Foto: Public Address) TempEau (Foto: Public Address)

Ihre erste Band hieß Matsch. Da waren Marek Harloff und Jan Plewka neun Jahre alt. Dann wurden sie erwachsen, verloren sich aus den Augen. Jan wurde als Sänger der Band Selig berühmt. Marek räumte als Schauspieler Preise und Auszeichnungen ab.

Zufällig treffen sie sich wieder. Anstatt über alte Zeiten zu reden oder aktuelle Statussymbole zu vergleichen, gründen sie die Band TempEau. Alles ist wie früher: Die Musik klingt trotzig, ehrlich und dreckig. Und rockt!



Ab sofort sind die Jungs auf Tour - mit ihrem dritten Mann, dem Selig-Kollegen Stephan Eggert, genannt Stoppel, am Schlagzeug.

Das Album „TempEau“ (Kiddo Records) erscheint Ende Januar.

Tourdaten:
19.01.05 Köln/Underground 2
20.01.05 Weinheim/Cafe Central
21.01.05 Potsdam/Waschhaus
25.01.05 Hamburg/Malersaal im Schauspielhaus
26.01.05 Kiel/"Wellenbrecher" in der Halle 400 (Tsunami-Benefizveranstaltung)
05.02.05 Düsseldorf/zakk
11.02.05 Schwerin/Dr. K
15.02.05 Kiel/Luna-Bar
18.02.05 Leer/JuZ
19.02.05 Dortmund/Cosmotopia
24.02.05 Hamburg/Knust
25.02.05 Flensburg/Volksbad
27.02.05 Oldenburg/Amadeus
04.03.05 Rostock/Mau Club
05.03.05 Berlin/Magnet Club (mit EL*KE)

 (Foto: Kiddo Records)(Foto: Kiddo Records)


Was ist denn das für ein Cover?
Jan Plewka: “Das sind Marek und ich als wir..., wie alt waren wir da?”
Marek Harloff: “…als wir noch Mädchen waren.”
Jan: “Ja.” (lacht)

Aha. Wer ist denn wer?
Jan: “Ich bin die dicke Frau und Marek ist die andere (lacht). Wir hingen damals immer im Wald herum. Die Schule hat uns rausgeschmissen und die Eltern auch. Wir waren dann immer im Wald wie Hänsel und Gretel.”
Marek: “Zwölf, dreizehn waren wir.”
Jan: “Wir haben in Rio de Janeiro eine Künstlerin kennen gelernt, eine Fotografin. Das ist ein Foto von ihr. Es hat uns sofort angesprochen und deshalb haben wir das als Cover genommen. Sie leitet eine Gruppe von Tanzmariechen in Baden-Baden. Die hat sie in ihre Kostüme gesteckt und in den tiefsten, finstersten Wald gesteckt.”

Ihr habt euch also an eure Kindheit erinnert durch dieses Foto. Was habt ihr damals im Wald gespielt?
Jan: “Marek hat mir Totenlieder vorgesungen, das weiß ich noch (lacht)“.
Marek: “Oh nein! Genau.”
Jan: “Und ich habe ihn schockiert mit einem Trick von meiner Mutter, der ging so: ‚Ich bin nicht Jan. Ich bin nicht Jan. Ich bin nicht Jan.’ Und ich habe das so lange getrieben, bis Marek ausgerastet ist und mich mit einem Stock geschlagen hat.“

Als ihr neun Jahre alt wart, habt ihr die Schulband Matsch gegründet. Was war damals eure Traumvorstellung davon, wohin das führen sollte?
Marek: “Wir hatten damals einen Proberaum bei mir unten im Keller. Da haben wir eine Boney-M.-Platte von meinen Eltern geklaut, sie gold angesprüht und an die Wand genagelt. Bei den Proben haben wir uns gesagt: ‚Eines Tages wollen wir eine Goldene Schallplatte haben.’”
Jan: “Diese Goldene Schallplatte hat das symbolisiert, was den Erfolg ausmacht: Ruhm, Macht, Drogen, Sex. Wir dachten, dann hätten wir das ganze Ding. Was Shakin’ Stevens hatte, das wollten wir auch. Und zwar mit Kim Wilde (lacht)!“

Mit Selig hast du das Ziel dann ja erreicht.
Jan: “Nein.”
Stoppel: “Wir haben nie eine Goldene Schallplatte bekommen. Aber das kommt noch: Es wird fortlaufend dazu addiert. Und es werden ja immer noch Platten gekauft.”

Ihr wart auf jeden Fall Rockstars mit der Band Selig. War der Erfolg dann so, wie du ihn dir mit neun Jahren vorgestellt hattest?
Jan: “Es ist tragisch, wenn Träume in Erfüllung gehen. Es war sozusagen da, aber ich konnte das nicht genießen, weil ich ausgepowert war. Ich hatte so viel dafür gegeben.“

Inwiefern warst du ausgepowert?
Jan: “24 Stunden am Tag bist du Selig. Selig, Selig, Selig. Und befindest dich in einem Mikrokosmos, in einer Amöbe und das Leben zieht an dir vorüber. Ich habe das damals sehr intensiv gelebt. Das ist das Alter: Es gibt so etwas wie den Alexander-Wahn - Alexander der Große ist mit 27 Jahren gestorben. Der hat die halbe Welt erobert und ist dann jung gestorben. Der typische Rock’n’Roll-Tod. Ich bin dem hoffentlich von der Schippe gesprungen!”
Marek: “Zumindest ist er der einzige, der immer noch mit der gleichen Frau zusammen ist. Alle anderen haben ihr Privatleben umkrempeln müssen.”

Wie hat die Liebe die harten Zeiten überdauert?
Jan: “Anna hat mich im Endeffekt gerettet. Sie hat mich an die Hand genommen und gemeint: ‚Jan, das hat nichts mehr mit Leben zu tun, was du da machst. Lass uns abhauen.’ Und dann sind wir abgehauen – nach Schweden.”

Was war mit den Terminen, die schon abgemacht waren?
Jan: “Ich hatte mit Selig einen Vertrag für fünf Jahre bei der Sony unterschrieben. Daraus wurden nur fünf Monate…“

Was hast du in deinem Leben umgekrempelt?




Jan: “Wirklich alles. Ich wollte nie wieder auf die Bühne, ich wollte nie wieder Sänger machen. Ich wollte nie wieder etwas mit Kunst oder dem Scheiß zu tun haben. Ich dachte: ‚Das kann mich alles am Arsch lecken!’ und bin ausgewandert. Aber am Ende vom Lied macht man, was man wirklich kann. Und das ist mein Leben, wie es damals im Wald angefangen hat.”

Und wie war das bei dir, Stoppel?
Stephan "Stoppel" Eggert: “Ich hätte wahrscheinlich noch ein bisschen länger ausgehalten als Jan. Aber als Jan gegangen war, habe ich mich auch total zurückgezogen, habe das Schlagzeug in die Ecke gestellt, mir einen Computer gekauft und gesagt: ‚Ich will keine Band mehr, ich will keinen Gruppenkonsens und diskutieren müssen. Ich mache das alles alleine.“ So habe ich weiter Musik gemacht: drei Jahre Stubenhocker-Dasein, immer zu Hause. Ist aber auf die Dauer auch langweilig, habe ich gemerkt.“

Du hast kürzlich eine Tournee lang für James Last getrommelt. Was hältst du von ihm?
Stoppel: “Er ist 75 und er spielt wahrscheinlich noch, wenn er 90 ist. Er hat gute Gene. Er ist ein Vorbild. Ich hatte erst gar keine Beziehungen zu ihm, kannte ihn nur aus dem Plattenschrank meiner Eltern. Aber so, wie ich ihn jetzt kennen gelernt habe, bewundere ich ihn. Er streitet sich mit der Plattenfirma, mit seinem Management, mit allen – weil er nur das machen will, was er gut findet. Hut ab.”

Marek, ist die Schauspielerei nicht eine andere Form von Rockstar-Dasein?
Marek: “In gewisser Weise schon. Der Ruhm und das Tamtam darum. Ich spiele seit vier Jahren den Mephisto in der ‚Faust’-Inszenierung in Weimar. Da sind viele Jugendliche im Publikum, es wird zwischendurch gekreischt und man bekommt viel Applaus. Das ist wie ein Popkonzert. So habe ich mir Rockstar-Sein vorgestellt. Aber es geht ja auch ums Musikmachen. Ich habe ja nach der Schule nicht Schauspiel studiert, sondern zwei Semester Musik! Ich wollte schon immer, aber ich habe mich nicht getraut. Ich hatte so viele Rampensäue um mich: Jan Plewka und meinen Bruder Fabian. Die standen immer vorne.“

TempEau (Foto: Public Address)TempEau (Foto: Public Address)


Als du aufgewachsen bist, war dein Bruder Fabian Harloff bereits populär und umschwärmt. Wie war das damals für dich?
Marek: “Damals war das fürchterlich. Wir waren voll in der Pubertät. Fabian und wir haben in einer Band zusammengespielt. Und ich war immer der Kleinere. Ich war 13, er 14 und ist dann 15 geworden. Dann ging das mit ‚TKKG’ los und sein Gesicht wurde eines der meist gezeigten auf der Titelseite der ‚Bravo’. Ich habe zwar immer gesagt ‚Ich finde das total doof. Das ist kommerzielle Kacke‘, aber im Grunde war ich neidisch. Alles drehte sich um ihn. In dieser Zeit konnten wir nicht so gut miteinander. Ich habe auf Anti gemacht und mir die Haare lang wachsen lassen. Das ging, bis ich Mitte 20 war. Ich habe bis dahin versucht, mich ganz nach hinten zu setzen, obwohl ich damals schon mehr Filme gedreht habe als er – zum Geld verdienen. Da hat nur keiner drüber geschrieben.“

Wie versteht ihr euch jetzt?
Marek: „Inzwischen ist das Verhältnis zu Fabian super. Meine Haltung hat sich in dem Moment beruhigt, als ich in eine Richtung gegangen bin, die Fabian selbst gewollt hatte, aber nicht eingeschlagen hat. Er hat es sehr wertgeschätzt, was ich machte. Und ich fing dann auch irgendwann an, das, was er machte, wirklich zu schätzen. Fabian kommt zu unseren Konzerten, stimmt Jan die Gitarren und so. Und wir fahren dann zu seinem Promi-Boxen, um ihn zu unterstützen - ob wir es nun doof finden oder nicht. Freundschaft zählt momentan einfach mehr, als ob das nach unserem Geschmack ist, was der andere macht.”

Ist er denn menschlich stark genug, damit umzugehen, dass du ihn überholt hast, sowohl was den Bekanntheitsgrad wie auch was das Kritiker-Renommee betrifft?
Marek: “Was die Bekanntheit angeht, ist es immer noch so, dass ich nicht erkannt werde. Wenn ich über die Straße gehe, gucken die Leute und sagen sich: ‚Irgendwoher kenne ich den. Vielleicht bin ich mit dem zur Schule gegangen.’ Bei Fabian sagen sie: ‚Hey, du bist doch Fabian Harloff!’ Und bei den Kritikern ist das so, dass Fabian sehr stolz auf mich ist. Er ist da echt niedlich. Ich habe vor fünf Jahren einen Nachwuchspreis gekriegt und er war auf derselben Veranstaltung. Ohne ihn hätte ich das nicht durchgehalten, weil ich mit so etwas nicht so gut umgehen kann und er kann das total toll. Er hat mich untern Arm geklemmt und gesagt: ‚Guckt her, das ist mein Bruder. Der hat den Preis gekriegt.’ Dann hat er mir etwas zu essen geholt und so. Er ist da nicht missgünstig.”

Jan, wie schwer ist es jetzt für dich, Marek das Mikrofon zu überlassen?
Jan: “Gar nicht. Ich kenne Mareks Gesang seit meiner frühesten Kindheit. Für mich war es die Stimme, die mich durch meine Jugend begleitet hat. Wir haben uns ja immer am Lagerfeuer getroffen und gesungen. Wenn ich Mareks Stimme höre, höre ich auch unsere Vergangenheit. Zum Beispiel am Strand in Frankreich, als wir auf Interrail-Fahrt waren, war es so, dass Fabian und ich die Liebeslieder gesungen haben und Mädchen angezogen haben. Marek hat immer Protestlieder gesungen. Wenn Marek gesungen hat, kamen plötzlich die Feen aus den Felsen und haben sich ums Lagerfeuer gesetzt. Er hat eine Ausstrahlung, auf die ich eigentlich immer noch neidisch bin (lacht). Mit Marek auf der Bühne zu stehen, ist wesentlich. Marek und ich sind keine Brüder, aber wir nippen am gleichen Wahnsinn.“

Habt ihr es finanziell noch nötig zu arbeiten? Mit Selig habt ihr doch sicher eine Menge Geld verdient…
Stoppel: “Tonnen an Geld.”
Jan: “Aber hat uns das auch glücklich gemacht (lacht)?“
Stoppel: “Da ist tatsächlich auch nichts mehr übrig.”
Jan: “Weil wir jeden Tag Taxi gefahren und essen gegangen sind. Was für ein Scheißleben (lacht)!“
Stoppel: “Diese blöde Kunstsammlung, die ich zu Hause habe...”
Jan: “Ich habe mir tatsächlich goldene Wasserhähne gekauft!”
Marek: “Das hast du nicht wirklich gemacht, oder?”
Jan: “Doch. Ich dachte, was der Hussein hat, kann ich auch.”
Marek: “Gott, bin ich froh, dass ich mit denen erst später zusammengekommen bin.”

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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