CD-Tipp

Tocotronic - "Pure Vernunft darf niemals..."

published: 21.01.2005

Tocotronic - "Pure Vernunft darf niemals siegen" (Foto: L′Age D′Or) Tocotronic - "Pure Vernunft darf niemals siegen" (Foto: L′Age D′Or)

Tocotronic, die einstigen Antihelden der Popmusik, sind erwachsen geworden. Auf ihrem neuen Album schwören die Hamburger der Vernunft ab und brechen zu einer Reise in die Metaphysik auf - mit märchenhaften Metaphern.

Die wichtigste Nachricht zu "Pure Vernunft darf niemals siegen" ist sicher die von Tocotronics musikalischer Verstärkung. Aus dem Trio Dirk von Lowtzow, Jan Müller und Arne Zank ist ein Quartett geworden, denn die drei haben sich um Tour-Keyboarder und -Gitarrist Rick McPhail erweitert, der jetzt festes Mitglied der Band ist.

Musikalisch tut ein frischer Mann den Hamburgern ausgesprochen gut, auch wenn das neue, siebte Album drei Schritte zurück und gleichzeitig einen nach vorn macht. Denn mit "Pure Vernunft darf niemals siegen" schließen Tocotronic, die sich bei ihrer Gründung 1993 nach einem Gameboy-Vorläufer benannten, zwar ein wenig an alten Zeiten an, entwickeln sich aber trotzdem musikalisch weiter. Als Neudefinition nach den ersten vier Alben folgte der zarten Flirt mit elektronischen Elementen auf "K.O.O.K." Auf dem grandiosen "Tocotronic"-Album versöhnten sich die Verweigerer des Popstartums dann gar mit dem Konzept Rock/Pop.

Jetzt haben sich die Vier von Garagensound und Schrabbelgitarren der frühen Tage weit entfernt. Zwar wirkt die neue Platte minimalistisch intoniert - kaum Refrains, die Songs basieren oft auf nur einem Gitarrenriff - entwickelt aufgrund McPhails Gitarre aber mehr Dynamik. "In höchsten Höhen" klingt durch die Existenz einer zweiten Gitarre einfach breiter. Zum neuen Sound hat sicher auch die Zusammenarbeit mit Produzent Moses Schneider beigetragen, der Tobias Levin ersetzte.

Tocotronic-Alben brauchen Zeit. Kaum eine Textzeile, kaum ein Refrain oder eine Melodie, die nach dem ersten Hören haften bleibt. Während auf dem Vorgänger-Album Musik und Text schnell zum Ohrwurm wurden ("This Boy Is Tocotronic", "Hi Freaks") entfalten sich von Lowtzows gewohnt guten und lyrischen Zeilen erst nach mehrmaligem Hören. Auch das übliche Spekulative der Texte bleibt. So richtet sich "Aber hier leben, nein danke" gegen nationalistische Bewegungen.

Unklar ist, ob der Song gegen die aktuell diskutierte Radioquote für mehr Deutschsprachiges protestiert, gegen die die Hamburger Verweigerer des Konzepts "Pop" bereits öffentlich Stellung bezogen. Schon 1996 zuckten Tocotronic bei den Worten "Jung, deutsch und auf dem Weg nach oben" zusammen und lehnten den gleich lautenden Preis des Musiksenders Viva ab. Da ist es nur konsequent, wenn von Lowtzow und Partner, die auf ihrem 95er Album einst "Teil einer Jugendbewegung" sein wollten, auch mit einem nationalen Popkonzept ihre Probleme haben.

Ansonsten wehren sich Tocotronic vor allem gegen die reine Vernunft und beschwören mit geradezu metaphysischen Metaphern das Irrationale. Da ist von Engeln, Toten, Zaubermächten, Träumen und Unendlichkeit die Rede. Im letzten Stück singt von Lowtzow davon, "Stimmen gehört" zu haben, nachdem er sich erst in "Höchsten Höhen" und dann in "Tiefsten Tiefen" befand. Der Titelsong "Pure Vernunft darf niemals siegen" macht klar: Hier geht es um das Ansingen gegen die straffe Gegenwartslogik der großen Krise, von der Deutschland immerzu redet. Das Irrationale bis hin zum Metaphysischen wird zur einzigen Haltung, die über das Ende individualliberalen Denkens hinwegtrösten kann. Das Motto lautet: Was ich nicht sehe, was ich wegträume, das ist auch nicht da.

Mancher mag diesen Ansatz pathetisch und naiv finden. Doch "Pure Vernunft darf niemals siegen" ist auf jeden Fall eine Platte, die mit jedem Mal Hören gewinnt - auch wenn sie musikalisch das "Tocotronic"-Album nicht erreicht. Wichtiger noch: Das siebte Werk lässt die Frage offen, die das Konzept Tocotronic spannend macht. Und die lautet: Quo vadis, Tocotronic?

[Jörg Römer]

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