A Fine Frenzy im Interview

"Der fröhlichste traurige Mensch"

published: 18.02.2008

Alison Sudol alias A Fine Frenzy hat sämtliche Songs ihres Debüt-Albums "One Cell In The Sea" selbst geschrieben (Foto: Public Address) Alison Sudol alias A Fine Frenzy hat sämtliche Songs ihres Debüt-Albums "One Cell In The Sea" selbst geschrieben (Foto: Public Address)

Als Alison Sudol alias A Fine Frenzy ein kleines Mädchen von fünf Jahren war, trennten sich ihre Eltern und sie zog mit ihrer Mutter von Seattle nach Los Angeles. Wie tief diese Erfahrung sie berührt und geprägt hat, lässt sich schnell aus den Songs des Debüt-Albums "One Cell In The Sea" heraushören.

Im Interview sprüht die mittlerweile 22-Jährige vor Leben und erstaunt mit ernsthaften Antworten. Bei ihren Erzählungen lacht sie häufig und ihre lebhafte Fantasie spiegelt sich in ihrer Mimik wider.

Alison zieht sich gerne in Märchenwelten zurück (Foto: Public Address)Alison zieht sich gerne in Märchenwelten zurück (Foto: Public Address)

Während man Alison zuhört, werden ihre Schilderungen vor dem inneren Auge lebendig: Man sieht sie genervt aus einem Fenster starren, vor dem ein Schneesturm tobt, oder mit ihrem "Eisbären" Engelbert durch die Wälder L.A.s spazieren. Nach einer halben Stunde Gespräch fühlt sich der Zuhörer wie nach einer aufregenden Reise durch die Gedankenwelt einer Künstlerin, die wahrhaft viel zu sagen hat.

Deine Managerin hat erzählt, dass Du ständig fotografierst.
Alison Sudol: "Ja, meine Kamera macht schon nicht mehr mit, ich brauche dringend eine neue. Ich mache das vor allem, wenn keine Zeit bleibt, um alles Neue wahrzunehmen. Wenn ich die Bilder später anschaue, bin ich oft erstaunt. Einmal habe ich zum Beispiel in Wyoming ein Bild gemacht, als wir in einem Schneesturm liegen geblieben sind. Wir waren mitten im tiefsten Nirgendwo von der Straße abgekommen. Ich war ziemlich genervt, weil wir eigentlich schon längst am Ziel sein sollten und nun feststeckten. Ich guckte aus dem Fenster und machte ein paar Fotos, weil ich das ganz hübsch fand. Drei Monate später schaute ich mir die Bilder dann noch einmal an. Da tobte das spektakulärste Ereignis überhaupt draußen vor dem Fenster! Die Wolken hingen so tief über dem Boden, dass sie ihn fast berührten, und man konnte nur einen schmalen Streifen Himmel sehen. Draußen war irgendwie alles hellblau und überall funkelte sauberer, perfekter Schnee und kleine winzige Zaunpfähle ragten daraus hervor. Ich dachte nur, ´Oh wow, da war ich und habe es verpasst, weil ich schlecht gelaunt war´."

Als Alison fünf Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern (Foto: Public Address)Als Alison fünf Jahre alt war, trennten sich ihre Eltern (Foto: Public Address)

Ist das eine Art Tagebuch für Dich?
"Ja, genau. So halte ich kleine Teile vom Leben fest. Das ist nicht, als ob man von einer Stadt zur nächsten hetzt und Sehenswürdigkeiten fotografiert. Es sind Details wie ein kleiner Junge mit einem Ballon - keine spektakulären Bilder, um sich an alles zu erinnern."

Was inspiriert Dich?
"Die Natur, Menschen, Beziehungen, Liebe, Beziehungsprobleme, Träume, Ideen, Literatur. Worte, die jemand sagt, ein altes Pärchen auf einer Parkbank. Dafür fotografiere ich, darum schreibe ich Dinge auf: Ich versuche, so viel Leben wie möglich zu absorbieren, weil darüber geschrieben werden muss."

Deine Songs klingen oft sehr melancholisch, aber trotzdem hoffnungsvoll. Spiegelt das Deine Persönlichkeit wider?
"Absolut! Ich bin der fröhlichste traurige Mensch oder der traurigste fröhliche Mensch. Wenn ich sehr glücklich bin, ist mir immer auch bewusst, dass ich auch sehr traurig sein könnte, es aber gerade nicht bin. Das eine funktioniert nie ohne das andere, das ist wirklich bizarr."

In Deinem Song "Lifesize" singst Du darüber, dass Liebe Menschen über sich hinauswachsen lässt.
"Ich denke, dass Menschen genau deshalb lieben. Wenn dich jemand verbessert und dich dazu bringt, besser sein zu wollen, um mit ihm zusammen zu sein, ist das ein unglaubliches Gefühl. Wenn man das findet, ist es wie ein Schatz. Es ist, als ob man einen Schritt aus sich heraus tritt und zu dem wird, was eine Person in einem sieht. Das ist erstaunlich."

In Alisons Küche gibt es Tassen mit Hirschen und Rehen darauf (Foto: Public Address)In Alisons Küche gibt es Tassen mit Hirschen und Rehen darauf (Foto: Public Address)

Wie würde sich ein Soundtrack Deines Lebens anhören?
"Er würde wohl sehr leicht, süß und einfach beginnen. Dann würde er zu einem dunklen, mürrischen, erdrückenden Sound werden. Das steht für die Zeit, in der sich meine Eltern trennten und ich umziehen musste, da war alles sehr verwirrend und konfus. Dann würde es wohl wieder einfacher werden, allerdings mit ein paar bizarren Akkorden. Und ein bisschen leiser. Ich wusste niemals richtig, wo ich hingehöre, als ob ich immer irgendwie die falschen Saiten angeschlagen hätte. Und dann würde der Klang sehr reich und überwältigend werden, wieder etwas abfallen, nur um wieder anzuschwellen. Ich glaube, es wäre schön, einmal so einen Soundtrack zu schreiben, das ist eine wirklich gute Idee."

Du hast einmal gesagt, dass Du als Kind viel Zeit mit Erwachsenen verbracht hast und darum etwas "anders" geworden bist. Was meintest Du damit?
"Ich war nie ein Kind, das einfach losgezogen ist, um auf Bäume zu klettern oder mit dem Fahrrad die Umgebung zu erkunden. Ich habe gelesen, war ziemlich schüchtern und habe viel nachgedacht. Ich war sehr ernsthaft. Schon glücklich, aber ich habe mir immer viele Gedanken über die Dinge gemacht, die ich getan habe. Kinder können ja eigentlich alles tun, schreien oder so, aber ich habe es einfach nie getan. Ich war die Jüngste in meiner Klasse, und ich habe mich mit meinen Klassenkameraden nicht wirklich verstanden. Ich fühlte mich ein bisschen so, als ob ich nicht wüsste, wie es geht, ein kleines Kind zu sein. Aber es hat mir gefallen. Ich hatte meine eigene kleine Welt."

Früher hat Alison, während andere Kinder auf Bäume kletterten, lieber gelesen (Foto: Public Address)Früher hat Alison, während andere Kinder auf Bäume kletterten, lieber gelesen (Foto: Public Address)

Bist Du ein sehr verträumter Mensch?
"Ja, ich bin ein `Aus-dem-Fenster-Gucker´. Ich schaue Dinge gerne an und manchmal verliere mich dann darin. Die Welt ist so schön - alleine die Natur, wenn man einmal innehält und schaut, was so vor sich geht."

Du bist mit fünf von Seattle nach L.A. gezogen. Wo ist für Dich Zuhause?
"Ich bin erst im letzten Jahr wieder nach Seattle gekommen. Da wusste ich auf einmal, dass meine Gefühle einen Sinn ergeben, dass all diese Gedanken und Bilder in meinem Kopf von dort kommen. Aber wenn ich L.A. nicht um mich gehabt hätte, wäre ich nicht so geworden, wie ich bin. In L.A. habe ich all meine Teenager-Erinnerungen: Diese großartigen kleinen Experimente, die man macht, wenn man elf, zwölf, 13 ist. Ich bin in L.A. zu Hause, dort sind meine Familie, meine Freunde, mein Leben, mein Hund. Aber wenn ich bedenke, dass ich 18 Jahre nicht da war, habe ich eine sehr starke Bindung an Seattle."

Du hast einen Hund?
"Ja, eine kleine Schneeflocke, ein kleiner Eisbär...er ist wundervoll!"

Wie heißt er?
"Engelbert. Ich weiß, ein großer Name für einen kleinen Hund. Er weiß aber nicht, dass er klein ist. Er musste einen großen Namen haben, weil er eine starke Persönlichkeit ist, nicht wie ein ´Kleiner-Mädchen-Hund´, den ich anziehe oder so. Er hat sehr viel Courage. Immer, wenn ich mich zu sehr zurückziehe und unzufrieden bin, schaue ich ihn an und denke ´Ah, das Leben ist gut´. Wenn man es aus seinen Augen betrachtet, ist alles ein Abenteuer. Er kann jeden Tag mit demselben Laub spielen, mit einem Spielzeug hundertmal herumrennen und ist immer noch total aufgeregt. Das ist eine gute Art, sein Leben zu leben, immer 100 Prozent."

Ist er ein Vorbild für Dich?
"Oh ja, ich versuche immer, ein einfaches Leben zu leben. Ich denke und analysiere zu viel, das ist nicht gesund. Wenn ich keine Songs schreiben würde, würde ich verrückt werden. Ich muss einfach daran denken, die kleinen Dinge zu genießen. Die guten Erinnerungen sind ja keine großen Sachen, sondern Momente, in denen Du vielleicht jemandem die Hand gehalten hast. Das sind die Sachen, die etwas bedeuten."

Lebst Du noch bei Deiner Mutter?
"Ich bin vor einigen Monaten mit meiner besten Freundin zusammengezogen. Ich hatte wirklich Angst davor, alleine zu leben, aber mit ihr ist es okay. Ich wollte in meiner eigenen Küche kochen, meine eigenen Teller, meine eigenen Gläser haben."

Wohnst Du mitten in L.A.?
"Das ist lustig, man meint immer, L.A. wäre so groß, dabei lebt die Bevölkerung sehr verstreut. Es könnten auch viele kleine Städte sein. Ich lebe in einem sehr bergigen Teil, mit vielen Bäumen, kleinen Cafés und Shops. Es ist sehr ruhig und friedlich."

Um sich zu entspannen, schreibt Alison ein Buch (Foto: Public Address)Um sich zu entspannen, schreibt Alison ein Buch (Foto: Public Address)

Wie sieht Dein Zimmer aus?
"Wenn ich weiß, dass ich Besuch bekomme, ist es aufgeräumt. Wenn nicht, sieht es eher aus, als ob ein tasmanisches Monster gewütet hätte. Ich mag Tiermalerei mit Vögeln und solche Sachen, wir haben auch Tassen mit Rehen und Hirschen darauf. Mir gefallen Möbel, die handgemacht aussehen. Ich habe viele Antiquitäten und Kunstwerke, zum Beispiel einen alten Nähtisch, den ich als Tisch benutze. Die Nähmaschine funktioniert auch noch."

Du liest gerne Fantasy-Bücher. Was genau reizt Dich so daran?
"Ich mag einfach die Vorstellung, dass es schönere, eigentümlichere, weniger vorhersehbare Dinge gibt als das Alltägliche. Ich mag Überraschungen. In Märchen kann alles passieren. In der realen Welt ist alles chaotisch, durcheinander und in fantasischen Erzählungen gibt es nichts, was dort nicht hingehört. Es gibt auch Fantasy, die ich nicht mag. Ich habe Bücher gelesen, die Welten erschaffen, in die ich nicht hineingehen wollte. Man muss sich entscheiden, ob man teilnehmen will oder nicht. Jedes Buch, das ich lese, hinterlässt einen Eindruck und verändert meine Weltanschauung. Als ich zum Beispiel Bukowskis 'Das Liebesleben der Hyäne' las, wurde ich ganz barsch, zynisch und hart zur Welt. Das Buch machte mich zu einem bösen Menschen, den ich nicht besonders mochte und der sich auch nicht so benahm wie ich."

Wie entspannst Du Dich?
"Ich lese gerne nachts im Tourbus, wenn ich so richtig k.o. bin und mich ablenken will. Gerade lese ich 'The Fountainhead'. Ansonsten schreibe ich gerade ein Buch, ein sehr kindliches Buch wie beispielsweise C.S. Lewis."

Zum Entspannen?
"Ja (lacht), manchmal dusche ich auch oder bade oder esse etwas Leckeres, höre Musik oder gucke einen Film – aber in Deutschland geht das nicht."

Der Name "A Fine Frenzy" (zu deutsch "Schöner Wahnsinn") stammt aus Shakespeares "Ein Sommernachtstraum". Warum hast Du Dich dafür entschieden?
"Der Ausdruck beschreibt das Autorendasein. Es handelt sich um den Zeitpunkt voller Inspiration, wenn einem tausend Dinge durch den Kopf gehen und man sich so lebendig fühlt, und man etwas Pures, Echtes, Wahrhaftiges aus diesem Chaos schafft. Das ist der Moment, für den jeder Maler, Autor oder Künstler lebt. Es ist wie fliegen, sich verlieben, laufen lernen und einen tiefen Atemzug nehmen und rennen in einem."

[Franzisca Teske]

Links

www.afinefrenzy.com

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