David Crosby und Graham Nash im Interview

Zwei Hippie-Haudegen

published: 28.02.2005

David Crosby und Graham Nash  (Foto: Public Address) David Crosby und Graham Nash (Foto: Public Address)

Woodstock ist lange her. Und doch können auch wir später Geborenen die alten Hippie-Melodien mitsingen. Himmlische Harmonien, Folk und Rock waren schon damals die musikalischen Grundlagen, auf denen David Crosby und Graham Nash ihre Songs schreiben. In den Texten hallen Romantik und Regierungskritik, Weltverbesserungsabsichten und Lebensfreude wider.

1968 taten sich Crosby, Gitarrist der Byrds ("Mr. Tambourine Man") und Nash, Songwriter der Hollies ("I’m Alive") mit Stephen Stills von Buffalo Springfield als Crosby, Stills & Nash zusammen. Zwei Jahre später stieß Neil Young zur Supergroup. Mit epochalen Alben wie "Deja Vu" wurden CSN&Y zur festen Größe im Rockgeschäft. Jetzt hat der Nukleus der Gruppe ein eigenes Album mit dem nahe liegenden Titel "Crosby/Nash" veröffentlicht und tourt damit durch Europa.

Im Interview präsentieren sich die beiden Kauze gut gelaunt und auskunftsfreudig. Nash verrät, wie es war, als er Crosby Joni Mitchell ausspannte. Und Crosby spricht über die Kinder, die aus seiner Samenspende an Melissa Etheridge und ihre damalige Partnerin resultieren.

Wie war es, als Sie sich das erste Mal getroffen haben?
David Crosby: "Cass Elliot (von den Mamas & Papas, Anm.d.A.), eine gute Freundin von uns, brachte ihn mit zu mir nach Hause. Das war 1968. Wir haben einen Nachmittag zusammen verbracht und uns unterhalten und viel gelacht. Wir konnten uns von Anfang an gut leiden."

Mr. Nash, was war Ihr erster Eindruck von David Crosby?
Graham Nash: "So einen wie ihn hatte ich noch nie getroffen. Da stand jemand vor mir , so offen, rechthaberisch und dickköpfig - es war erfrischend. Wir hatten Spaß. David war rebellisch und schätzte mich."

Herr Crosby, wie haben Sie Graham Nash erlebt?
Crosby: "Lustig und ehrlich. Er wollte alles ganz genau wissen, war sehr neugierig und talentiert. Ich bin ja Spezialist in Sachen Harmoniegesang. Den liebe ich. Und bei Graham hatte ich das Gefühl, dass er darin besser war als ich und jeder andere. Ich hatte großen Respekt vor ihm. Er wird es wahrscheinlich nicht selber sagen, aber er ist wahrscheinlich der größte lebende Harmonie-Sänger der Welt."

Ihre Freundschaft währt jetzt über 40 Jahre. Gab es Zeiten, in denen sie auf die Probe gestellt wurde?
Crosby: "Es gab Zeiten, da wurde sie von mir auf die Probe gestellt. Als ich drogenabhängig war, war es für ihn sehr hart, mein Freund zu sein, weil er es nicht mit ansehen konnte. Er dachte, ich würde mich mit den Drogen umbringen, was mir ja auch immer wieder fast gelang. Es war schwer für ihn und er hat Abstand zu mir gehalten. Trotz allem ist er mein Freund geblieben und das ist nett von ihm. Fantastisch."

Da gab es noch eine andere Sache zwischen Ihnen. Hat Graham Nash Ihnen nicht Ihre damalige Freundin Joni Mitchell ausgespannt?
Crosby: "Das war nie ein Streitpunkt. Das war etwas, das richtig war. Ich habe Joni sehr früh kennen gelernt. Ich fand sie toll, liebte sie und fand, dass sie unglaublich begabt war. Ich habe Zeit mit ihr verbracht und ihr geholfen, ihre erste Platte zu produzieren. Ich denke, dass sie nie richtig in mich verliebt war, sondern sich erst richtig in Graham verliebte. Ihre Beziehung war sehr viel tiefer und dauerte auch viel länger als unsere. Wie konnte ich nicht wollen, dass sich zwei Menschen liebten, die ich auch liebte. Es war eine gute Sache."

Sehr großherzig von Ihnen, die Freundschaft aufrecht zu erhalten...
Crosby: "Nein, ich war nicht eifersüchtig. Ich hatte mich schon in jemand anderen verliebt und wollte wirklich immer für sie, dass es funktioniert."

Mr. Nash, war es schwierig für Sie, mit dem Exfreund ihrer Freundin befreundet zu sein?
Nash: "Nein, überhaupt nicht. In gewisser Weise hatte es nichts mit David zu tun. Es war eine Sache zwischen mir und Joni. Ich hatte enormen Respekt vor David und habe mich eigentlich nie gefühlt, als würde ich in fremdes Territorium eindringen. Noch wollte ich jemanden emotional verletzen. So war es einfach nicht. Es lief alles sehr erwachsen und freundlich zwischen uns ab."

Haben Sie noch Kontakt zu ihr?
Nash: "Ja, natürlich."
Crosby: "Schwierig, vielschichtig, lustig, rechthaberisch. Eine brilliante Frau. Sie ist sehr faszinierend. Sie kann dir stundenlang etwas erzählen und du hörst ihr wie hypnotisiert zu. Und sie ist wohl die Nummer eins, was Singer/Songwriter angeht. Sie ist dichterisch ebenso gut wie Bob Dylan und musikalisch besser. Er kann ihr musikalisch nicht das Wasser reichen. Ich meine, er ist toll, er ist Bob, er ist mein Freund! Er ist ein exzellenter Komponist. Aber sie ist besser. An sie reicht niemand heran."

David Crosby (Foto: Public Address)David Crosby (Foto: Public Address)

Sie müssen es Leid sein, dass jeder Sie nach Steven Stills fragt. Also: Wo ist er?
Crosby: "Ehrlich gesagt, sind Sie die Erste, die fragt (lacht)."
Nash: "Er ist in Los Angeles und arbeitet an der Fertigstellung seines Albums. Er macht eine Solo-CD und arbeitet schon lange daran."

Vermissen Sie ihn?
Nash: "Ich vermisse ihn gar nicht, weil wir einfach in einer ganz anderen Situation sind, die gar nichts mit Steven zu tun hat."
Crosby: "Als wir anfingen, miteinander Musik zu machen, waren wir zuvor schon in anderen Bands gewesen, wo man von uns erwartete, eine gewisse Rolle zu spielen. So war es bei den Byrds und bei den Hollies. Als wir zusammenkamen, wollten wir nicht mehr auf eine Rolle festgelegt werden. Wir wollten die Möglichkeit haben, solo zu spielen, als Duo zu arbeiten und etwas als Crosby, Stills & Nash oder als Crosby, Stills, Nash & Young machen zu können. Das war unser Plan. Also vermissen wir die anderen nicht. Sie sind die nächste Sache, die wir machen werden. Das ist übrigens etwas, das Neil (Young, Anm. d. A.) perfektioniert hat. Er erfindet sich stets neu. Jedes Mal, wenn er auftritt, hat er eine andere Art, sich zu präsentieren. Ich finde das richtig. Wenn du immer nur dasselbe machst, wird es irgendwann langweilig."

Ich habe gelesen, dass bereits ein weiteres Projekt mit Crosby, Stills, Nash & Young angekündigt ist. Ist das richtig?


Nash: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass das niemand von uns angekündigt hat. Es gibt immer Spekulationen und manchmal gibt es Pläne."

Aber nichts Definitives?
Crosby: "Wir könnten es Ihnen sagen, aber dann müssten wir Sie töten. Es ist alles noch streng geheim."
Nash: "Aber es ist definitiv möglich."

Am 11. September 2001, am Tag der furchtbaren Terroranschläge, haben Sie in Denver k.d. lang aufgelesen. Was war da los?
Crosby: "Graham rief mich an und sagte 'David, etwas Furchtbares ist passiert, mach den Fernseher an!' Ich sah, was passiert war und rief ihn zurück. Wir sagten uns: 'Okay, die Flughäfen werden geschlossen sein und wir müssen irgendwie zu unseren Familien gelangen, weil wir nicht wissen, was noch alles passieren wird.' Wir wussten, dass niemand zum Konzert gehen würde und sagten den Auftritt und die nächsten drei Termine ab. Als wir unseren Bus beluden, sah ich auf einmal k.d. auf der Straße, wie sie mir entgegen kam. Ich fragte sie: 'k.d., was machst du denn hier?' und sie sagte: 'Ich sitze hier fest.' Sie sollte in derselben Halle am Tag nach uns auftreten. Sie sagte: 'Das ist schrecklich, ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich muss nach Hause.' Ich fragte sie: 'Wo wohnst du?' und sie sagte: 'Los Angeles'. Ich antwortete: 'Madam, Ihr Reisebus erwartet Sie!' Ich musste sowieso in dieselbe Richtung und bisher waren nur der Fahrer und ich an Bord. Auf der Heimfahrt haben wir uns gut verstanden. Wir unterhielten uns lange über die unterschiedlichsten Sachen. Sie ist ein faszinierender Mensch, nett und ein sehr, sehr heller Kopf. Und ganz nebenbei hat sie eine der besten Stimmen dieser Welt..."

Mr. Nash, Sie leben nicht in L.A.?
Nash: "Ich habe ein Haus dort, aber ich besitze auch ein Haus auf Hawaii. Dort lebe ich. Ich bin ein Familienmensch, habe habe drei Kinder: zwei Jungs und ein Mädchen. 26, 24 und 22 Jahre. Sie sind alle Musiker. Wir haben ein enges Verhältnis. Ich bin mit Susan seit 27, äh, 28 Jahren verheiratet und es läuft gut. Sie scheint mich behalten zu wollen."

David Crosby und Graham Nash (Foto: Public Address)David Crosby und Graham Nash (Foto: Public Address)


Wie ist es für Sie, getrennt zu sein, wenn Sie touren?
Nash: "Das ist etwas, das man lernen muss. Einer der Gründe, warum wir so lange verheiratet sind, ist wahrscheinlich, dass wir öfter eine Pause voneinander haben."
Crosby: "Er kommt damit besser zurecht als ich. Ich vermisse meine Frau wie verrückt. Ich bin seit 27 Jahren mit meiner Frau zusammen, seit 17 Jahren verheiratet, und wir stehen uns sehr nah. Meinen kleinen Jungen, der erst neun ist, Django, vermisse ich fürchterlich. Ich vermisse ihn jeden Tag und jede Minute."
Nash: "Ich vermisse meine Familie auch, aber ich habe gelernt, damit umzugehen."
Crosby: "Ich fühle mich einsam."

Womit beschäftigt sich Ihr Sohn momentan?
Crosby: "Schule, Gameboy und Quad fahren (ahmt das Geräusch nach): rrrmm,rrrmm. Im Moment interessiert er sich für Apple-Computer. Wir alle mögen Apple-Computer und benutzen sie häufig. An denen kann man eine Kamera installieren, so dass man sich beim Sprechen sehen kann, auch wenn man sich an unterschiedlichen Orten aufhält. Jetzt benutzen wir das bei jeder Gelegenheit und er ist immer ganz aufgeregt, dass er mich jetzt sehen kann. Er vermisst mich sehr."

Haben Sie Kontakt zu den Kindern, die Melissa Etheridge und Julie Cypher zusammen haben? Durch Ihre Samenspenden sind Sie ja der biologische Vater.


"Ja, ich sehe sie regelmäßig. Es sind tolle Kinder. Sie sind hübsch und intelligent. Bailey sieht genau wie Julie aus und Becket sieht mir immer ähnlicher. Es sind wunderbare Kinder und ich liebe sie. Julie bringt sie öfter zu mir zu Besuch."

Wenn Sie in Deutschland auf Tournee sind, was machen Sie dann in Ihrer Freizeit?
Nash: "Heute habe ich mir am Hamburger Hafen das Schifffahrts-Museum angeschaut, das war sehr interessant. Es ging um die Geschichte von Hamburg."
Crosby: "Meistens bleibt uns nicht viel Zeit. Wenn wir Glück und einen freien Tag haben, gehen wir oft ins Kunstmuseum, weil wir beide sehr an Malerei interessiert sind. Graham sammelt Fotografien und macht auch selber gute Aufnahmen."

Haben Sie ein deutsches Lieblingsessen oder Getränk?
Crosby: "Jeder mag deutsches Bier. Es ist ziemlich schwer, das zu schlagen. Vermutlich ist es das beste Bier der Welt."
Nash: „Da gab es diese Tomatensuppe im Hotel in Heidelberg, die war fantastisch. Ich erinnere mich immer noch daran."
Crosby: "Was ich in Deutschland gerne mag, ist, dass der Kakao mit Milch gemacht wird - nicht wie in schlechten amerikanischen Restaurants mit Wasser."
Nash: "Was mir an Europa generell gefällt ist, dass es jeden Tag richtiges frisches Brot beim Bäcker gibt. Das ist in Amerika schwer zu bekommen. Ein Segen, einfach wunderbar."

Die Tour und Ihr letztes Album heißen "Crosby & Nash". Ist es nicht an der Zeit, mal etwas "Nash & Crosby" zu nennen?
Nash: "Nein, weil es nicht richtig klingt. Es geht einem nicht so leicht über die Zunge wie 'Crosby & Nash'.
Crosby: "Wir haben es aber einmal gemacht. Bei der ersten Platte, die wir herausgebracht haben, habe ich darauf bestanden."

Was können die Zuschauer von den "Crosby & Nash"-Konzerten erwarten?
Nash: "Wir kennen die Lieder, die unser Publikum liebt – davon spielen wir einige. Und die Lieder, die wir lieben, singen wir natürlich auch. Wir spielen ungefähr 22-23 Lieder - drei Stunden. Es kommen Lieder aus fast all unseren Schreibens- und Lebensperioden."
Crosby: "Wenn wir mit großer Band in großen Hallen spielen, macht es Spaß, weil viele Menschen dort sind und die Emotionen stark sind. Aber es ist schwer, in einem riesigen Saal feine Arbeiten zu verrichten. Am besten sind wir in kleinen Hallen, wie bei dieser Tour."

Ein so langes Konzert zu geben, muss ziemlich anstrengend sein.
Nash: "Nein, wir könnten sogar länger machen. Leicht. Es ist wie ein Energieaustausch zwischen uns und dem Publikum. Es ist egal, wie hart wir gearbeitet haben, die Antwort des Publikums macht uns wieder fit."

Treiben Sie Sport, um sich fit zu halten?
Crosby: "Nein, nicht wirklich. Wenn wir uns gut fühlen und keinen Jetlag haben, gehen wir spazieren. Entweder im Studio auf dem Laufband oder durch die Straßen. Wir gehen kilometerweit. Graham geht allerdings mehr als ich."

Ist es ein anderes Gefühl, vor deutschem Publikum aufzutreten?
Crosby: "Die deutschen Zuschauer tendieren dazu, sich ganz in die Musik zu vertiefen und wirklich zuzuhören. Das sind keine Rocker und Rowdies. Sie sind sehr aufmerksam. Wenn wir einen Song wirklich gut singen, besser als auf der CD, dann applaudieren sie und applaudieren und applaudieren."

Auf welche Ereignisse Ihrer Karriere sind Sie besonders stolz?
Nash: "Manchmal ist es schön zu denken, dass man einen Einfluss auf den Lauf der Dinge hat, zum Beispiel indem man über Ereignisse schreibt, die in der Welt passieren, und so auf sie aufmerksam macht. Aber das ist es nicht in erster Linie, was wir den Menschen geben. Vielmehr finden wir Worte für ihre Emotionen, so dass sie ein Lied hören und sagen 'das ist es, was ich fühle'. Das ist die größte Sache."

David Crosby und Graham Nash (Foto: Public Address)David Crosby und Graham Nash (Foto: Public Address)


Mr. Nash, mir ist aufgefallen, dass Sie barfuß laufen...
Nash: "Ich bin gerade von meinem Hotelzimmer gekommen. Ich wohne hier zwei Stockwerke weiter oben. Wozu brauche ich Schuhe?"

Ihnen könnte kalt werden...
Crosby: "Er hat noch nicht gemerkt, dass er sich in Deutschland befindet. Er lebt auf Hawaii und dort muss er niemals Schuhe tragen (lacht). Aber er trägt Schuhe, wenn er draußen ist."
Nash: "Natürlich trage ich draußen Schuhe. Aber ich trage auch keine Schuhe, wenn ich Musik mache. So habe ich besseren Bodenkontakt."

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

Mehr

Onigiri: Reis-Ecken voller Geschmack
Coronavirus: RKI warnt vor rasanter Ausbreitung
Corona-App zum Download bereit

Amazon

Amazon

Gefällt's? Teile es.

Das könnte dich auch interessieren:

Services
Service

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung