CD-Tipp

Marcus Miller - "Silver Rain"

published: 12.03.2005

Marcus Miller - "Silver Rain"  (Foto: Sony) Marcus Miller - "Silver Rain" (Foto: Sony)

Diesen Daumen kann man hören. Denn sobald Marcus Miller zu seinem Arbeitsgerät greift und die vier tiefen Bassseiten zum schwingen bringt, spitzen Musiker und Jazzfreaks weltweit die Ohren. Was in der Geschichte des E-Basses sicher nicht mehr als zwei Händen voll Musikern gelungen ist, hat der New Yorker geschafft. Nämlich mit seinem Instrument über Jahre einen eigenen unverwechselbaren Sound zu entwickeln, den Kenner der Szene bereits nach fünf Tönen als „Miller-Sound“ erkennen.

Auch wem der Name des Studiomusikers nichts sagt: Bei der Vielzahl der Alben, die Miller in seiner Karriere eingespielt oder produziert hat (über 400!), wird wohl jeder dem ein oder anderen Basslauf des Amerikaners gelauscht haben. Die Liste seiner Produktionen ist dabei so lang, dass er auf seiner Homepage eine eigene Suchmaschine dafür einrichten ließ. Richtig in Fahrt geriet seine Karriere aber, als er im Alter von 22 Jahren plötzlich einen Zettel in die Hand gedrückt bekam, auf dem „Call Miles“ stand. Keine zwei Stunden später spielte der Cousin des berühmten Jazzpianisten Wynton Kelly im Studio seine erste gemeinsame Produktion mit Jazz-Wunderkind Miles Davis ein. Es folgten Produktionen mit so unterschiedlichen Leuten wie Elton John, Bill Withers, LL Cool J und Frank Sinatra. Dazu kamen noch unzählige Jobs als Komponist für Filmmusik.

Seinen Ruf als überragender Bassist verdiente Miller sich aber vor allem mit seinen Soloalben, auf denen er die Slap-Technik perfektionierte. Bei dieser Anschlagtechnik wird der Daumen gegen die Seite geschlagen, wodurch ein perkusiver und obertonreicher Ton entsteht. Der 45-Jährige verdankt aber auch seinen sonstigen exquisiten musikalischen Fähigkeiten, dass er auf seinen Konzerten nicht nur Musik für Musiker vorführt, wie bei vielen anderen Kollegen der jazzenden Zunft üblich, sondern dass sich auch reichlich „normale“ Musikkonsumenten an der Kunst des Multiinstrumentalisten erfreuen.

Auf seinem neuen Album „Silver Rain“ lässt Miller bereits im 30-sekündigen Intro die Kinnladen von Hobby- und wohl auch so manchem Profi-Bassisten runterklappen und zeigt mal wieder allen wo der Funk-Hammer hängt. Ansonsten orientiert er sich an seinem altbewährten Rezept aus satten Jazz-Funk-Nummern und souligen Vocals, für die er wie gewohnt auf die voluminöse Stimme von Lalah Hathaway zurückgreift.

Allerdings stammen auf „Silver Rain“ die wenigsten Stücke aus Millers Feder. Bereits auf seinem 95er Album „Tales“ zeigte der Musiker mit seiner hervorragenden Version des Beatles-Klassikers „Come Together“ sein Vorlieb für Pop-Cover. Auf seinem sechsten Studioalbum unter eigener Regie spielt der Bassist, dessen persönliches Markenzeichen sein schwarzer Hut ist, eingängige Songs von Prince, Jimi Hendrix und Stevie Wonder. Sogar Beethovens „Mondscheinsonate“ bekommt den typisch warmen Miller-Sound verpasst und zeigt, dass sich Klassik und Jazz nicht widersprechen müssen.

Das Tolle an Miller: Hat er keine Lust auf knallharten Funk-Sound, greift er einfach zur Bassklarinette oder Sopransaxofon und beschert dem Hörer wunderbar einfühlsame Songs wie „Make Up Your Mind“ oder Duke Elllingtons „Sophisticated Lady“. Ungewöhnlich an „Silver Rain“ ist allerdings das Reggae-angehauchte Titelstück, bei dem Eric Clapton seine Finger im Spiel hatte und Take 6 Sänger Joey Kibble zusammen mit Miller wohl ein wenig Richtung Charts schielt.

Außerdem scheint der Meister zunehmend Spaß an elektronischen Beats und gesampelten Sequenzen zu haben. Die letzen Live-Konzerte deuteten ohnehin schon die Experimentierfreudigkeit des Vaters zweier Kinder an.
Auch wenn „Silver Rain“ ein gelungenes Album eines grandiosen und unglaublich talentierten Musikers ist: Auf ein weiteres Album nach üblichem Pop-Cover-Konzept kann die Musikwelt ruhig verzichten. Fürs nächste Album sollte sich Miller, der seine erste professionelle Plattenaufnahme einspielte noch bevor er Auto fahren durfte, ruhig mal etwas Neues ausdenken.

Tourdaten:
13.04.05 Friedrichshafen/Bahnhof Fischbach
14.04.05 Darmstadt/Central Station
15.04.05 Hamburg/Fabrik
19.04.05 Mannheim/Alte Feuerwache
21.04.05 Innsbruck/Treibhaus
23.04.05 Gronau/Jazzfestival

[Jörg Römer]

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