"Mein Freund war ein Mamakind"

Rosenstolz im Interview

published: 26.08.2008

Peter Plate und AnNa R. schreiben seit 16 Jahren über das, was in ihrem Leben passiert  (Foto: Public Address) Peter Plate und AnNa R. schreiben seit 16 Jahren über das, was in ihrem Leben passiert (Foto: Public Address)

Allerspätestens seit ihrem 2006-er Album "Das große Leben" sind Rosenstolz aus dem deutschen Pop nicht mehr wegzudenken. Doch trotz des bescherten Dreifach-Platins nach damals 15 Jahren Bandgeschichte blieb AnNa R. und Peter Plate kaum Zeit zur Freude, denn drei Tage vor Tourstart starb Elke, die Mutter von Peters Lebensgefährten Ulf Sommer. Mit ihr verlor die Band ihren ersten Fan und eine emotionale Stütze.

In den folgenden zwei Jahren entstand das neue Album "Die Suche geht weiter", das nun in die Läden kommt. Die beiden Berliner nutzten die Chance, um sich mit Erlebtem auseinanderzusetzen und ringen auf klassisch rosenstolze Weise mit elementaren Fragen. Im Interview spricht das Duo über den Verlust und den fraglichen Wert von Erfolg.

Im April 2006 wurde in Euer Tonstudio eingebrochen und eine Computerfestplatte mit unveröffentlichten Songs gestohlen.
Peter: "Das war so eine extreme Woche, die damit endete, dass genau am Abend unserer Premiere in unser Studio eingebrochen wurde. Die Sachen wurden natürlich nie wieder gefunden, alles war weg."
AnNa R.: "Wir hatten ein bisschen Schwein, dass die Leute nicht wirklich wussten, wo sie eingebrochen haben. Scheinbar haben sie die Festplatten gelöscht, bevor sie sie verkauft haben. Wenigstens haben die keine Instrumente mitgenommen, die unersetzbar waren."
Peter: "...aber emotional war das ganz schön heftig. Das war ja genau die Woche, in der Ulfs Mama gestorben ist, dann die Premiere und dann in der Nacht. Als Daniel mich anrief, dass die Polizei neben ihm steht, musste ich vor Erschöpfung einfach lachen."




Eine Art hysterischer Anfall?
Peter: "Ja, das ging in Richtung Hysterie, ich dachte nur ´Was ist denn los mit dem Leben?´"

Habt Ihr überlegt, ob Ihr die Tour abbrecht?
Peter: "Hätte mein Freund darauf bestanden, hätten wir das natürlich gemacht. Ihm war aber wichtig, dass wir weitermachen. Er meinte, weder seine Mutter hätte das gewollt noch er. Er brauche jetzt die Arbeit, sonst würde er verrückt werden. Er betreut uns ja, wenn wir proben, ist dabei und so. Auch Ulfs Vater, der ist Arzt, hat so schnell wie möglich wieder gearbeitet. Das ist etwas Tolles, wenn man seinen Job liebt, das bietet Zuflucht und Trost in solchen Momenten."

Habt Ihr von den Fans besondere Reaktionen bekommen, die Euch geholfen haben?
AnNa R.: "Wir haben das damals nicht öffentlich gemacht, das wäre fürchterlich gewesen. Ich hätte es nicht ertragen, von Menschen, die es ja lieb meinen, ständig ´Herzliches Beileid´ zu hören, gedrückt zu werden und so... Damit kann man in dem Moment überhaupt nichts anfangen. Wir wollten ja auch keinen Mitleidserfolg haben."
Peter: "Für mich ist schon schwierig, jetzt darüber zu reden. Aber das haben wir uns selber ausgesucht. Wir haben ´An einem Morgen im April´ geschrieben und fanden es so traurig und schön, dass es auf die Platte sollte. Wir schreiben ja seit 16 Jahren über das, was in unserem Leben passiert. Man kann nicht ´Ein Lied für eine Freundin´ schreiben und dann nicht darüber reden. Trotz allem gehört der Tod zum Leben und bleibt nicht aus. In unserem Alter kann es passieren, dass die Eltern sterben oder auch Freunde, also singen wir auch drüber. Ich weiß, dass Elke darauf stolz wäre."
AnNa R.: "Sie hätte das Gefühl, dass sie immer noch dabei ist. Dass wir sie mitnehmen."

Wo fehlt sie am meisten?
Peter: "Natürlich in der Familie. Mein Freund war ein Mamakind, genau wie seine Schwester. Sie war so etwas wie das Familienoberhaupt, hat alles zusammengehalten. Das kann man nicht ersetzen. Wir geben uns aber Mühe, dass der Zusammenhalt trotzdem bleibt. Aber es wird nie wieder so schön wie früher. Das meine ich weder deprimiert oder verzweifelt, es ist auch schön, wenn man so etwas sagen kann - wir hatten es ja."

In "Kein Lied von Liebe" heißt es "Ich hab' Talent zum Traurigsein". Bei Euren Texten könnte man fast meinen, die Aussage sei programmatisch.
AnNa R.: "Ich glaube, wir sind darin wirklich sehr talentiert. Ich halte mich zwar eigentlich für einen sehr fröhlichen und optimistischen Menschen, aber ich kann auch sehr gut traurig sein. Auch manchmal grundlos. Das finde ich wichtig, es geht ja ums Gleichgewicht."




Wie war das beim Einsingen von "An einem Morgen im April"?
AnNa R.: "Das war schwer, das konnte ich am Anfang nicht. Ich habe erst einmal darum gebeten, es zurückzustellen, weil ich mich nicht dazu in der Lage gesehen habe. Darüber möchte ich auch nicht nachdenken. Ich rede auch nicht gerne drüber. Tut mir leid, dass ich das so sagen muss."

Peter, "Irgendwo dazwischen" hast du als einzigen Song eingesungen.
Peter: "Da erzähle ich ja wirklich über mich, das bin ich mit dem großen Koffer, der Ungeduldige, der nicht warten mag. Ich hatte zuerst die Textzeile `Was ich schon immer über mich sagen wollte und mich nie getraut hab, ich sage es jetzt´ - und dann kam ich nicht weiter. Ich wusste gar nicht, was ich über mich sagen wollte. Dieser Text hat ewig gedauert. Wahrscheinlich habe ich nicht mehr zu sagen als diesen einen Song. Nein, aber ich kann einfach nicht singen - wirklich nicht. Ich mache da eher Sprechgesang, ist schon schwierig genug eine Nummer für mich mit vier, fünf Tönen zu schreiben."

Ist der Titelsong "Die Suche geht weiter" ein Statement zum Jetzt-Status oder ein Versprechen für die Zukunft?
Peter: "Vielleicht ist es ein Wunsch. Solange ich morgens aufwache und neugierig auf den Tag bin, geht die Suche ja automatisch weiter. Schlimm wird es, wenn man denkt, dass man schon alles erlebt hat".

Also geht es nicht um das Finden, sondern darum, auf der Suche zu bleiben?
Peter: "Ja, das ist viel wichtiger. Wir haben ja den Erfolg sozusagen gefunden und festgestellt: Der macht nicht glücklich."

Nicht doch ein ganz kleines bisschen?
AnNa R.: "Nee. Das ist ja in jedem Leben so. Ein erfolgreicher Hirnchirurg beispielsweise: Der rettet Leben, verdient sein Geld, hat seine 150. gelungene Operation, 1000 Leute aus dem Koma herausgerissen. Glaubst du, dass der privat unbedingt glücklich ist, nur weil er das erreicht hat? Glaube ich kaum."

Bist du dabei – Tour 08/09
07.11.2008 Berlin/Columbiahalle
08.11.2008 Berlin/Columbiahalle
09.11.2008 Cottbus/Messehalle
12.11.2008 Zwickau/Stadthalle
13.11.2008 Chemnitz/Arena
14.11.2008 Dresden/Messehalle
17.11.2008 Magdeburg/Bördelandhalle
18.11.2008 Schwerin/Sport- und Kongresshalle
19.11.2008 Kiel/Ostseehalle
22.11.2008 Bielefeld/Seidenstickerhalle
24.11.2008 Münster/Halle Münsterland
25.11.2008 Düsseldorf/Philipshalle
28.11.2008 Ulm/Donauhalle
29.11.2008 Mannheim/SAP Arena
30.11.2008 Frankfurt/M./Festhalle
03.12.2008 Stuttgart/Schleyerhalle
04.12.2008 Regensburg/Donau Arena
05.12.2008 München/Olympiahalle
07.12.2008 Wien/Stadthalle
09.12.2008 Leipzig/Arena
10.01.2009 Koblenz/Sporthalle Oberwerth
11.01.2009 Trier/Arena
13.01.2009 Freiburg/Rothaus Arena
18.01.2009 Nürnberg/Arena
21.01.2009 Göttingen/Lokhalle
22.01.2009 Braunschweig/VW Halle
23.01.2009 Erfurt/Messehalle
26.01.2009 Hamburg/Color Line Arena
27.01.2009 Hannover/TUI Arena
30.01.2009 Köln/Kölnarena

Open Air 2009
11.09.2009 Berlin/Kindl-Bühne Wuhlheide - Zusatzkonzert
12.09.2009 Berlin/Kindl-Bühne Wuhlheide
13.09.2009 Berlin/Kindl-Bühne Wuhlheide - Das Tourabschluss-Konzert

[Franzisca Teske]

Links

www.rosenstolz.de

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