Leichtmatrose im Interview

"Sympathischer Loser" auf hoher See

published: 28.04.2009

An Hamburg mag der Musiker besonders den Hafen - und offenbar auch die Reeperbahn  (Foto: Public Address) An Hamburg mag der Musiker besonders den Hafen - und offenbar auch die Reeperbahn (Foto: Public Address)

"Gestrandet" heißt sein Album, das ab dem 1. Mai in den Läden steht. Ein ironischer Titel, den der 36-jährige Sänger und Songschreiber dafür ausgewählt hat, der sich unter dem Namen Leichtmatrose gerade erst auf die hohe See des Musikgeschäfts gewagt hat.

Nachdem die Vorab-Single "Sexi ist tot" bereits einige Aufmerksamkeit erhielt und die Alternative Charts emporkletterte, treten jetzt die Stücke "Leichtmatrosen haben's schwer" und "Herztransplantation" als Doppel-Single die Nachfolge an. Darauf gehen die Neue Deutsche Welle und Electro-Pop musikalisch eine faszinierende Verbindung ein, in der die melancholischen Texte keinesfalls untergehen.

Unikosmos traf den Leichtmatrosen zum Interview und sprach mit ihm über Image, Amokläufe und seinen Mentor Joachim Witt.

Leichtmatrose hat Spaß daran, mit seinem visuellen Image zu spielen (Foto: Public Address)Leichtmatrose hat Spaß daran, mit seinem visuellen Image zu spielen (Foto: Public Address)

Ist Leichtmatrose ein Einzelkünstler oder eine Band?
Leichtmatrose: "Ich bin der alleinige Songwriter und derjenige, der alles vorproduziert hat. Live spielen noch drei andere Leute mit. Die Ideen und Instrumente stammen aber von mir, deswegen bezeichne ich Leichtmatrose als ein Soloprojekt."

Welche Idee steckt dahinter?
"Ich hab ein Jahrzehnt lang in Bands gespielt. Erst als Bassist, dann als Background-Sänger und Sänger und so weiter. Irgendwann kam ich an einem Punkt, an dem ich gedacht habe, mich nervt es, immer im Proberaum Diskussionen zu führen. Ich wollte einfach mal selber bestimmen, wie der Text und die Musik auszusehen haben und wie das Image des Projektes zu sein hat. Ich wollte mir nicht reinreden lassen. Ich wollte einmal das ausdrücken, das von mir kommt und das nicht verfremden lassen."

Wann bist Du auf den Namen Leichtmatrose gekommen?
"Das war relativ am Anfang. Es gibt den Song 'Leichtmatrosen haben's schwer' von mir. Und dann erinnerte ich mich an ein Bild der Künstler Pierre et Gilles von Marc Almond und ein Matrosenfoto. Und da dachte ich mir: 'So könntest du eigentlich auch als Kunstfigur auftreten. Das passt zu der Art Musik, die du machst. Aus der Sicht des sympathischen Losers.' Der Leichtmatrose ist ja der, der den niedrigsten Rang an Bord hat. Ich mochte schon immer in Filmen und Büchern eher den sympathischen Loser als den überkandidelten Helden."

Das heißt, das Styling und die Idee für das visuelle Image kamen auch von Dir?
"Das Grundimage kommt ein bisschen aus den Achtzigern aus dem Elektro-Rave-Bereich, das leicht Metrosexuelle in der New Romantics-Bewegung. Das hat mich auch damals schon fasziniert, obwohl ich noch sehr klein war. All die geschminkten Leute wie David Bowie, Robert Smith von The Cure, über Marc Almond bis hin zu Placebo mit Brian Molko heute. Mit der Kunstfigur Leichtmatrose hatte ich dann ein Image für mich gefunden – nicht, um mich dahinter zu verstecken, sondern um meinen Ausdruck zu verstärken."

Es gibt einen Song, in dem Du davon singst, dass Du das Meer vermisst. Ist das wirklich so?
"Ja, auf jeden Fall. Ich bin zwar nie zur See gefahren oder so, aber wenn ich in Urlaub fahre, dann immer ans Meer, gar keine Frage. Der melancholischste Ort der Welt ist das Wasser. Es muss nicht immer direkt auf der See sein, sondern auch am Strand. Dieses Gefühl, vom Wind und den Wellen berauscht zu werden, ist in mir."

Handelt Dein Lied "Junge von Nebenan" von einem Amokläufer?
"Ja. Das Lied ist durch die Ereignisse in Winnenden von der Realität eingeholt worden. Ich habe den Song weit vorher geschrieben, sogar vor Erfurt. Es war mir immer wichtig, dass solche Themen nicht in Vergessenheit geraten. Es wird nie über die wirklichen Ursachen nachgedacht, sondern es werden immer irgendwelche Ursachen vorgeschoben, so wie Computer-Killerspiele. Es gibt bestimmt Leute, die diesen Song pietätlos finden. Wie kann man einen Song über einen Amokläufer aus der Tätersicht schreiben? Aber wenn ich dadurch eine Diskussion mit auslöse, habe ich mein Ziel erreicht. Dann gerät dieses Thema nicht in Vergessenheit. Wenn wir nicht präventive Maßnahmen ergreifen, haben wir alle Jahre wieder das gleiche Problem."

Joachim Witt (l.) entdeckte den Leichtmatrosen in den Untiefen von MySpace. Auf der Großen Freiheit in Hamburg präsentierten sie sein Album (Foto: Public Address)Joachim Witt (l.) entdeckte den Leichtmatrosen in den Untiefen von MySpace. Auf der Großen Freiheit in Hamburg präsentierten sie sein Album (Foto: Public Address)

Was wünschst Du Dir an präventiven Maßnahmen?
"Einfach, ganz platt gesagt, dass man auf die Nöte der Kinder und Jugendliche achtet. Auf jede einzelne Persönlichkeit. Das heißt, schauen, wie es in den Familien aussieht, denn die Eltern können auch nicht immer alles auffangen, gerade wenn sie sozial benachteiligt sind oder eigene Probleme haben. In den Schulen können die Lehrer nicht wirklich Vertrauenspersonen für die Schüler sein, denn sie sind ja gehalten, Noten zu geben mit allem drum und dran. So einfache Projekte wie Schulsozialarbeiter fände ich gut. Und in den Familien braucht man Familienaufbauhilfe. Hier muss viel, viel mehr getan werden, als nur Plattitüden zu äußern, wie das Verbot von Killerspielen zu fordern."

Wie kam Deine Verbindung mit Neue-Deutsche-Welle-Star Joachim Witt zustande?
"Vor circa zwei Jahren hab ich mir überlegt, dass ich vier, fünf meiner Songs mal auf MySpace setze. Und zwei Wochen später schrieb mich Joachim an. Erst hat er nur einen Kommentar auf die Seite geschrieben, so nach dem Motto 'Oh, den Song find ich aber gut!'. Und ich dachte mir nur: 'Joachim Witt?!' Ich kannte ihn ja aus meiner Kindheit, Joachim Witt und seine Lieder 'Der goldene Reiter' und 'Die Flut'. Ich dachte mir 'Wow! Einer, den ich schon als Kind gehört habe und den ich toll gefunden habe, meldet sich bei mir!' Und dann habe ich ihm alle meine Songs geschickt und er war total begeistert. Dann bin ich nach Hamburg gekommen und habe direkt gemerkt, dass Joachim und ich ein sehr ähnliches Empfinden haben. Wie waren uns sympathisch. Er hat die Musik so verstanden, wie ich sie gemeint habe. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung."

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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www.leichtmatrose.com

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