k.d. lang im Interview

"Keine Schauspielerei mehr"

published: 02.11.2004

Interview mit k.d. lang (Foto: Public Address) Interview mit k.d. lang (Foto: Public Address)

Seit 20 Jahren durchwandert k.d. lang musikalische Landschaften - mal quirlig, mal tollpatschig, mal elegant. Mit Selbstbewustsein, Charme und Augenzwinkern ist es der Kanadierin gelungen, überall mit offenen Armen aufgenommen zu werden: Als sie Country-Songs sang, verzauberte sie widerspenstige Konservative. Als sie Chansons schrieb, lagen ihr die Sensiblen und Romantischen zu Füßen. Nach ihrem Coming-Out verfielen ihr die Lesben. Mit ihren Jazz- und Pop-Alben bezirzte sie dann die Kritiker. Inzwischen hat die 42-Jährige vier Grammys im Schrank, sich den Ruf einer ernsthaften Künstlerin verdient und ein treues Publikum gewonnen: Wer Musik liebt, respektiert k.d. lang. Gerade ist ihr neues Album "Hymns Of The 49th Parallel" erschienen.


Tourdaten:

12.11.04 Köln/E-Werk
18.11.04 Hamburg/CCH 2
19.11.04 Berlin/Tempodrom
21.11.04 München/TonHalle

Hübsche Fotos, die die Plattenfirma mitgeschickt hat. Schneiden Sie sich immer noch selbst die Haare?
k.d. lang: “Manchmal – in etwa der Hälfte der Fälle. Es macht Spaß und ist ganz leicht. Ich mache das schon lange. Ich habe damit angefangen, weil ich genaue Vorstellungen davon hatte, was ich wollte, und gerade eine Schere griffbereit war (lacht).”

Ihr neues Album ist eine Sammlung von Songs kanadischer Singer/Songwriter. Wenn Sie an Kanada denken, welche Bilder fallen Ihnen da ein?
“Offenes Land, Schnee, ausgedehnter Himmel. Weite und die Elemente, im Grunde genommen.”

Sie sind in dem 650-Seelen-Dorf Consort in der kanadischen Provinz Alberta aufgewachsen. Wie hat der Teenager Kathryn Dawn Lang das erlebt?
“Ich war ein ziemlicher Wildfang. Ich habe viel Zeit draußen im Freien verbracht und bin mit meinem Motorrad herumgefahren, seit ich neun Jahre alt war. Ich wusste damals schon, dass ich Interesse daran hatte zu reisen und Musik machen wollte.”

Wie kamen Sie im Alter von neun Jahren zu einem Motorrad?
“Mein Vater hat es mir gekauft.”

Das war aber nett von ihm...
“Ja, im Ernst! Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Wir haben viel zusammen unternommen. Wir haben Schießwettbewerbe veranstaltet, haben Gewehre abgefeuert und so (lacht). Und dann gab es damals diese Modellraketen... Man baute sie auf, setzte eine Art Patrone ein und zündete sie an. Dann sausten die ab in den Himmel. So etwas haben wir gemacht (lacht).”

Wie war Ihr Vater sonst so?
“Er war sehr exzentrisch. Er lebt noch, deswegen sollte ich eigentlich nicht in der Vergangenheit von ihm sprechen. Aber in meiner Kindheit war er extravagant. Er hatte die Angewohnheit, Hobbys zu entwickeln und sich dann sehr intensiv um sie zu kümmern. Mein Eindruck ist, dass er sehr spielerisch gelebt hat.”

Ihr Vater hatte eine Affäre mit einer Nachbarin und verließ die sechsköpfige Familie, als Sie zwölf Jahre alt waren. Was passierte da mit Ihrem Zuhause?
“Nun, in den ersten Jahren war es grauenhaft. Es war einfach ein riesiger Verlust. Meine Mutter musste mit so vielen Dingen klarkommen: Sie unterrichtete als Lehrerin und sie musste uns Kinder erziehen. Mein Vater war Apotheker, und meine Mutter musste sich jetzt nach ihrer Arbeit noch um den Drugstore kümmern, der uns gehörte. Letztendlich musste sie ihn verkaufen. Für meine Mutter war es schrecklich. Das machte es wiederum schrecklich für mich, weil ich so an meiner Mutter hing. Die ersten Jahre waren schwer, aber dann war es okay.”

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Eltern?
“Zu meiner Mutter ja.”

k.d. lang - Live (Foto: Public Address)k.d. lang - Live (Foto: Public Address)

Was ist sie für ein Mensch?
“Sie ist meine Heldin. Sie ist die unglaublichste, wunderbarste Frau auf der Welt. Sie hört nicht auf zu lernen und sich zu öffnen. Sie ist Christin, aber ein gute Christin – eine offene, nicht-verurteilende Christin. Sie ist eine großartige Inspiration und Mentorin für mich. Ich besuche sie, so oft ich kann – vielleicht vier Mal im Jahr.”

Warum haben Sie keinen Kontakt zu Ihrem Vater?
“Er möchte das nicht. Ich glaube, er sieht sich außerstande, mit der Situation umzugehen. Das vermute ich, aber ich weiß es nicht. Ich kann nicht für ihn sprechen.”

Wo ist jetzt für Sie Ihr Zuhause?
“Los Angeles. Ich habe dort ein Haus.”

Was ist Ihr Lieblingszimmer?
“Das ist wohl die Küche. Sie hat ein schönes, großes Fenster und der Tisch steht direkt darunter. Wenn man aus dem Fenster schaut, sieht man große, große Bäume und einen Berg, auf dem keine Häuser sind. Ich mag diesen Raum wegen des Lichts und der Luft und der Offenheit am liebsten. Ich koche gerne und es ist ein nettes Plätzchen zum Sitzen. Es ist wahrscheinlich das Zimmer, das am meisten benutzt wird.”

Was kochen Sie?
“Ich bin Vegetarierin – seit 24 Jahren. Ich gehe gern auf den Markt, kaufe frische, ökologische Produkte und koche etwas recht Einfaches.”

Mit wem leben Sie zusammen?
“Mit zwei Hunden - einem Labrador und einem Labrador-Schäferhund-Mischling - außerdem sieben Fischen und verschiedenen Vögeln, die im Freien herumfliegen.”

An Ihrem neuen Album fällt auf, dass die Bildsprache sich stark auf Landschaft und Natur bezieht. Es war zu lesen, dass Sie praktizierende Buddhistin sind. Was umfasst das?
“Oh (lacht). Vieles. Ich vermute, dazu gehört, seine Seele und seinen Geist kennen zu lernen. Außerdem Ruhe, viel Arbeit und viel Meditation.”

Wie sieht das konkret aus, wenn Sie meditieren?
“Ich setze mich auf den Boden in der richtigen Meditationshaltung hin: gekreuzte Beine, Hände auf meine Beine, gerader Rücken. Offene Augen. Und dann versucht man, seinen Geist auszuruhen und nicht zu denken. Aber das ist offensichtlich unmöglich! Was man also macht, wenn ein Gedanke auftaucht, ist, ihn so schnell wie möglich vorübergehen zu lassen und ihm nicht zu folgen.”

Wie oft tun Sie das?
“Jeden Tag. Unterschiedlich lang: An schlechten Tagen können es zehn Minuten sein, an guten Tagen zwölf Stunden.”

Welcher Schule des Buddhismus folgen Sie?
“Tibetischer Buddhismus, die Nyingma-Schule. Das ist die älteste Linie des tibetischen Buddhismus. Ich bin eigentlich schon mein ganzes Leben Buddhistin gewesen. Ich habe aber erst vor etwa vier Jahren angefangen, mit einem speziellen Lehrer zu studieren.”

Haben Sie mal den Dalai Lama getroffen?
“Ja, es war wundervoll. Es war in L.A. Er ist sehr bescheiden, sehr sanftmütig. Er hat die Präsenz eines Mannes, aber eine sehr friedvolle.”

Für das Cover Ihres neuen Albums ““Hymns Of The 49th Parallel” (Warner) haben Sie ein Bild von Andy Goldsworthy ausgewählt. Warum?
“Andy Goldsworthy ist ein Bildhauer, der, glaube ich, in Schottland lebt. Als ich diese Fotografie von ihm entdeckt habe, hielt ich sie für sehr angemessen. Ich habe das Gefühl, dass sie wirklich ausdrückt, was ich für diese Musik empfinde: Die lange, ausgedehnten Felswand steht für den 49. Breitenkreis, der die Grenze zwischen den USA und Kanada darstellt. Der Baum symbolisiert für mich die Kultur Kanadas - das Starke und Stumme. Ich mag einfach die Bildsprache dieses Fotos sehr gerne, diese verschneite Stille.”

Haben Sie mal daran gedacht, wie Joni Mitchell ein von Ihnen selbst gemaltes Bild als Cover zu verwenden?
“Hm, nicht wirklich. Ich male ausschließlich für den persönlichen Ausdruck. Das tue ich seit etwa 21, 22 Jahren.”

Wie würden Sie Ihren Stil beschreiben?
“Extrem minimalistisch und abstrakt.”

Drücken Sie durch das Malen Ihre Gefühle aus? Oder versuchen Sie etwas abzubilden, das Sie sehen?
“Hmm, eigentlich weder noch. Es ist einfach ein Erlebnis, das ich habe, wenn ich die Farbe auf der Leinwand sehe. Ich glaube gar nicht, dass ich mich wirklich dadurch ausdrücke. Es geht mir darum, bei der Leinwand zu sein.”

Werden Sie mal einige Bilder ausstellen?
“Vielleicht nach meinem Tod. Ich male wirklich nur für mich persönlich.”

Im November beginnt Ihre Deutschland-Tournee. Was kann man von den Konzerten erwarten?
“Hoffentlich werden wir ein Streich-Quartett mitnehmen können. Wir versuchen, es zu etwas Besonderem zu machen. Es werden etwa zur Hälfte Songs vom neuen Album und zur Hälfte retrospektive Stücke sein.”

Also ihre größten Hits?
“Naja (lacht), ich habe ja gar keine. Aber ja, es wird eine Rückschau geben. Alte Favoriten und Stücke, die im Zusammenspiel mit dem neuen Material sinnvoll sind.”

Sie sind mehrfach in Deutschland gewesen. Was fällt Ihnen bei uns als anders oder typisch auf?
“Ich denke, dass die Deutschen eine ähnliche Beziehung zur Natur haben wie die Kanadier. Die Deutschen stimmen ihr Leben sehr auf die Natur ab, glaube ich. Das gefällt mir. Ich bin auch der Meinung, dass die Deutschen sich sehr für die Künste interessieren und generell sehr aufgeschlossen sind. Mein Gefühl ist, dass sie alles ganz genau wissen wollen. Und ein bisschen zynisch sind.”

Kann gar nicht sein...
(lacht)

Gibt es deutsche Künstler, die Sie ansprechen?
“Oh, ich finde Werner Herzog ganz großartig. Für mich ist er einer der besten Filmemacher aller Zeiten. Ich liebe seine Filme: Sie sind witzig und aufwühlend und verletzlich.”

Inwiefern steht Ihnen als Entertainerin in Deutschland die Sprachbarriere im Weg?
“Ein bisschen schon, besonders im Hinblick auf einige Witze, die ich ja gerne einbaue. Es ist auch nicht so einfach, die Songs anzukündigen. Aber was die Musik betrifft, nun, so ist sie eben doch eine universelle Sprache.”

Wann können wir das nächste Album mit eigenen Kompositionen von Ihnen erwarten?
“Tja, dann, wenn es fertig ist! Ich habe noch keine Pläne und kann es nicht vorhersagen.”

Müssen Sie in einer bestimmten Stimmung sein, um zu schreiben?
“Ich darf mich nicht gerade auf einer Tournee befinden. Ich muss mir viel Zeit nehmen, um mich auf das Schreiben zu konzentrieren. Es braucht viel kreativen Raum im Kalender. Zurzeit habe ich gerade eine dreimonatige Tour durch die Vereinigten Staaten hinter mir. In drei Tagen fliege ich nach Australien und mache dort weiter.”

Ihr Album ist in Kanada bereits ein großer Erfolg. Wie kam es in den USA an?
“Oh, es kommt hier sehr gut an. Das ist gut für mich: Ich bin älter und mache Musik, die nicht wirklich populär ist. In Anbetracht des Genres, in dem ich singe, läuft es sehr gut.”

Sie haben in einer ganzen Reihe von Filmen mitgespielt – der letzte Leinwand-Auftritt ist allerdings schon fünf Jahre her. Was ist los mit Ihrer Karriere als Schauspielerin?
“Nichts mehr. Keine Schauspielerei mehr. Ich habe ein paar Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt, aber ich glaube wirklich, dass ich keine Schauspielerin bin.”

Andere Leute lassen sich von solchen Erkenntnissen nicht davon abhalten...”
“(Lacht) Sie sollten es aber!”

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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