Martin Böttcher im Interview

Legende dank "Winnetou Melodie"

published: 18.05.2005

Martin Böttcher (Foto: Public Address) Martin Böttcher (Foto: Public Address)

Mit der "Winnetou Melodie" hat er nicht nur den Karl-May-Filmen und Winnetou-Darsteller Pierre Brice ein Denkmal gesetzt, sondern auch sich selbst. Martin Böttcher wurde durch seine Klänge zu Kinofilmen und Fernsehserien zum erfolgreichsten deutschen Filmkomponisten. Der am 17. Juni 1927 geborene Musiker ist längst Kult. Im Interview spricht er über seine Freundschaft zu Pierre Brice und den frühen Tod von Lex Barker.

Sie wurden mit Ihrer Musik für die Karl-May-Filmen zum erfolgreichsten deutschen Filmkomponisten. Wieso haben Sie nie einen Roman von Karl May gelesen?
Martin Böttcher: “Ich bin gerade dabei, einen zu lesen, weil Frank Elstner mir bei einer Talkshow ein Buch geschenkt hat. Da habe ich gedacht: ‚Jetzt musst du anfangen.’ Das hatte sich vorher bei mir nie ergeben. Ich habe früher als Junge ganz andere Interessen gehabt, ich interessierte mich für die Fliegerei. Da hatte ich auch ganz andere Literatur, in dem Alter. Dann kam der Krieg, da war alles vorbei. Dann kamen die Filme und da habe ich die Drehbücher gelesen und dachte, dann weiß ich ja alles.”

Was ist das jetzt für ein Erlebnis, diesen Roman zu lesen?
“Ich bin noch am Anfang. Das ist natürlich etwas ganz anderes als die Filme. Es ist alles viel umfangreicher dargestellt. In den Filmen ist alles sehr präzise und knapp mit Text versehen. Das ist bei den ganzen Karl-May-Büchern nicht der Fall - da ist alles ein bisschen blumiger, würde ich sagen.”

Martin Böttcher (Foto: Public Address)Martin Böttcher (Foto: Public Address)

Waren Sie damals bei den Dreharbeiten dabei?
“Nein, leider nicht, ich wäre sehr gerne dabei gewesen. Aber das hat sich nicht ergeben, das machte man damals nicht. Man sagte, der Komponist, der solle man schön warten, bis man fertig ist.”

Trotzdem hatten Sie ja privat Kontakt zu den Schauspielern.
“Oh ja. Z.B. zu Pierre Brice. Da habe ich Ihnen etwas mitgebracht, damit Sie sehen, dass... Ich habe hier ein Buch, das ist das Vorwort zu einer Biographie von mir, das fand ich sehr hübsch. Lesen Sie mal…”

Pierre Brice schreibt: „Ein lieber und treuer Freund“‚ … „tiefe Freundschaft“... Wie kam es dazu, dass sie eine solche Freundschaft hatten?
“Wir lernten uns bei den Premieren kennen. Das ist nun eine ganze Weile her. Wir haben uns immer wieder getroffen und es entwickelte sich eine große Sympathie zueinander. Wir waren in der gleichen Gedankenwelt, würde ich fast sagen.”

Wie würden Sie ihn als Menschen beschreiben?
“Er ist ein unglaublich klarer, sauberer Junge. Er ist wahnsinnig menschlich und ganz geradeaus.”

Was haben sie zusammen unternommen?
“Wir waren meist bei den Premierenfeiern zusammen. Und wenn er irgendwo gespielt hat, habe ich ihn besucht. Da hat er mich dann zum Essen eingeladen - er kocht übrigens sehr gut. Auch als er in Bad Segeberg gespielt hat, hat er mich bekocht. Das war ganz toll. Dann haben wir uns hier in Segeberg vor ein paar Jahren noch einmal gesehen. Wir treffen uns auch mal in Berlin oder irgendwo, wo wir gerade Gelegenheit haben, zusammen zu kommen.”

Als er sie bekocht hat, was gab es da?
“Das war etwas sehr, sehr Raffiniertes, aber nicht - wie man in Hamburg so schön sagt - ’vertüttelt’, sondern etwas sehr Schmackhaftes, sehr raffiniert eben, und das war super.”

Wenn sie an diese „Bild“-Titel-Schlagzeile denken: „Ich habe drei Menschen getötet“ – Pierre Brice. Was empfinden Sie da?
“Das ist natürlich so eine Sache: Ich finde, das ist wirklich aus dem Zusammenhang gerissen. Erst später wird ja erwähnt, dass galt: entweder er oder der andere. Das ist ja leider im Krieg so bei Soldaten. Da stehen sie vor der Alternative: Lasse ich mich erschießen oder erschieße ich ihn? Furchtbar. Und deswegen bin ich ganz froh, dass dieser ganze Mist vorbei ist. Das heißt, unser Mist. Den anderen Mist haben wir ja nach wie vor - im Irak.”

Haben Sie das gewusst, dass Pierre Brice drei Menschen getötet hat?
“Das habe ich nicht gewusst, aber ich konnte es mir denken. Wir haben darüber nicht gesprochen.”

Wieso konnten Sie sich das denken?
“Ja, weil er damals in Vietnam war, als französischer Soldat – die waren ja vor den Amerikanern in Vietnam. Da ist das natürlich nahe liegend.”

Denken Sie jetzt anders von ihm?
“Das hat damit nichts zu tun. Ich sage ja: Entweder er wäre es gewesen oder der andere.“

Und das rechtfertigt Ihrer Meinung nach seine Tat?
“Es ist eigentlich Notwehr. Es steht plötzlich einer vor ihm. Er ist konfrontiert mit ihm und schießt nicht aus 500 Metern Entfernung.”

Waren Sie auch mit Lex Barker befreundet?
“Wir haben einmal zusammen versucht, eine Platte zu machen - das hat leider nicht geklappt. Wir haben da zehn Stunden im Studio gestanden. Ich habe ihn leider nicht so oft gesehen wie Pierre. Aber er war ein faszinierender Mann, ein in sich geschlossener und sehr ruhiger. Er war 1,93m groß, soooo ein Kreuz und eben auch ganz geradeaus. Jede Frau, wenn der herein kam... Ich habe auch seine Frau kennen gelernt, die Tita, das war bei der Premiere in Düsseldorf, glaube ich. Die war ja wohl etwas schwierig, habe ich hinterher erfahren.”

Lex Barker starb sehr früh und plötzlich.
“Er ist in New York umgefallen, auf der Straße. Und keiner hat ihn erkannt. Die Leute sind über ihn drüber gestiegen. Irgendwann haben sie an der Uhr erst feststellen können, dass er das war. Die hat wahrscheinlich die Initialen drin gehabt.”

Wie haben Sie damals davon erfahren?
“Ich weiß es gar nicht mehr. Das war sehr ziemlich schnell überall rum.”

Wissen Sie noch, was Sie empfunden haben?
“Ich war sprachlos, möchte ich fast sagen, denn er war ja ein derart gesund erscheinender Mensch. Man denkt ja, er würde 100 Jahre alt werden.”

Haben Sie selbst Angst vor dem Tod?


“Darüber habe ich Zeit gehabt nachzudenken, als ich 16, 17 war. Weil wir waren damals die erste Gruppe, die den Komet-Jäger fliegen sollten. Wir haben also eine Vorausbildung gemacht. Das war im Prinzip der Vorgänger von dem, was heute die Columbia ist, also ein Raketenjäger, den die Deutschen erfunden haben. Und der flog auch mit Testpiloten, aber wir sollten die erste Gruppe sein, die ihn fliegt. Und da haben wir die ganze Vorschulung gemacht. Voraussetzung war, dass man ein sehr guter Segelflieger war, weil die Maschinen ganz am Anfang fünf Minuten Schubkraft hatten, und dann mussten sie landen. Und sie mussten genau da landen, wo sie hin wollten. Und das musste auch auf den Millimeter genau stimmen.”

Und wann war das?
“Das war 1944. Und dann anschließend gab es keinen Sprit mehr, dann wurden wir Fallschirmjäger. Dann wurde ich verwundet, ging in Gefangenschaft, und so weiter. Und dann war die ganze Fliegerei beendet.”

Als Sie verwundet wurden und in Gefangenschaft geraten sind, hatten Sie wahrscheinlich schon Angst.
“Wissen Sie, wenn man damals keine Angst hatte, dann war man nicht normal im Kopf. Denn ich weiß noch, wir haben halbwegs das kleine Stalingrad gehabt. Wir haben die letzten Oder-Brücken verteidigt. Das war alles fliegendes Personal, also entweder Flugzeugführer oder Bordfunker oder Beobachter. Und das waren alles Jungs zwischen 18 und 21 Jahren. Es waren sehr wenige, in einem Wald, der so riesig war hinter uns. Hinter uns war keiner, nur der Wald. Wir hingen da ganz vorne an der vordersten Front und die Russen waren mit sieben Divisionen gegenüber, mit Panzern und allen Schikanen. Da konnte man sich also ausrechnen, wann es mal passiert. Und ich wurde zehn Minuten, bevor die uns überrollten, verwundet. Das war meine Rettung. Die meisten anderen waren entweder tot oder kamen in Gefangenschaft. Da wird man ein bisschen demütig. Man möchte es gerne manchmal einigen Leuten heute sagen. Aber das geht bei denen hier rein und da raus.”

Haben Sie Menschen getötet?
“Da kann ich nur sagen: ‚Ich kann es nicht bewusst sagen.’ Wir mussten natürlich schießen, aber wir haben auf große Entfernung geschossen. Ich weiß nicht, ob ich einen getroffen habe. Das sah man ja nicht, es war ja oftmals dunkel.”

Denken Sie manchmal darüber nach?
“Ich habe jahrelang darunter gelitten. Ich bin nachts aufgeschreckt im Bett. Das hat schon gedauert, bis das abgebaut war.”

Wenn Sie jetzt mitbekommen, dass bei Landtagswahlen rechte Parteien so große Stimmen-Zuwächse verzeichnen, was denken Sie da oder was fühlen Sie da?
“Also ich muss Ihnen sagen, denen fehlt das, was wir damals mitgemacht haben. Dann würden die anders reagieren. Dann würden sie nicht mit Gewalt plötzlich die Welt verändern wollen. Gut es gibt bestimmt Gründe, dass sie gegen bestimmte Sachen sind, aber nicht in der Form, wie sie es machen wollen. Die Demokratie ist schon die beste Form, die es gibt, und auch die schwierigste. Wir haben es eigentlich ganz gut gelernt, aber jetzt fängt das wieder an, ein bisschen zu flattern.”

Meinen Sie, dass man sich richtig Sorgen machen muss?
“Ich glaube nicht. Ich glaube, dazu ist das Potential von vernünftigen Menschen bei uns zu groß.”

Sie haben vor kurzem das Bundesverdienstkreuz bekommen. Was bedeutet das für Sie?
“Das war eine große Ehre und für mich sehr erfreulich. Ich hatte schon das Vergnügen, vorher den Ehrenpreis der Deutschen Filmmusik zu kriegen, als erster mit Hans-Martin Majewski. Und neulich stand in der ‚Welt’ ein langer Artikel darüber, wer ihn als zweiter oder als dritter bekommen habe - und kein Wort wurde von uns gesagt, wir waren nämlich die Ersten - vor Ennio Morricone, der kam erst drei Jahre später. Also da waren wir besonders stolz.”

Jetzt erscheint eine Best-Of-CD von Ihnen.
“Ja, ein Doppelpack müsste es sein. Das sind das meine besten Aufnahmen von damals, die es noch nie auf CD gab, mit ganz tollen Musikern in Berlin gespielt. Es ist schon lange vorbereitet. Es fehlte nur noch ein Titel, der war nicht auffindbar, und jetzt haben wir ihn.”

Wo hat sich der angefunden?
“Bei meinem Webmaster! Der hatte ulkiger Weise das auch schon einmal auf CD überspielt und da sie es nicht fanden, sagte ich: ‚Kinder, es gibt eine Möglichkeit: Ich rufe mal meinen Webmaster an, der hat das Ding vielleicht noch‘. Und der hatte den Titel.”

Wird man als Filmkomponist Ihrer Meinung nach ausreichend bezahlt?
“Wer fühlt sich schon ausreichend gut bezahlt? Ich kann Ihnen ganz offen sagen, ich habe für meinen ersten Karl-May-Film 8000 Mark bekommen. Da habe ich die Arrangements geschrieben, habe dirigiert, habe komponiert, habe bei der Mischung dabeigesessen...”

Wie lange haben Sie dafür gearbeitet?
“Vier Wochen. Sie dürfen nicht vergessen, das ist Tag und Nacht. Also theoretisch ist das eine Zeit, da brauchen Sie vier Monate zu. Aber da das immer so konzentriert ging, mussten wir das in so kurzer Zeit machen.”

Haben Sie einmal das Gefühl gehabt, dass Sie eine großartige Musik an einen Film verschwendet haben, der die eigentlich das gar nicht verdient hat?
“Eigentlich nicht, nein, würde ich nicht sagen. Also verschwendet bestimmt nicht.”

Wie frei sind Sie beim Komponieren? In wie weit müssen Sie sich an der Semantik des Films orientieren?
“Normalerweise setzte man sich, wenn der Film einigermaßen fertig war, mit dem Regisseur hin und überlegte, wo und wie man Musik macht. Und dann haben wir uns geeinigt. Und dann ging ich nach Hause und habe das geschrieben und dann trafen wir uns im Atelier. Das beste Beispiel war damals der Harald Reinl mit den Karl-May-Filmen. Der schlug mir auf die Schulter und sagte: ‚Junge, mach‘ mal eine schöne Musik‘. Der hat nicht rein geredet. Es war phantastisch zu arbeiten. Nicht ist schlimmer, als wenn sie andauernd hören: ‚Hören sie mal da, und machen sie mal da und gucken sie mal. Ich würde es gerne so haben....’ Dann ist man eingeengt und hat gar keine Möglichkeit, sich kreativ zu entfalten.”

Wie ist das jetzt bei „Pfarrer Braun“?
“Da habe ich sehr angenehme Erfahrungen mit jungen Regisseuren gemacht. Der Dirk Regel ist jetzt gerade so ein Fall. Wir haben uns glänzend verstanden bei den beiden letzten.”

Sind die Leute heute von Ihrer Musik noch so fasziniert wie damals?
“Es sind ja alle Jahre in Österreich oder in Deutschland, in Bad Segeberg, diese Veranstaltungen. Und da gibt es so irrsinnig viele und so ganz treue Fans auch, die kommen sonst woher angereist. Ich kenne da einen, der hat 380 Titel von mir. Der hat mehr Platten von mir als ich selbst habe!”

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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