Live8

200.000 allein in Berlin

published: 04.07.2005

21 Bands treten in sechs Stunden auf ein und derselben Bühne auf? Nichts ist unmöglich, dachten sich die Organisatoren des deutschen Live8-Konzertes in Berlin und beauftragten den durch seine Festivals „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ in Sachen Logistik mit allen Wasser gewaschenen Marek Lieberberg mit der Durchführung. Aber auch die Lieberbergschen Experten kapitulierten schließlich vor der Herausforderung, wurden durch Sonderwünsche der Bands („Wir wollen aber unser eigenes Mischpult benutzen!“) aus dem Takt gebracht. Doch das tat der Stimmung vor der Bühne unter der Siegessäule keinen Abbruch und auf diese Weise dauerte das Umsonst-Konzert nicht nur bis 20.00 Uhr, sondern fast bis Mitternacht.

Konzert? „Dies ist kein Konzert, dies ist eine Demontration!“, ließ sich Hosen-Sänger Campino im Interview mit Anne Will ein. Besonders durch Einspielungen aus London und Philadelphia wurde der politische Charakter des Events immer wieder herausgestellt: Wenn Will Smith eine aufrüttelnde Rede hielt, wenn Organisator Bob Geldof alle drei Sekunden mit den Fingern schnippte und sagte: „Jetzt stirbt ein Kind an Hunger … und jetzt… und jetzt…!“

Musikalisch allerdings waren die deutschen Bands an jenem Nachmittag der englischen und amerikanischen Konkurrenz hoffnungslos unterlegen. Todlangweilig nölte Niedecken von BAP seine Songs herunter, denkbar uninspiriert wurschtelten sich die Söhne Mannheims durch ihren Miniset. Erst Green Day rüttelten die 200.000 Zuschauer aus ihrer Lethargie, später namen A-Ha und Roxy Music den Stab auf und lieferten druckvolle Vorstellungen.

Deutlich eindrucksvoller gerieten die Auftritte im Londoner Hyde Park: ein ungeheuer dichter Beitrag von Annie Lennox, eine extrem überzeugende Madonna, am späteren Abend The Who mit den besten 15 Minuten ihrer langen Karriere, ein gewohnt mitreißender Robbie Williams und schließlich die Reunion des Jahres – Pink Floyd seit fast zwei Jahrzehnten wieder gemeinsam auf einer Bühne.

Was aber viel wichtiger ist als tolle Musik oder kleinliches Gekrittel: Die internationale Musikszene hat (wieder einmal) Verantwortungsbewusstsein und moralische Kompetenz bewiesen. Dass die Appelle von den Regierenden der „G8“ auch gehört werden, zeigte der britische Premier bereits am Sonntagabend in einer MTV-Livediskussion mit englischen Schülern… Jetzt täte auch ein Statement von Gerhard Schröder gut – oder wollen wir uns den Engländern und Amerikanern auch auf der politischen Bühne geschlagen geben?

[Karl Günter Rammoser]

Das könnte dich auch interessieren:

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung