Die Ärzte im Interview

"Einsame-Herzen-Platte"

published: 27.02.2002

Die Ärzte im Interview (Foto: Public Address) Die Ärzte im Interview (Foto: Public Address)

”Die beste Band der Welt” - mit jedem Jahr kommen Die Ärzte ihrer rotzfrechen Selbstauskunft ein Stück näher. Seit der Reunion und Rekrutierung des ehemaligen Rainbirds-Bassisten Rod Gonzales im Jahre 1993 ist aus dem Duo Farin Urlaub und Bela B. eine echte Band geworden. Von Politik bis Pubertät – vor kaum einem Thema schrecken die Berliner zurück: Man provoziert, verblüfft und amüsiert seit 17 Jahren. Auch auf dem neuen Album “Runter mit den Spendierhosen, Unsichbarer!” geht es nicht nur kuschelig zur Sache – auch wenn es das blaue Plüsch-Cover vermuten lässt: Mit “Ein Sommer nur für mich” schießt man verbal gegen rechte Gewalt und Machos bekommen mit “Manchmal haben Frauen...” ihr Fett weg.

Das Cover eurer neuen CD ist schön flauschig. Jetzt können eure Fans Die Ärzte zum Kuscheln mit ins Bett nehmen.
Farin: “Das ist herrlich, oder? Das ist eine Einsame-Herzen-Platte. Das habe ich letztens im ‚Spiegel‘ gelesen - über Singles und so. Da haben wir uns gedacht, wir machen eine Platte, die sich an alle Singles richtet. Wir fordern die Fans quasi zum Kuscheln auf. Am Besten ist eigentlich, wenn man die CD dazu herausnimmt. Gerade bei schwereren Menschen zerbricht die CD so leicht. Obwohl, wenn ich mir das recht überlege, müssen die sie sich ja dann neu holen, dass ist dann doch ok. Also doch die CD mit ins Bett nehmen zum Kuscheln!”

Zeitgleich ist die Single “Manchmal haben Frauen...” erschienen. Gab es schon Menschen, die den Song – obwohl es ein Pro-Frauen-Song ist - missverstanden haben und sich beschwert haben?
Farin: “Du bist, glaube ich, der erste Mann, der den Frauen zugesteht, dass sie selber denken können. Wir haben es jetzt ein paar Mal erlebt, dass Männer meinen, dass der Song für die Frauen ja ganz schön hart sei. Und sie wollen es präventiv nicht spielen, weil sie Angst haben, dass die Frauen beleidigt sein können. Aber alle Frauen finden das Lied total klasse. Das zeigt mal wieder, wie weit dieser Chauvinismus eigentlich geht. So von wegen: ‚Meine Frau findet das doof. Aber Schatz, Ruhe!‘.”

Das Intro von “Dir” hat ein bisschen was von “Riders On The Storm”. Sind The Doors eine Band, die dir etwas bedeutet?
Farin: “Überhaupt nicht. Das ist Hippiescheiße! Und jetzt habe ich mir mit einem einzigen Wort 100.000 Feinde gemacht, hahaha. Als ich 14 war, habe ich mal eine Zeit lang ‚This Is The End‘ und so etwas gehört. Ich war sogar am Grab von Jim Morrison in Paris, als man das noch durfte. Wir sind heimlich nach Paris getrampt und da war eine Dame dabei, die ein totaler Doors-Fan und Jim-Morrison-Verehrer war. Die hatte auch seine Gedichtbände. Deswegen weiß ich ein bisschen darüber... Aber, nee! Can´t beat Punk-Rock!”

Songs mit antifaschistischen Inhalten wie “Ein Sommer nur für mich” haben bei den Ärzten Tradition. Glaubst du, dass ein NPD-Verbot, wie es gerade diskutiert wird, etwas bringen wird?
Rod: “Ich glaube, das wird wenig bis gar nichts bringen. Als Antifaschist speziell geht es mir wirklich gut, meinem Feind ins Auge sehen zu können: zu wissen, was er macht, wie er sich formiert und wo er sich gerade befindet. Wenn man die verbietet, weiß man nicht mehr, wo dieser Feind eigentlich steht. Im Endeffekt verschwindet nur ein Etikett, aber das faschistische Gedankengut ist immer noch da. Und die Gefahr ist da, dass diese Inhalte immer mehr in die etablierten Parteien hinein fließen. Man merkt eigentlich schon, dass ein ehemaliger grüner Politiker, der jetzt Innenminister ist und sich Schily nennt, einen viel härteren und rechteren Kurs fährt als sein Vorgänger Kanther, der bekanntermaßen der Abschiebeminister war. Schily entpuppt sich als noch viel heftigerer Abschiebeminister. Und da die Opposition völlig seiner Meinung ist, gibt es keine Opposition dieser Haltung gegenüber. Und das finde ich extrem gefährlich.”

Wenn man das über die Jahre hinweg sieht, hat man das Gefühl, dass Rod wesentlich besser integriert ist als es Sani oder Hagen jemals waren...
Farin: “Auf jeden Fall. Und musikalisch ist er deutlich überlegen, was bei allen Bassisten bisher nie der Fall war. Im Gegenteil: Da war es zum Teil so, dass ich die Bässe gespielt habe oder unser Produzent. Bei Rod ist das eher so, dass er auch mal Gitarre spielt. Das ist schon klasse.”

Liegt das nur an der Musik oder auch an der Persönlichkeit?
Farin: “An allem. Und natürlich auch daran, dass wir seit 93 eine richtige Band sind, eine richtige Drei-Mann-Band. Mit Hagen war das immer so, da waren wir eine Zwei-Mann-Band und ein Mietmusiker und mit Sani wollten wir eine Drei-Mann-Band sein, aber da kamen dann ganz merkwürdige Sachen.”

Ihr habt eine sehr schöne und aufwändig gestaltete DVD gemacht. In Kürze erscheint die Playstation 2 inklusive DVD-Player. Zufall?
Rod: “Auf ein spezielles Gerät hin eine Software zu machen, war nicht der Hintergedanke. In vielen Haushalten steht ein PC oder ein Rechner herum, der mittlerweile auch ein DVD-Laufwerk hat. Egal, ob man jetzt eine Playstation oder Dreamcast zu Hause stehen hat - es sieht so aus, als ob DVDs der nächste Standard werden. VHS in allen Ehren, aber die Qualität lässt einfach zu wünschen übrig, wenn man sie zu häufig abspielt. Da ist die DVD weit vorne - so wie die CD, die das Vinyl abgelöst hat.”

Du bist also kein Vinyl-Fetischist, wie so viel Musiker?

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