Schlechter Geschmack

Marc Almond im Interview

published: 26.02.2001

Marc Almond im Interview (Foto: Public Address) Marc Almond im Interview (Foto: Public Address)

20 Jahre nach seinem großen Hit "Tainted Love” setzt Marc Almond wieder an zum Sprung in die Charts. Der Ex-Soft-Cell-Sänger hat gemeinsam mit dem Berliner Duo Rosenstolz den Titel "Total Eclipse” des schon fast vergessenen Countertenors Klaus Nomi neu eingespielt. Am Abend der deutschen Vorausscheidung des Grand Prix werden die Drei ihren Titel zum ersten Mal vorstellen - während der TED-Pause und damit natürlich außerhalb der Konkurrenz des Schlagerwettbewerbes.
Ins grelle Ambiente des Grand Prix werden Almond und Rosenstolz sich wohl organisch einfügen. Die Wetten stehen gut, dass ihr schriller Ohrwurm so manchen Moshammer an Kitsch und Camp überbietet. Leider können die Zuschauer das kuriose Trio nicht nach Kopenhagen schicken – wohl aber an die Spitze der deutschen Singlecharts!

Was verbindest du mit Deutschland?
Marc Almond: "Deutschland ist eines der Länder, die mich immer nett behandelt haben. Ich freue mich immer, wenn ich hierher komme. Ich kann mich noch erinnern, wie Berlin aussah, als ich zum ersten Mal dort war. Da war es eine völlig andere Stadt. Damals fühlte ich mich an Irland erinnert - es lag dieselbe seltsame Spannung in der Luft. Heute ist das einer positiven Erregung gewichen.”

Was an der Musik von Rosenstolz hat dich angesprochen?
"Sie ist leidenschaftlich, theatralisch und glamourös. Das versteht man auch, wenn man kein Deutsch spricht.”

Wie hat sich die Zusammenarbeit ergeben?
"Man gab mir die letzte Rosenstolz-CD mit dem Hinweis, diese Band habe Interesse, mit mir einen Song aufzunehmen. Daraufhin habe mir ihre Musik angehört und war hellauf begeistert. Mir gefiel ihr gesamter Stil. Wir nahmen Kontakt auf und so kam die Sache ins Rollen. Nicht sehr spektakulär, nicht? Ich könnte mir auch eine wilde Geschichte aus den Fingern saugen. Aber das ist die Wahrheit.”

Was bedeutet der Song "Total Eclipse” für Dich? Nur Wenige erinnern sich noch an das Original von Klaus Nomi, dem deutschen Countertenor, der 1983 an AIDS starb.
"Ich war mit dem Titel sehr vertraut. Klaus Nomi und ich waren befreundet. Zu Beginn der 80-er Jahre haben wir uns oft in New York getroffen.”

Warum habt ihr die Premiere eurer gemeinsamen Single ausgerechnet auf die Vorausscheidung des Grand Prix gelegt?

"Ironie! Heut zu Tage sehen wir doch alle solch eine Veranstaltung mit einer gewissen Distanz. Wir erkennen, was Retro ist, was Kitsch ist und was schlechter Geschmack. Ich denke, es ist ein Zeichen unserer Zeit, dass mit diesen Elementen gearbeitet und auf diese Weise ein Statement formuliert wird. Wenn ich eines meine ganze Karriere lang durchgehalten habe, dann wohl, dass ich mir der Ironie meines eigenen Auftritts bewusst war.”

Ist das immer verstanden worden?
"In Amerika wissen die Leute überhaupt nicht, was Ironie ist! Das ist ein Fremdwort für sie.”

Haben denn die Deutschen Sinn für Ironie?
"Durchaus. Das ist offenbar ein europäisches Phänomen. Die Briten treiben es jedoch auf die Spitze. Immer wenn ich in Amerika bin, frappiert es mich, wie ernst und wörtlich alles genommen wird. Mein Duett mit Gene Pitney, ‘Something’s Gotten Hold Of My Heart´, konnte dort nicht veröffentlicht werden. So etwas ginge doch nicht, meinten die Verantwortlichen, das sei schließlich...hmm, nun ja...., schwul! Dabei ist das ausgemachter Blödsinn. Wir singen das Lied ja nicht für einander. Wir singen es für das Publikum - nur eben gemeinsam. Aber das haben die nicht verstanden.”

Ist es heut zu Tage noch ein Problem, als Sänger offen schwul zu sein?
"Ich würde sehr gerne mit ‘Nein’ antworten. Aber leider gibt es immer noch Schwierigkeiten, obwohl sich in den letzten 20 Jahren viel getan hat. Es stimmt nicht, dass es keine Rolle spielt. Okay, es gibt jetzt schwule Popstars und Homos in Fernsehserien. Aber man muss einen bestimmten Typ darstellen, damit es deine Karriere nicht sofort killt. Sei bloß nicht irgendwie gefährlich. Die Briten akzeptieren homosexuelle Künstler eigentlich nur dann, wenn sie sich asexuell präsentieren. Ein bisschen Drag ist okay. Hauptsache, man wirkt irgendwie geschlechtslos.”

Es heißt, du wolltest wieder mit deinem alten Kollegen Dave Ball arbeiten und eventuell ein neues Soft-Cell-Album produzieren. Wie steht es damit?
"Das sollte eigentlich schon im letzten Jahr passieren. Inzwischen bin ich vorsichtiger geworden mit vollmundigen Ankündigungen. Wir sind halt beide sehr beschäftigt, verfolgen verschiedene Projekte. Es kommt ständig etwas dazwischen. Aber wir haben schon etwas aufgenommen. Mal sehen, wie es weitergeht. Ich hoffe, dass wir dieses Jahr noch live auftreten oder sogar eine Tournee in Angriff nehmen werden.”

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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http://www.marcalmond.co.uk

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