Rick Astley im Interview

Vom Teejungen zum Top-Star

published: 12.11.2001

Rick Astley im Interview (Foto: Public Address) Rick Astley im Interview (Foto: Public Address)

Rick Astley will es noch einmal wissen: 15 Jahre nachdem er mit “Never Gonna Give You Up” die Charts in aller Welt stürmte, hat er einen neuen Song herausgebracht. “Sleeping” heißt der Ohrwurm und ist der Verbote für das am 19. November 2001 erscheinende Album “Keep It Turned On”. In den Achtzigern war Astley Nummer Eins in England, Deutschland und Amerika. Er war der Typ Popstar, für den nicht nur kleine Mädchen, sondern auch Mütter und Tanten schwärmten. Er war Everybody’s Darling. Doch hinter den Kulissen zogen andere die Fäden: Die Starproduzenten Stock, Aitken & Waterman schneiderten dem kleinen Rick seine Hits auf den Leib. Genauso wie sie das für Kylie Minogue und Jason Donovan taten, seinen ebenso keimfreien Kollegen. Seitdem ist viel passiert. Der einstige pausbäckige Rotschopf mauserte sich zum attraktiven Mann Mitte 30. Und die vermeintliche Produzenten-Marionette entpuppte sich als Künstler, der selbst den Ton angibt. Zum Glück unverändert: die Stimme, dunkel, kraftvoll und warm. Unverkennbar Rick Astley eben - auch ohne Babyspeck und Schmalztolle.

Man munkelt, du hättest deine Karriere als Teejunge für die Starproduzenten Stock, Aitken & Waterman begonnen. Hast du da etwa Kylie Minogue mit Heißgetränken versorgt?
Rick Astley: “Ja, auch für Mandy Smith und Bananarama habe ich Tee gekocht. Das war so: Ich hatte schon meinen Vertrag mit Pete Waterman unterschrieben. Und bis er Zeit fand, meine Platte zu produzieren, habe ich im Studio gearbeitet. So konnte ich das Drum und Dran kennen lernen. Ich war für alles Mögliche zuständig - auch fürs Teekochen - und fand es toll. Wenn nachts mal ein Studio frei war, konnte ich dort mit einem Studiotechniker Demotapes für mich aufnehmen.”

Du hast eine volle, unverkennbare Stimme. Hast du je Gesangsunterricht genommen?
“Nein, überhaupt nicht. Mein Vater hatte eine sehr kraftvolle Stimme. Die habe ich wohl ein bisschen geerbt. Als Teenager stand ich dann total auf schwarze amerikanische Musik. Das hat wahrscheinlich die Art und Weise, wie ich meine Stimme einsetze, beeinflusst.”

Gleich deine erste Single “Never Gonna Give You Up” machte dich weltberühmt. Wie hast du auf den Ruhm reagiert?
“Ich habe mich dem ganzen Rummel gegenüber sehr reserviert gegeben. Ich habe mich zurückgezogen und bin schüchtern geworden. Es ist sehr schwierig, wenn man sechs oder acht Monate, nachdem man eine Platte gemacht hat, weltberühmt ist. Es ist sicherlich auch großartig. Aber man muss über alles, was man tut, neu nachdenken.”

Inwiefern?
“Man muss sich überlegen, wie man wohl Benzin kaufen soll. Wie man ins Kino gehen soll. Wie man es anstellt, sich Brot zu kaufen. Man ist so abhängig von den Reaktionen der Leute. Wenn ich im Tante-Emma-Laden um die Ecke Milch kaufen wollte und der Typ hinter der Kasse seine Stimme nicht genug dämpfte, wenn er ‘Hallo, Rick’ sagte, kriegten alle in dem Laden mit, wer ich war. Vom Kiddie bis zur Großmutter. Ob ich es wollte oder nicht: Ich war einfach ein überall bekannter Mainstream-Popsänger. Ich konnte nie mit meinen Freunden einen trinken gehen. Wenn ich ins Kino gehen wollte, musste ich eine breite Sonnenbrille und einen Riesen-Schlapphut anziehen. Aber in so einem Aufzug zieht man ja auch alle Blicke auf sich! Es war zum Verrücktwerden.”

Dein Erfolg wurde immer Stock, Aitken & Waterman zugeschrieben. Sie galten musikalisch als wenig wandlungsfähig und extrem kommerziell ausgerichtet sowie in ihrem Verhältnis zu den Künstlern als dominant und kontrollierend.
“Genau so waren sie auch. Es lief so ab: Man kam ins Studio, sang den Song und ging nach Hause. Weder beim Songwriting noch bei der Produktion wurde man beteiligt. Andererseits glaube ich nicht, dass die Arbeitsweise bei Whitney Houston oder Britney Spears anders aussieht. Celine Dion, so denke ich, stimmt einem Song zu, singt den Song und geht nach Hause. Sie mag sich vielleicht gerne dabei fotografieren lassen, wie sie im Studio einen Knopf drückt. Aber ich bin sicher, sie könnte dir nicht den Unterschied zwischen dem einen oder dem anderen Regler erklären.”

Ihr wird das in der Presse nicht vorgeworfen - im Gegensatz zu dir und deinen Kollgen Jason und Kylie damals...
“Genau. Das liegt daran, dass sie keine Produzenten hat, die herumrennen und schreien, ‘Wir sind es, die das alles machen! Wir sind großartig! Wir sind unglaublich! Wir können jeden zum Star machen!’ Die Leute, die Celines Hits schreiben, sind auch für viele Sachen von Whitney und allen möglichen anderen Sängern und Sängerinnen verantwortlich. Da läuft der gleiche Prozess ab, wie damals bei Stock, Aitken & Waterman. Der einzige Unterschied ist der, dass diese Leute nicht berühmt sein wollen. Es reicht ihnen, in ihren Mercedes zu steigen und nach Hause in ihre Villen zu fahren und ein ruhiges Leben zu führen.”

Hat dich nur der Geltungsdrang von SAW gestört oder wolltest du wirklich bei der Musik mit Hand anlegen?
“Ja, das wollte ich in der Tat. Ich habe es ja auch: Ich habe vier der Songs auf dem ersten Album geschrieben. Ich war vorher Schlagzeuger in Bands. Ich kann auch Keyboards und Gitarre und alles Mögliche spielen. Aber das war allen egal. Zum Teil liegt das an meinem Gesang: Der gefiel den Leuten und da war ihnen egal, was ich sonst noch konnte. Der zweite Grund war der, dass ich Popmusik mache. Fans dieser Musik interessiert es gewöhnlich nicht die Bohne, wer das Schlagzeug spielt. Mel-Gibson-Fans können dir doch auch nicht sagen, wer bei seinen Filmen für die Beleuchtung zuständig ist.”

Gefiel dir denn die Musik von SAW?
“Einiges. Weißt du, als ich zu Anfang bei ihnen aufkreuzte, haben sie eine Menge unterschiedliche Sachen gemacht. Sie haben Mel & Kim und Bananarama produziert, aber auch Dead Or Alive - das war so eine High-Energy-Geschichte. Und Princess - eine Schwarze. Es war alles Pop, aber es waren verschiedene Stile. Einmal haben sie ein Stück herausgebracht, das kommerziell gar nicht gut lief. Es war nicht wirklich eine Rock-Nummer, aber es waren schon eine Menge Gitarren dabei. Ich weiß das noch genau, ich habe schließlich den Tee gekocht. Und dann haben sie plötzlich alles gleich klingen lassen. Sie haben fast nichts an den Programmierungen geändert. Haben einfach einen neuen Song drübergeschrieben. So hatte am Ende niemand mehr seine eigene Identität. Und ich wollte kein Teil von so etwas sein.”

Kurzzeitig gab es sogar das Gerücht, alle Kylie-Minogue-Platten seien in Wirklichkeit von dir eingesungen worden. Auf ihren Platten höre man also deine Stimme - nur in höherer Geschwindigkeit abgespielt!
“Das war so: Wenn man die Vinyl-Single von ,I Should Be So Lucky’ anstatt auf 45 auf 33 - also langsamerer LP-Geschwindigkeit - abspielte, klang es wie ich. Es war wirklich unglaublich! Ganz im Ernst. Es klang so ähnlich, dass ich mich wirklich gefragt habe, ob ich den Song vielleicht doch irgendwann mal gesungen hatte. Hatte ich aber nicht.”

Soviel zu den Achtzigern!
“In dem Jahrzehnt wurde die Musik völlig vom Image dominiert. Nimm doch nur Duran Duran: Simon Le Bon ist wirklich kein großer Sänger. Aber einige seiner Lieder waren wunderbar. Und wie sie die Musikszene aufmischten damals, das war genial. Und Videos spielten eine immer wichtigere Rolle. Es war eben Pop.”

Kylie Minogue hat damit heute wieder so viel Erfolg wie damals.
“Sie ist wieder zurückgekehrt zu dem Rezept, das damals funktioniert hat. Obwohl - das war jetzt vielleicht ein bisschen unfair von mir. Ich finde ihre aktuelle Single nämlich wirklich super. Sie ist richtig cool. Kylie macht Musik, zu der man tanzen kann. Gleichzeitig ist sie aber auch sehr melodiös. Ich denke, das ist auch genau das, was die Leute von ihr wollen. Das ist überhaupt das Schwerste für einen Künstler: herauszufinden, was die Leute an einem mögen.”

Hast du das für dich schon geschafft?
“Anders als Kylie habe ich ja eine Pause eingelegt. Wenn ich vor fünf oder sechs Jahren eine Platte herausgebracht hätte, hätte sie vollkommen anders geklungen als meine jetzige. Sie wäre echt miesepetrig gewesen, sehr dunkel und akustisch. Ich habe mein eigenes kleines Studio, und da liegen die Tapes heute noch ‘rum. Ich habe erst gar nicht versucht, dafür eine Plattenfirma zu suchen. Ich weiß doch, dass die Leute so etwas von Rick Astley nicht hören wollen.”

Wie ist deine Einstellung heute?
“Ich fühle mich pudelwohl bei dem, was ich zurzeit mache. Gestern habe ich ein Konzert gegeben und mich supergut amüsiert. Es war wunderbar. Ich habe mir sogar den Spaß gegeben, nach ,Never Gonna Give You Up’ und ,Together Forever’ einfach ,I Should Be So Lucky’ anzustimmen. Die Akkordfolge ist so ähnlich, dass ich nicht widerstehen konnte!”

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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http://www.rick-astley.com

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