Mike Scott (Waterboys) im Interview

Band in Bewegung

published: 22.07.2003

Mike Scott (Waterboys) im Interview (Foto: Public Address) Mike Scott (Waterboys) im Interview (Foto: Public Address)

Indierock, Folkmusik, Gitarrenpop - in all diesen Häfen ist die Band schon vor Anker gegangen. Doch dauerhaft andocken wollte Kapitän Mike Scott nirgendwo. Sein Boot werde vorangetrieben von "inneren Quellen" und dem Wind der Inspiration, sagt er. Die Waterboys seien ein "Abenteuer", eine Reise voller "seltsam-schöner Drehungen und Wendungen".

Bereits seit 20 Jahren besegeln die Waterboys musikalische Meere. Die schottisch-irische Gruppe, die sich nach einer Zeile aus Lou Reed`s "Berlin" benannt hatte, landete mit "The Whole Of The Moon" in den Achtzigern einen Überraschungshit und erarbeitete sich schnell den Status von Kritikerliebling und Kultband. Dann kamen Richtungswechsel, Unstimmigkeiten, Soloalben.
Er blicke nicht darauf, was trendy sei, sich verkaufe oder was das Publikum verlange, sagt Mike Scott, der jetzt in der holistisch ausgerichteten Lebensgemeinschaft "Findhorn Foundation" in Schottland lebt. Videos erkennt er nicht als relevante Kunstform an und sieht nicht ein, zu seinen Songs welche drehen zu müssen: "Wenn die Platte gut ist, sollte man auch nur mit der Musik glücklich sein". Am 21. Juli erscheint das neue Waterboys-Album "Universal Hall".

In den Neunzigern hast du die Waterboys auf Eis gelegt und zwei Soloalben herausgebracht. Lässt du jetzt die alten Zeiten aufleben?
Mike Scott: "Das erste Soloalbum war ein echtes Solo-Album: Ich habe alle Instrumente selber gespielt und auf der Bühne eine One-Man-Show gegeben. Als ich dann aber bei der zweiten Platte mit einer Band auf der Bühne stand, passte der Name ´Mike Scott` irgendwie nicht mehr. Wenn ich mit einer Gruppe von Musikern spiele, sollte es unter dem Namen ´The Waterboys` laufen. Und so ist ´Universal Hall` jetzt schon das zweite Album nach der Solophase."

Was für eine Beziehung hast du zu deinen Mitmusikern?
"Die Waterboys waren immer eine Band in Bewegung. Das Line-Up hat sich ständig verändert. Wenn wir jetzt live spielen, sind wir fünf. Wenn ich Steve, Richard, Brad und Jeff als Band zusammenhalten kann, werde ich das tun. Wir sind alle dicke Freunde und haben viel Spaß. Musikalisch bin ich allerdings der Leiter, der Boss sozusagen. Aber jeder macht Vorschläge und bringt sich ein. Und ich ziehe es vor, dass die Musiker soweit wie möglich ihre eigenen Stimmen schreiben."

Streitest du dich gerne mit deinen Musikern? Setzt du viele vor die Tür?
"Nun ja, ich habe in der Vergangenheit in der Tat einige rausgeschmissen, aber nicht sehr viele. Und ich streite mich nur, wenn die Musiker ein sehr großes Ego haben oder schlechte Arbeit abliefern. Dann ist es wirklich schwierig, mit mir umzugehen. Aber es ist schon lange her, dass es innerhalb der Waterboys Streit gab."

Deine Fans verehren dich als großen Poeten. Siehst du dich selbst mehr als Dichter denn als Musiker?
"Nein, nein. Ich bin Musiker, Songwriter und Sänger. Ich schreibe sehr, sehr selten Gedichte, und die halte ich nicht für gut genug, als dass ich mich Dichter nennen dürfte. Aber ich bin Texter - ich schreibe Texte zu Musik. Das ist ein anderes Medium."

Wie kommt ein Schotte wie du dazu, ständig mit großen Iren wie W.B. Yeats verglichen zu werden?
"Puh, wow. Nun, das ist ein unglaubliches Kompliment, aber ich sehe die Parallelen nicht so. Ich habe zwar einige seiner Gedichte vertont. Aber Yeats war politisch engagiert und ein großer Gelehrter. Ich habe mit Politik nichts zu tun und gelehrt bin ich auch nicht. Jedoch haben wir beide eine esoterische Seite. Und in meinen Songtexten habe ich irische Mythen thematisiert. Ich habe viele Jahre in Irland gelebt. Aber jetzt wohne ich in Schottland: in Findhorn, wo sich auch die Universal Hall befindet."

Bist du religiös?




"Ich gehöre keiner Kirche oder festen Religion an. Aber ich habe schon immer Fragen gestellt: Wer sind wir? Warum sind wir hier? Was ist das Leben? Was ist Gott? Wo ist Gott? Das Wichtigste in meinem ganzen Leben ist es immer gewesen, Antworten auf diese Fragen zu finden - oder zumindest die Fragen zu verbessern."

Und gibt es nun einen Gott für dich?
"Ja, doch suggerieren uns die meisten organisierten Religionen, so verstehe ich sie zumindest, dass Gott außerhalb des Menschen ist. Weit weg. Wenn man mit ihm in Kontakt treten will, muss man beten. Das glaube ich nicht. Ich kann nicht verstehen, wieso Gott vom Menschen getrennt sein sollte. Wenn es einen Gott gibt, dann ist Gott sicherlich in allem. Er ist das Prinzip hinter jeder Schöpfung. Das gleiche gilt für die Liebe: Ich glaube, dass Gott und die Liebe dasselbe sind."

Welche Musikerkollegen oder -kolleginnen bewunderst du?
"Ich mag Kate Bush sehr. Leider hat sie seit 1993 keine Platte mehr herausgebracht. Sie hat einen starken spirituellen Background, vor dem ich große Achtung habe und der in ihren Songs und Texten durchscheint. Je älter ich werde, desto mehr suche ich nach etwas in den Songtexten, das mich gefangen nimmt. Auch Bob Dylan hat großartige Songtexte geschrieben. Sie respektieren die Intelligenz des Zuhörers, sie sticheln ihn und treiben Scherze mit ihm. Und überall wird diese wunderbare Menschlichkeit ausgedrückt."

Was für eine Beziehung hast du zu deinen Fans?
"Wenn ich ins Internet gehe, kann ich die Fans sozusagen ausspionieren. Es gibt nämlich Foren, in denen Fans miteinander kommunizieren. Früher war ich noch darauf angewiesen, dass die Fans mit mir sprachen oder mir einen Brief schrieben, wenn ich ihre Meinung wissen wollte. Das Interessante am Internet ist, dass sie dort sagen, was sie wirklich denken. Manchmal bin ich ganz verblüfft, wie kritisch sie sein können und welche Erwartungen sie haben."

Im November kommen die Waterboys auf Deutschland-Tour. Was kann das Publikum erwarten?
"Wir spielen eine zweigeteilte Show. Die erste Hälfte ist akustisch. Da sind wir zu dritt auf der Bühne und manchmal auch zu viert, wenn unser Bassist Standbass spielt. Nach 45 Minuten gibt es eine Pause, und danach gibt es ein zweites Set, diesmal mit Schlagzeug. Wir spielen alte und neue Songs - eine gute Mischung."

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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