Joachim Witt im Interview

"Atmosphären schaffen"

published: 06.11.2000

Joachim Witt im Interview (Foto: Public Address) Joachim Witt im Interview (Foto: Public Address)

Joachim Witt war mit seinem Song "Der Goldene Reiter" eine Ikone der Neuen Deutschen Welle, die der hiesigen Popkultur in den siebziger Jahren erstmals Selbstbewusstsein einhauchte. Heute darf er als ihr einziger Überlebender gelten: Vor zwei Jahren startete Witt mit dem Song "Die Flut" und dem Album "Bayreuth I" eine zweite Karriere. Mit dem großartig gelungenen Nachfolger "Bayreuth Zwei" und der Single "Bataillon d`Amour" - der Neuschöpfung eines Klassikers der Ostrock-Band Silly um die inzwischen verstorbene Tamara Danz - dürfte Joachim Witt in den nächsten Tagen auf dem verwaisten Deutschpop-Thron Platz nehmen. Denn der ist immer dann frei, wenn die Herren Westernhagen, Grönemeyer und Rammstein eine Auszeit nehmen...

Wie entstehen deine Songs und Sounds?
“Am Anfang arbeite ich ganz alleine. Ich habe dann einen Gitarristen dazu genommen, der das besser abdeckt als ich selbst und habe dann dazu Cellisten eingeladen, die wiederum die Streicherparts besser ausfüllen als zum Beispiel synthetische Streicher und auch einen ganz eigenen Sound geben. Obwohl ich Streicher vorarrangiere ist es so, dass die Hauptarbeit doch der Arrangeur gemacht hat: Leo Schmidthals von ehemals Selig, der dann auch die Bässe gespielt hat. Das war mir sehr wichtig: dass absolute Fachleute dann noch mit eingegriffen haben, Spezialisten also. Und somit entsteht vielleicht der Eindruck, dass alles noch komplexer ist als beim vorherigen Album - weil da noch mehr Spezialisten dran waren.”

Das heißt, du bist in den ersten Wochen und Monaten Einzeltäter? Du bist alleine mit dir und deiner Musik?
“Ja.”

Und wo findet der statt, der kreative Prozess?
“Das ist dort, wo ich wohne.”

Es ist die Rede von einem malerischen Ort in Schleswig-Holstein...
“Ja.”

Das wollen wir nicht genauer bezeichnen?
“Nein.”

Das heißt aber auch Natur?
“Ja, das ist Natur pur! Das ist wirklich ´zurück zu den Wurzeln´. Das ist ein alter Bauernhof, der auch im besten Sinne des Wortes drinnen so ausgestattet ist. Wir haben großen Wert darauf gelegt, es natürlich und rustikal und entsprechend der Gegend und des Hauses zu halten. Und die Umgebung ist halt eine Seenplatte und das ist sehr reizvoll, weil die Landschaft sehr abwechslungsreich ist in der holsteinischen Schweiz. Dort sind praktisch, wenn du so willst, Kühe und Schafe vor der Tür und alles, was dazu gehört.”

Und da geht Joachim Witt wie weiland Goethe in den Wald, wirft sich auf die Erde, reißt Gras heraus...
(Lacht) “Soweit bin ich noch nicht. Kann sein, dass es irgendwann so ist. Na ja, aber das ist doch schon so eine Inspiration.”

Wer ist an dem Album beteiligt?
“Neben Leo Schmidthals und Jörg Sander ist da Martin Langer am Schlagzeug.”

Früher bei den Jeremy Days...
“Ja, und bei The Land hat er gespielt. Er spielt auch mit Otto zusammen. Martin ist ein Kollege, den ich auch sehr gut kenne seit früheren Tagen. Und ich weiß eben, dass er exakt, professionell und auf den Punkt arbeitet und ein sehr erfahrener, guter Schlagzeuger ist. Die Cellisten kommen natürlich dazu, darum hat sich dann Leo Schmidthals gekümmert und entsprechend eingeladen. Die anderen Sachen habe ich selbst gemacht. Natürlich den Mix nicht. Den habe ich in Hagen gemacht, im Woodhouse Studio mit Siggi Bemm. Das haben wir vorher genau recherchiert: Wer dafür diesmal in Frage kommt. Siggi Bemm ist, glaube ich, jemand, der gerade den Rock- und Gitarrenbereich hervorragend bedient und einfach aus seiner Erfahrung heraus das hervorragend umsetzen kann.”

Joachim Witt - Live (Foto: Public Address)Joachim Witt - Live (Foto: Public Address)



Diese Gitarren sind unaufdringlich - nicht so weit vorne wie bei anderen deutschen Produktionen, die man aus den letzten Jahren kennt - und trotzdem massiv und wuchtig, das ist mir aufgefallen. Das ist sehr gut gemacht und fast wie ein roter Faden durch die sonst so unterschiedlichen Songs. Ist das der Weg weg vom Heavy Metal?
“Naja, Heavy Metal habe ich ja in dem Sinne gar nicht gemacht. Ich habe zwar so ein paar Elemente drin, aber das war ja eher so dieses Harmlosere. Ich habe mir nur überlegt, mich auf das zu besinnen, was ich am besten kann, und das ist Songs schreiben und Atmosphären schaffen. Es liegt mir einfach, malerische und ausdrucksstarke Bilder zu schaffen. Vielleicht kann ich so etwas besser als so mancher andere. Deshalb dachte ich: Darauf konzentriere ich mich! Denn das andere, die harten Elemente, das ist so strapaziert und schon so ausgereizt, so überbedient von so vielen Kollegen.”

Rammstein und die Folgen...
“Ja! Deshalb muss ich das ja nicht auch weiterhin bedienen und deshalb habe ich mich auf diesen Weg konzentriert. Das ist natürlich auch ein strategisches Ding, das ist klar. So etwas überlegt man sich, das kommt nicht von irgendwo her, sondern das habe ich mir überlegt.”

Und dann kommt auf einmal eine Stimme bei “Der Sturm”, die einen dann doch in angenehmer Weise wieder an den `Goldenen Reiter´ erinnert!
“Das habe ich mir gar nicht so überlegt, sondern das kam einfach so zu Stande, weil der Song einfach so angelegt ist. Das ist aber ein Punkt, den ich mir auch vorher überlegt habe: dass ich keine Angst, keine Scheu vor Melodien haben sollte, dass die Kombinationen von Melodien, die in den Refrains stattfinden und dem eindringlichen oder ausdrucksstarkem Sprechgesang, dass ich diese Kombination eigentlich sehr gut finde. Dass man sowohl den Sprechgesang als auch das Melodische halt nicht überstrapaziert und diese Kombination schafft. Das habe ich versucht in den Songs.”

Dann hast Du ja diese beiden Möglichkeiten.
“Ja.”

Hast Du Tamara Danz jemals kennen gelernt?
“Nein, nur im Vorbeigehen. Ich habe die Band später kennen gelernt - die maßgebliche Band, die jetzt auch noch zusammen aktiv ist. Ich bin ja nicht unbedingt durch Tamara Danz auf die Sache gekommen, sondern überhaupt durch den Umstand, dass ich den Titel hervorragend fand und er mir so richtig Gänsehaut verursacht hat. Schon in den Achtziger Jahren, in einem Bericht über DDR-Bands - der lief mal im Westfernsehen - da ist mir der Titel aufgefallen. Und meine Lebensgefährtin kommt aus der ehemaligen DDR. Sie hatte in ihrem Gepäck so ein paar Edelsteine von Amiga-Platten. Durch die verschiedenen Titel bin ich wieder darauf gekommen. Und dann hörte ich plötzlich `Batallion d´Amour´ und dachte: Das wäre eigentlich eine gute Geschichte, das mal zu machen. Es gibt noch andere Nummern - gerade von Silly - die es Wert sind, noch einmal aufgerufen zu werden.”

Der Song hat erstaunliche Textpassagen: eine 13-Jährige, ein düsteres Sex-Motiv...
“Das ist Interpretationssache. Ich habe mich erkundigt und habe festgestellt, dass die Geschichte doch sehr geprägt ist vom Aufbruch in das, was nicht möglich war damals in der DDR. Dieser oppositionelle Gedanke, der irgendwie schon in den Köpfen war, diese Sehnsucht nach Freiheit. Das soll eigentlich dieser Titel symbolisieren, diesen Aufbruch! Er lässt ja einige Bilder zu. Er lässt ja verschiedene Interpretationen zu. Ich habe das ganz anders gesehen, also ich sehe den Titel mehr als die erste konkret aufblühende Sexualität, die Pubertät, die erste Fühlungnahme mit dem anderen Geschlecht. Ich merke das ja an meiner Tochter, die in dem Alter ist, wie da die SMS so durch die Gegend fliegen (lacht)! Ja, dieses mailen und so... Zack, das ist natürlich eine wunderbare Sache...”

Wo man seinen Schutzraum nicht verlässt. Beim Mailen muss man die Leute ja nicht anfassen oder ihnen gegenübertreten..
“Ja, genau. Und da bekomme ich ja auch mit, wie spannend das alles ist. Ich erinnere das ja von mir auch noch von früher. Das versinnbildlicht dieser Text.”

Was hat denn Töchterchen gesagt, als sie hörte, was Papa da für Musik macht?
“Auf den Text ist sie weiter gar nicht eingegangen. Ihr gefiel der Titel gut. Aber sie sieht das mehr im Kontext der ganzen LP und sie hat da so bestimmte Favoriten.”

“Joachim Witt, ein linker Kosmopolit” – das steht als Stichwort in deiner Biografie. Auf der anderen Seite bist du doch urdeutsch, oder?
“Das muss sich ja nicht behindern, finde ich. Ein gesunder Lokalpatriotismus behindert ja nicht den Weitblick - jedenfalls bei mir nicht.”

Man braucht also eine Identität, um sich mit anderen ins Benehmen zu setzen?
“Das ist auch meine Auffassung, wenn man überhaupt so eine Positionierung festmachen kann. Ich bin ja schwer festzumachen. Durch diese ´Bayreuth I´–Geschichte bin ich natürlich immer unter Erklärungszwänge geraten. Positionierungen auszusprechen, fällt mir immer ein bisschen schwer. Ich kann es immer nur sehr vage sagen. Aber ich bin immer dafür, dass die Grundsätze der Menschlichkeit gewahrt bleiben.”

Und die wären?
“Dass der Stärkere dem Schwächeren immer hilft, das ist für mich das Wichtigste. Und dass es keine Unterschiedlichkeit in der Abstammung gibt. Die Menschen gleichen sich zwar nicht ihrer Abstammung nach, aber als menschliche Existenzen sind sie immer gleich! Das es dabei keine Unterschiede gibt und keine Diskriminierungen, das halte ich für das Wichtigste: Im kosmopolitischen Rahmen einen Konsens zu finden, zusammenzuarbeiten und den anderen so zu akzeptieren, wie man sich selbst akzeptiert!”

Und auch mal Kritik zu üben, wie im Song “Kyrieleison” am Papst und am Katholizismus?
“Ja, das ist für mich kein Problem. Ich habe unheimliche Schwierigkeiten mit dieser Art der Religion. Ich bin ein sehr spiritistischer Mensch, eigentlich sehr religiös auf eine gewisse Art und Weise. Aber die Kirche verdreht für mich die Dinge in ganz komische und unmenschliche Richtungen. Das Zölibat: Wie man darauf kommen kann, ist mir heute noch ein Rätsel. Wo all die Sexualität nachher in verklemmter Verborgenheit stattfindet. Das ist für mich so eine Sache, die nie offen ausgesprochen wird und über die immer irgendwie geredet wird. Ich finde es peinlich. Da gerade dieses Zölibat mal wieder ein Thema war vor ein paar Monaten, habe ich es aus meiner Sicht aufgegriffen.”

Du seist immer noch im Umbruch, sagst du in deiner Biografie. Du bist aber nicht mehr 30. Wann hört das denn mal auf?
“Ich bin gerade erst dabei, mich so zu positionieren, wie ich mich wirklich wohl fühle. Das habe ich mit dem letzten Album begonnen. Da habe ich gespürt, dass ich wieder Land betreten habe, das mir vertraut ist. Das möchte ich auch weiterführen. Also ich bin überhaupt noch gar nicht auf dem Zenit meines Schaffens. Ich bin ein absoluter Spätentwickler – von der ganzen persönlichen Entwicklung her: sexuelle Erfahrung, berufliche Entwicklung. All das kam relativ spät, muss ich ehrlich sagen. Deshalb habe ich noch einige entscheidende Dinge vor. Ich glaube, dass ich den einen oder anderen noch richtig überraschen kann. Ich weiß, dass ich mich da auch noch steigern kann.”

Und jetzt kommt das Angebot, im Container bei Big Brother aufzutreten!
“Was? Mir? Das ist mir aber noch nicht untergekommen!”

Nächste Woche kommt ein Anruf: Herr Witt, wir hätten Sie da gerne im Container mit Ihrer Band. Wir bringen Sie rein mit so einer Ladebühne, die Bewohner wissen nichts. Wir halten von allen Seiten drauf und Sie spielen drei Songs. Und wir zahlen Ihnen...hier ist der Scheck. Herr Witt, Sie bleiben dann noch mal einen Tag da, als prominenter Bewohner!
“Finde ich nicht glücklich! Ich kann nicht sagen, dass die Sendung für mich ohne Reiz ist. Weil mich Beziehungsverhältnisse immer extrem interessieren. Ich wäre Beziehungstherapeut, wenn ich nicht Musiker wäre. Deshalb ist das für mich schon eine Konstruktion, die hochinteressant ist. Ich guck da auch gerne mal rein. In die erste Serie habe ich mehr reingeguckt als in die zweite. Insofern gibt es da so einen Zwiespalt. Ich glaube aber, ich würde es nicht machen. Weil die Mentalität des Verkaufsapparates, glaube ich, mit mir nicht übereinstimmt. Inhaltlich hätte ich nicht unbedingt ein Problem. Aber das Außenherum, das Image ist eine Sache, die mich stören würde, glaube ich. Das ist ja mittlerweile ein Riesenevent geworden. Das ist für alle Künstler interessant da aufzutreten, für die Leute vor dem Haus, weil es ja eine unheimliche Breitenwirkung hat.”

Wie kommt der starke Einfluss der Celli zu Stande? Liegt das auch am Vorhandensein des Balanescu-Quartetts oder am Erfolg von Apocalyptica?
“Nein, ich wollte ja eigentlich schon ´Bayreuth I´ aufwändiger produzieren. Das war allerdings in der Form nicht möglich, weil ich vorher beim Independent Label war und die LP übernommen wurde von der Sony und der Etat dafür nicht ausreichte. Deshalb hatte ich mir das für das zweite Album vorgenommen. Ich wollte eigentlich orchestraler und mit größerer Besetzung arbeiten. Dann kam es aber zu dem Punkt, dass ich im Laufe meiner Arbeit festgestellt habe, wie viele mit orchestralen Sachen plötzlich arbeiten. Metallica zum Beispiel, all diese Geschichten, sehr aufwändig. Und da habe ich mir gedacht: Das machst du jetzt nicht! Dann wärst du praktisch nur ein Element innerhalb der ganzen Zeiterscheinung und da habe ich gedacht, wie kannst du dich jetzt am besten abheben, aber trotzdem nicht darauf verzichten. Und da habe ich mir gedacht, so ein Celli-Quartett ist genau das Richtige. Celli sprechen mich vom Sound am meisten an, passen am besten zu meiner Musik, weil es eine sehr melancholische Farbe ist. Ursprünglich war ja auch einmal eine Zusammenarbeit mit Apocalyptica geplant, die waren allerdings im Umbruch mit Plattenfirmen und so weiter. Das war etwas schwierig. Sie haben einen Remix von “Bataillon d´Amour”, einen Instrumental-Remix, der erscheinen wird und der auch sehr schön geworden ist. Nur eine komplette Zusammenarbeit mit Apocalyptica wäre insofern ganz schwierig geworden, weil meine Songs sehr stramm komponiert sind. Wir haben auch einmal eine Sache ausprobiert mit einem Song und ich merkte, dass dann doch durch die Mentalität von Apocalyptica in den Refrains so unheimlich schräge Sachen auftauchten, die den Charakter nicht unbedingt unterstützten, sondern eher in eine andere Richtung brachten, die wiederum für mich nicht richtig ist. So dass ich mir überlegt habe: ´Apocalyptica´ ist gut als ´Apocalyptica´, ´Witt´ ist gut als ´Witt´. Etwas anderes wäre, wenn Apocalyptica auf der Bühne komponierte Noten spielen würde, die hundertprozentig auf mein Arrangement abgestimmt sind. Das könnte passieren, aber Apocalyptica ist eine profilierte Band. Und das auf die Beine zu stellen, da musst du bestimmt erst einmal acht- bis zehntausend Leute ziehen, um das finanziell zu tragen. Das kann ich so im Moment nicht. Und deshalb habe ich es vorgezogen, mit eingeladenen Cellisten die Sache zu arrangieren.”

Das Erscheinen von “S&M” von Metallica hat also das Album “Joachim Witt und die Berliner Philmarmoniker” verhindert?
“Sozusagen, ja!”

Hast du Metallica beim Auftritt mit Orchester in Berlin gesehen?
“Ich habe einmal eine Aufzeichnung gesehen im Fernsehen. Ich kenne das Album nicht. Ich habe einen Titel gesehen mit dem Orchester, ´Nothing Else Matters´. Das fand ich hervorragend, ohne Kommentar, weil ich sofort gesehen habe: Aha!”

[PA]

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http://www.joachimwitt.de

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