CD-Tipp

Xavier Naidoo - "Telegramm für X"

published: 30.11.2005

Xavier Naidoo - "Telegramm für X" (Foto: Naidoo Records) Xavier Naidoo - "Telegramm für X" (Foto: Naidoo Records)

Mein Kollege findet, Xavier Naidoo singe wie ein angestochenes Schwein. Ich dagegen halte den Mannheimer für den zurzeit besten Sänger Deutschlands. So viel Gefühl bei so guter Textverständlichkeit zu vermitteln, gelingt kaum einer anderen Kehle. „Sie sieht mich einfach nicht“ ist die vielleicht beste deutschsprachige Single aller Zeiten.

„Telegramm für X“ heißt Naidoos drittes Solo-Album ohne die Söhne Mannheims, deren rührender Hit „Und wenn ein Lied“ millionenfach Trost spendete. „Dieser Weg“ kletterte als Vorab-Single bereits die Charts hoch - mit Geheimbund-Lyrik à la „Dieser Weg wird kein leichter sein /(…) Nicht mit vielen wirst du dir einig sein“. 13 weitere Songs und eine Bonus-DVD umfasst dieses Album.

Das englische „Oh My Lady“ ist eigentlich ein schönes Stück, verliert aber dadurch, dass Naidoos Stimme in dieser Sprache im Ausdruck beschränkt ist. Auch trennt er die Worte zu sehr, was einen deutlichen Akzent hervorruft. Auf Englisch ist Naidoo bestenfalls Mittelmaß.

Auf „Wo komm ich her“ überrascht der Prediger dann durch cooles Rappen, was er sicher auch den Effekten verdankt. Jonesmann und Pal One greifen ihm mit zusätzlichen Reimen unter die Arme. Noch drei Rap-Versionen sind auf dem Album, bei denen Tone das Mikro übernimmt.

Selbst wenn ich voller Bewunderung für die Art und Weise bin, wie Naidoo singt – das, was er singt, verursacht mir manchmal Bauschmerzen. Einiges Christliche befremdet nur oder reizt zum Lachen: „Ich werd’ meine Hände falten / mit der Kraft von Urgewalten“ heißt es an einer Stelle. Manchmal geht die Irritation tiefer. Weiter im Text des ausgerechnet „Abgrund“ betitelten Tracks: „Wir sind keine Terroristen, brauchen keine Revolution, denn unser Mann an der Front, der regelt alles schon.“ Ich glaube ja wirklich, dass Naidoo zu den Guten gehört. Trotzdem: Das kriegerische oder völkische Vokabular nervt, es erinnert unangenehm an staatliche und klerikale Propaganda.

An Naidoo stört mich am meisten, dass er wie selbstverständlich permanent Ideen, Symbole und Metaphern aus hierarchischen, monarchischen und totalitären Systemen übernimmt. Herr, Thron, Gold, Waffen, Blut, Ritter, Seelenheil, Vorhut, Volk. Der apokalyptische Text geht weiter: „Mit der Fernbedienung in der Hand / seh'n wir euren Untergang / das Leichentuch ist aufgespannt / das ganze Land blickt ganz gebannt…“. Dann der Refrain: “Ihr wart dem Abgrund noch nie so nah“ singt er. Er aber auch nicht, rein textlich.

Fast witzig wird Naidoo dann, wenn er die Politiker angreift. Eine kleine "Kostprobe"? „Ich scheiß auf Diäten mit ’nem Jojo-Effekt, ihr wollt auf’s Volk scheißen und denkt, ihr werdet sauber geleckt – wem’s schmeckt“. Aha - Naidoo goes Eminem. Mit dem beruhigenden, die Wir-Gruppe stärkenden Durchhalte-Schlager „Was wir alleine nicht schaffen“ schließt das Telegramm dann auf einer besinnlichen Note. Und da es stimmt, dass, wer nicht vergeben kann, sich viel vergibt (aus „Seelenheil“, auch auf diesem Album), starte ich die CD von vorne.

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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