Joan Baez im Interview

„Eine riesige Nerverei“

published: 18.08.2003

Joan Baez im Interview (Foto: Public Address) Joan Baez im Interview (Foto: Public Address)

Joan Baez ist eine Kämpferin. Ob in ihren Songs oder ihrem Leben, die Wahl-Kalifornierin setzt sich seit dem Beginn ihrer Karriere in den 60er-Jahren beständig für Freiheit und Gerechtigkeit unter den Menschen ein – und das nicht nur in ihrer amerikanischen Heimat, sondern weltweit.
Eigene Songs und Cover-Versionen mit Folk- und Country-Anleihen ("We Shall Overcome", "Blowing In The Wind") sollen die Menschen auf Missstände aufmerksam machen und für ihr Umfeld sensibilisieren. Doch ist Joan Baez keine Schreibtischtäterin – sie schreckt nicht davor zurück, für ihre Ziele auf die Straße zu gehen oder gar ins Gefängnis, beispielsweise weil sie in amerikanischen Großstädten Plakate gegen die Atomrüstung klebte oder es ablehnte, Steuern zu zahlen, „weil ein Teil des Geldes für Bomben und Panzer ausgegeben wird“ und sie statt dessen die Hälfte ihrer Konzerteinnahmen an pazifistische Organisationen überwies.
Nach sechs Jahren Pause bringt die Frau, die einst über sich selbst sagte, „eigentlich bin ich keine Sängerin, sondern eine Politikerin“, ein neues Studioalbum heraus. „Dark Chords On A Big Guitar“ heißt der Longplayer, für den sie mit Hoffnungsträgern wir Ryan Adams, Steve Earle oder Josh Ritter zusammen arbeitete.

Im Interview spricht Joan Baez über ihr politisches Engagement, Ruhepole und die Bush-Regierung.

Wo und wie leben Sie zurzeit?
“Ich wohne in Nord-Kalifornien in der Nähe von San Francisco. Ich lebe so einfach wie ich kann. Ich ernähre mich immer mehr von dem, was wir auf unserem eigenen Besitz produzieren. Ich habe 20 Hühner, deshalb esse ich eine Menge Eier (lacht). Das Grundstück liegt umgeben von vielen Bäumen. Ich schlafe sogar auf einem.”

Sie schlafen auf einem Baum?
“Ja, ich schlafe auf einer Plattform auf einem Baum - im Sommer. So lebe ich (lacht).”

Und im Winter ziehen Sie dann in Ihr Haus um?
“Gewöhnlich ziehe ich im Winter ins Innere um, ja.”

Ich habe mir Ihre Biographie angeschaut und mich gefragt, wann Sie bei allem, was Sie tun - von Musik hin zu Wohltätigkeitsveranstaltungen - Zeit zum Schlafen finden.
“Wenn ich mich auf meinen Baum zurückziehe, dann kann ich schlafen (lacht). Nein, also wenn ich zu Hause bin, habe ich viel Zeit. Ich verbringe Zeit mit meinem Sohn, ich tanze gerne und schreibe Gedichte. Ich tue so, als würde ich die Blumen züchten, die mein Garten hervorbringt, und pflücke sie. Und seit Kurzem habe ich dann wieder viel Zeit in meine Musik gesteckt.”

Joan Baez - Live (Foto: Public Address)Joan Baez - Live (Foto: Public Address)



Sie haben auch an einer Konzerttour gegen Landminen teilgenommen.
“Ja, das war wunderbar. Diese “Anti-Landminen-Tour” war meine erste. Emmylou Harris und Steve Earle waren dabei, Chrissie Hynde... Ich hatte noch nie vorher mit Chrissie zusammen gesungen. Wir haben herausgefunden, dass alle möglichen interessanten Dinge entstehen können, wenn man sich auf einer persönlichen Ebene kennen lernt.”

Ich erinnere mich daran, dass Prinzessin Diana diese Kampagne gegen Landminen ins Leben gerufen hat. Glauben Sie, dass die Welt oder vielleicht besonders Großbritannien eine zweite Prinzessin Diana brauchen?
“Ich denke, wir alle benötigen eine Menge Leute, die bereit sind, sich über unsere zur Zeit gegebenen Beschränktheiten hinwegzusetzen, denn es sind jetzt entscheidende Zeiten angebrochen.”

Kann man im Hinblick auf Ihre Lebensgeschichte sagen, dass Musik Ihr Beruf ist und Widerstand gegen Ungerechtigkeit Ihre Mission?
“Hmm, man kann das bis vor etwa 15 Jahren etwa so sagen. Dann überholte Politik die Musik. Dann habe ich erkannt, dass ich das tun musste, was alle anderen Leute taten, wenn ich eine lang andauernde Musikkarriere haben wollte. Als ich 18 war, brauchte ich das noch nicht. Ich musste also ein Management anheuern und die Maschinerie wieder anschmeißen. Oder es hätte bedeutet, dass ich es nicht für die Öffentlichkeit tun würde.”

Als ich das Cover Ihres neuen Albums “Dark Chords On A Big Guitar” sah, war ich überrascht, Sie so glamourös zu sehen: in schwarzer Lederjacke und mit Sonnenbrille. Warum haben Sie dieses Outfit gewählt?
“Als wir Fotos für die neue CD gemacht haben, gab es haufenweise Klamotten, aus denen ich auswählen konnte. Riesige Röcke und alles Mögliche. Also habe ich mir dieses Mal das ausgesucht, was ein bisschen aus dem Rahmen fiel und Spaß machte. Es ist übrigens keine Lederjacke, obwohl sie wie Leder aussieht. Sie glitzert (lacht). Ich habe mich hervorragend amüsiert und dann habe ich die Sonnenbrille aufgesetzt. Natürlich sagte meine Mutter, ‘Schätzchen, wo sind denn deine Augen?’, aber ich meinte, ‘Keine Angst, Mutter. Die sind hinter der Brille noch da!’. (lacht). Ich meine, ich bin schließlich seit 43 Jahren ich selbst. Da macht es Spaß, sich einen kleinen Ausbruch zu gönnen. Die CD hat übrigens, obwohl sie total ich ist, einen Hauch von Andersartigkeit. Das wird durch die Fotos eben auch vermittelt.”

Warum haben Sie für die CD sechs Jahre gebraucht?
“Ich denke, weil ich mich nicht in Eile gefühlt habe. Deshalb habe ich auch noch Reisen unternommen und Konzerte gegeben. Ich hatte neue Ideen, neue Musiker. Irgendwann war dann der Zeitpunkt erreicht, mit einigen Songs ins Studio zu gehen.”

Werden Sie mit denen auch auf Tournee nach Deutschland kommen?
“Das stelle ich mir vor. Das hängt davon ab, wie gut Sie sind (lacht)!

Wir tun unser Bestes. Haben Sie jemals daran gedacht, Musik aufzugeben und sich voll und ganz auf soziales Engagement zu konzentrieren?
“Nun, ich habe mich etwa 30 Jahre lang auf Politik konzentriert. Dann war es einfach an der Zeit, mich auf die Musik zu konzentrieren - solange ich noch eine Stimme habe. Sie wissen, wie Dinge sich verändern - plötzlich befinden wir uns in einer Welt, die viel gefährlicher ist als es noch vor ein paar Jahren schien. Und deshalb werden Musik und Politik wieder zusammen kommen - vielleicht so, wie sie es vorher taten. Vielleicht mit einer anderen Vorstellungskraft. Ich weiß es nicht. Es braucht viel, um im derzeitigen politischen Klima etwas zu bewegen.”

Mit jüngeren Songwritern zu arbeiten, ist etwas, das Sie schon immer getan haben. Kommen die gewöhnlich auf Sie zu oder geht der Kontakt von Ihnen aus?
“Beides. Seit einigen Jahren habe ich ja mit ihnen auf der Bühne gearbeitet, mit jüngeren und zum Teil auch sehr jungen Songwritern. Sobald das publik ist, kommt es auf einen zurück und Leute bieten einem Songs an und möchten mit uns auf Tour gehen.”

Welche Kriterien müssen sie erfüllen, um für Sie schreiben zu dürfen?
“Sie schreiben nicht für mich. Sie schreiben einfach gute Songs. Einige gestehen, dass sie beim Schreiben an mich gedacht haben. Das ist nett. Aber ein Lied muss nicht für mich geschrieben sein. Es gibt so viel wunderschönes Material, wie wir gerade feststellen.”

Haben Sie jemals einen Song abgelehnt?

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