Musikalischer Maßschneider

Lukas Hilbert im Interview

published: 29.08.2005

Stapelt seine Goldenen Schallplatten im Keller: Deutschlands Erfolgs-Texter Lukas Hilbert (Foto: Public Address) Stapelt seine Goldenen Schallplatten im Keller: Deutschlands Erfolgs-Texter Lukas Hilbert (Foto: Public Address)

Deutsche Verse - weder schnulzig noch verkopft? Eine seltene Erscheinung. Und doch gibt es die eine oder andere Zeile aus einem Popsong, die im Herzen festsitzt, wenn das Radio verstummt. Die Chancen stehen gut, dass sie aus Lukas Hilberts Feder stammt. Kaum ein deutscher Künstler, der das Dichterpotential des Hamburgers noch nicht angezapft hat: Schon als 14-jähriger Knirps schrieb er in Udo Lindenbergs Auftrag. In den Neunzigern stand er mit der Band "Roh” im Scheinwerferlicht. Auch den Prinzen, Vicky Leandros und Sarah Brightman schrieb er Lieder auf den Leib. Maffay, Nena, Blümchen – alle profitierten von seiner Poesie. Und erst kürzlich brachten seine Zeilen Yvonne Catterfeld an die Spitze der Charts. Doch der 30-Jährige ist bescheiden geblieben und bezeichnet sich schon mal schmunzelnd als "National-Spacken”– weigert er sich doch seit Langem beharrlich, in einer anderen Sprache als der deutschen zu texten. Jetzt steht der Songwriter mit "Oli.P feat. Lukas” wieder selbst auf der Bühne.
 

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Wie fühlt man sich als erfolgreicher deutscher Songwriter? Der Song für Yvonne Catterfeld war immerhin sechs Wochen auf Nummer Eins...
"Ich habe das noch gar nicht realisiert. Umso erfolgreicher man wird, desto mehr Druck macht man sich. Ich weiß nicht, wann mir das noch einmal gelingt, in einem Jahr vier oder fünf – ich habe gar nicht mehr mitgezählt – Top-Ten-Hits zu haben.”

Wie hast du an "Für Dich” gearbeitet?
"Bei Catterfeld kam die Plattenfirma mit einem Bohlen-Song auf Englisch auf mich zu – also mit einem englischen Arbeits-Text. Ich sollte den Text nicht etwa übersetzen, sondern einfach einen deutschen Song daraus machen. Da habe ich dann "Für Dich” draufgeschrieben. Die Ansage war: ‚Mach` so etwas Großes wie ‚Flugzeuge Im Bauch‘!‘ (lacht). Ich sagte: ‚Ach, wenn‘s nur das ist... Das mache ich mal eben in fünf Minuten (lacht)!‘ Ich habe dann eine Woche drangesessen. Es war ein ziemlich hoher Anspruch damit verbunden. Am Ende ist jede Zeile eine Chefzeile gewesen.”

Wie viele Stunden sitzt du sonst an einem Song?
"Das ist das Absurde: Manche Texte schreibt man in fünf Minuten. Andere Texte muss man immer wieder weglegen und sich immer wieder dransetzen. Was ich jetzt gemerkt habe, ist: Um Texte richtig speziell hinzukriegen und eigenständig zu gestalten, muss man sehr lange dran schrauben. Damit dann Zeilen drin sind wie ‚Ich dreh so lang an der Erde, bis du wieder bei mir bist‘. Das sind Zeilen, die es so noch nicht gab und die vielleicht in zehn Jahren noch zitiert werden. Einen Text für Big Brother schreibt man natürlich ein bisschen schneller.”

Wie lange kann man von einem Hit leben?

"Das ist schwer zu beurteilen, weil es auch darauf ankommt, ob der Titel ein Radio-Hit ist und ob er viel im Fernsehen gespielt wird. Aber ich muss in den nächsten Jahren auf jeden Fall nicht auf die Straße gehen und betteln. Aber ich habe alles andere als ausgesorgt - zumal ich mich auf Deutsch beschränke. Leute, die international arbeiten und weltweite Hits landen, sind natürlich in einer anderen Kategorie. Ich bin halt nur so’n National-Spacken (lacht)!”

Welche anderen Songschreiber bewunderst du?
"Rio Reiser – obwohl, den kann man ja nicht mehr bewundern. Nee, also bewundern kann man ihn noch, aber er kriegt es halt nicht mehr mit. Rio Reiser hat eine direkte Sprache. Er erzeugt mit kleinen Worten – also mit nicht geschwollenen Worten – ganz großes Kino.”

Was hälst du von Xavier Naidoo und Herbert Grönemeyer?
"Xavier Naidoo ist großartig – auf jeden Fall. Bei Grönemeyer gibt es immer wieder Sachen, die ich nicht mag, und die so anecken bei mir, wenn ich sie höre, dass ich sie schon wieder gut finde. ‚Flugzeuge im Bauch‘ ist natürlich Weltklasse. Und die neuen Sachen sind unantastbar.”

Was ist für dich der beste Song, der je geschrieben wurde?
"Ich habe gestern im Flieger gesessen und mir überlegt, ob Reinhard Mey ‚Über den Wolken‘ auch wirklich über den Wolken geschrieben hat. Dann ist mir dieser Text wirklich klar geworden. Das ist ein Wahnsinns-Text und ein unglaublicher Song.”

Was muss man machen, um mit der deutschen Sprache so umgehen zu können wie du es kannst? Wie kann man das lernen?
"Mit 14 hatte ich ja schon die Aufgabe zu texten, konnte es aber noch nicht. Ich habe selber gesungen und wollte auch eigene Songs machen. Aber ich hatte noch nichts zu erzählen. Das ist Punkt Eins: Man muss etwas zu erzählen haben. Man muss richtig durch die Scheiße gehen, um auch darüber schreiben zu können. Dann ist es auch wichtig, dass man seinen Wortschatz irgendwie pflegt, was ich allerdings nie richtig gemacht habe. Eigentlich müsste man viel lesen, damit man viele Wörter in seinem Gehirn speichert. Man muss ein Gefühl für Sprache haben und Wörter gut drehen und wenden können. Und wichtig ist auch, dass die Sprache klingt. Dabei ist es sehr gut, wenn man selber auch singen kann, weil man dann ein Gefühl dafür hat, was ein Sänger singen kann und was nicht. Viele Sänger sind sehr empfindlich bezüglich der deutschen Sprache, weil sie für sie oft eckig ist. Man darf also nicht eckig schreiben. Okay – Grönemeyer schreibt eckig. Aber er benutzt es als Stilmittel. Die Kunst ist, die deutsche Sprache irgendwie weich zu machen. Und ansonsten: Ich mache vieles intuitiv. Entweder man hat dafür eine Gabe und pflegt sie oder nicht.”

Hat ein Texter und Komponist Aussicht auf eine längere Karriere als ein Sänger?
"Auf jeden Fall. Als Sänger wird man meistens irgendwann zu seiner eigenen Karikatur. Als Texter kriegt man immer mehr Lebenserfahrung und wird dadurch eigentlich immer besser.”

Wärst du nicht auch gerne Popstar?

Nee. Ich bin nicht so gerne umwuselt und so. Wenn es passiert, ist es okay. Ich mache ja jetzt mit Oli ein Paar Sachen, bei denen ich auch mit auftrete. Aber ich will das nicht auf Teufel komm raus. Es ist auch sehr angenehm hinter den Kulissen. Es ist ein sehr anstrengendes Leben als Popstar.”

Stimmen eigentlich die Gerüchte – das war zur Zeit von Roh – dass du dich gelegentlich auf der Bühne übergeben hast?
"Bei Roh ist bei mir das passiert, was eine verspätete Jugend ist. Ich habe ja nie eine wirkliche Jugend gehabt, und hatte bis zum 22. Lebensjahr nichts getrunken. Dann habe ich einfach alles nachgeholt. Ich war ständig auf Wodka und habe fünf Jahre lang allen möglichen Scheiß gemacht: Leuten auf die Fresse gehauen, wenn sie Mülltonnen auf die Bühne geschmissen haben. Natürlich musste man sich auch mal übergeben auf der Bühne, weil man eine leichte bis schwere Alkoholvergiftung hatte. Das ist eine ziemlich heftige Zeit gewesen. Es gibt auch einen Dokumentarfilm ‚Wie kriege ich die Zeit bis zu meiner Beerdigung noch rum?‘. Aus dieser Zeit habe ich zum Glück nach fünf Jahren den Absprung gefunden.”

Wie hast du das geschafft?
"Mit psychologischer Hilfe natürlich! Ich bin in eine Klinik. Ich habe keinen Alkoholentzug gemacht, aber mich dort von den Folgen der fünf Jahre erholt. Wenn man fünf Jahre säuft, schluckt man auch viel `runter. Das kommt dann alles hoch. Das kann so schmerzhaft werden, dass man das alleine nicht mehr schafft. Ich war drei Monate in der Klinik und habe den ganzen Scheiß aufgearbeitet. Und jetzt ist es auch vorbei. Jetzt will ich nicht mehr so viel zurückgucken. Wenn es verarbeitet ist, dann muss man irgendwann die Türen weder zumachen.”

Die Erfahrung nimmst du sicher mit als Hintergrund für deine Texte.
"Ja. Man schreibt am besten über Sachen, die man schon mal erlebt hat. Ich habe schöne Momente in meinem Liebesleben gehabt. Ich habe auch schlimme Momente gehabt, wo ich dachte, ich müsse mir jetzt die Kugel geben. Ich habe schon ziemlich viele Facetten kennen gelernt, und ich bin ich auch ganz froh darüber.”

Würdest du sagen, dass du jetzt glücklich bist?
"Auf jeden Fall glücklicher. Ich habe nicht mehr diese Unruhe. Ich kann mich ein bisschen mehr zurück lehnen. Ich bin glücklich verliebt. Ich habe keinen Kohle-Stress und ich habe einen Mops, den ich über alles liebe. Doch, eigentlich bin ich glücklich.”

Was machst du mit den ganzen Goldenen Schallplatten, die du bekommen hast?
"Die sind bei mir im Keller. Ich hänge mir die nicht auf. Die sind da abgestellt. In meiner Wohnung will ich die nicht sehen. Ich will nicht ständig daran erinnert werden, wann da jetzt die nächste Goldene hingehängt wird. So nach dem Motto: ‚Da gucke ich jetzt schon ziemlich lange drauf. Die sind ja schon ziemlich alt. Wann kommt denn die nächste?‘ (lacht).”

Womit wir wieder beim Druck wären.
"Ja, das ist genau der Punkt. Ich will das nicht alles mit nach Hause nehmen. Der höchste Preis, den man zahlt als Songschreiber ist, dass man schwer abschalten kann. Man trägt es immer mit sich herum. Man reimt nachts sinnlos weiter. Das ist die Kehrseite des Jobs."

[Heike]

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www.lukas-hilbert.de

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