Jean Michel Jarre im Interview

Glück mit den Genen

published: 05.09.2005

Jean Michel Jarre lieferte gerade eine ”Klang-Revolution” ab (Foto: Public Address) Jean Michel Jarre lieferte gerade eine ”Klang-Revolution” ab (Foto: Public Address)

Er ist 56 Jahre alt, sieht aber aus wie 30: Elektronikpionier Jean Michel Jarre hat Glück mit den Genen. Der sportlich-lässige Musiker bringt nach der Trennung von Schauspielerin Isabelle Adjani jetzt seine neue DVD und CD "Aero" (Warner) auf den Markt. Das Doppelalbum ist nach Meinung des Meisters eine ”Klang-Revolution” durch die verwendete 5.1-Surround-Technologie. Sogar mit seinem Mega-Hit “Oxygène” gibt es ein Wiederhören. Im Scoolz-Interview spricht er über seine Frauen, seine drei Kinder, und die Beziehung zu seinem Vater, dem Filmkomponisten Maurice Jarre, der drei Oscars bekam, u.a. für “Doktor Schiwago” und “Lawrence von Arabien”.

* Sie beschreiben Ihr neues Album ”Aero” als Klang-Revolution. Was ist daran so revolutionär?
”Es ist das erste Album, dass von Anfang an dreidimensional ausgerichtet war. Es berücksichtigt, dass der 5.1-Surround-Sound der nächste Schritt nach Stereo ist. Wir hatten Mono, Stereo und jetzt ‘Aero’ (lacht). Ich hoffe, dass das so eintritt. Bis heute haben wir alle Musik nur als Fläche gehört – zweidimensional. Ich habe immer davon geträumt, dass meine Musik vom Publikum in 3-D gehört werden kann. Dann erst ist man vom Klang völlig eingeschlossen.”

* Kann man an den ”revolutionären” Sound auch dann zu Hause genießen, wenn man kein Vermögen für eine Hifi-Anlage ausgeben will?
“‘Aero‘ wird als Doppelalbum auf den Markt gebracht - eine DVD-Version und eine Super-Stereo-CD in einer Box. Die Stereo-Version der CD ist von der 5.1.-Version der DVD produziert und abgemischt worden; deshalb zeichnet sich auch diese durch Surround-Effekte und eine richtige Surround-Atmosphäre aus. Das ist auch in Stereo ganz überzeugend. Aber auch 5.1.-Technologie ist heute kein Luxus mehr. Es gibt 30 Millionen Haushalte in Europa, die mit Heimkino-Systemen ausgestattet sind. Man kann 5.1.-Equipment für 200 oder 300 Euro in jedem Supermarkt erstehen.”

* Und die klingen schon gut?
“Ja, einige von ihnen klingen gut. Als ich das Album abgemischt habe, habe ich das einerseits auf professionellen Studio-Boxen gemacht, aber andererseits auch auf diesen kleinen Monitor-Lautsprechern. Ich will ja keine Werbung machen, aber ich habe die Musik auf einem Pioneer-System für 300 Euro gehört und es hatte die gleiche Qualität. Natürlich verhält es sich wie bei allen Hifi-Ausrüstungen so, dass die Preise nach oben offen sind. Aber ich erzähle das, um hervorzuheben, dass es nicht nur etwas für eine Elite ist. Durch die Explosion von DVD und Heimkino ist dieses System die nächste Hifi-Generation geworden. Man kann seine alten CDs in Stereo und seine neuen DVDs auf den gleichen Geräten abspielen.”

* Sie haben China erwähnt und Ihre Projekte. Schon seit 1979 inszenieren Sie Open-Air-Multi-Media-Spektakel für ein Millionenpublikum in Weltstädten wie Paris, London, Moskau oder Peking. Was reizt Sie an diesen Groß-Projekten?
“Als ich anfing, elektronische Musik zu machen, wollte ich immer auch mit ihr auftreten. Aber elektronische Instrumente sind nicht besonders sexy. Deswegen habe ich darüber nachgedacht, wie die Vorstellung aussehen könnte. Unsere Urgroßeltern sind in Konzerte gegangen, weil sie keine andere Wahl hatten, wenn Sie Musik hören wollten. Heutzutage hat man zu Hause exzellente Bedingungen wie den 5.1-Sound. Wenn man also in ein Konzert geht, will man eine visuelle Entsprechung. Bei der elektronischen Musik hat mich da die deutsche Oper beeinflusst. Die Oper hat genau das gemacht: Die Musik mit der Technologie der Zeit gemischt: Man arbeite mit Malern, Zimmerleuten, Schneidern. Die Technologie meiner Generation besteht eben aus Video, Licht und Elektronik. Architektur spielt für mich auch immer eine Rolle. Für mich findet Rock’n’Roll in einem dunklen Keller statt. Elektronische Musik – und ich rede hier nicht von Techno - ist für mich mit dem Draußen verbunden. Ich brauche Raum und kein Dach. Und ich benutze eben gerne Architektur als Teil des Bühnenbildes. Wie bei der Oper ist bei meinen Shows die Musik nur ein Element. Mir gefällt die Idee, mich selbst in einem globalen Konzept zu verlieren. Es ist das Gegenteil von Grandeur. Ich halte es für viel mutiger, mit einer akustischen Gitarre vor 2000 Leuten in einem Theater aufzutreten. Das würde ich mich wahrscheinlich nicht trauen.”

* Ihr 79-jähriger Vater Maurice Jarre ist ebenfalls ein berühmter Komponist. Er erhielt drei Mal den Oscar, u.a. für “Doktor Schiwago” und “Lawrence von Arabien”. Haben Sie eine gute Beziehung zu ihm?

”Leider nicht. Meine Eltern haben sich getrennt, als ich fünf Jahre alt war. Ich habe ihn kaum gesehen, bis ich 20 war. Ich bin bei meiner Mutter in Europa aufgewachsen und er war in Amerika. Und wir haben einander verpasst. Wir hatten nie einen richtigen Konflikt. Wissen Sie, manchmal ist es besser, einen guten, klar identifizierbaren Konflikt mit seinen Eltern zu haben als im Grunde genommen gar nichts. Es war diese Nicht-Beziehung, die ich lange Zeit als Belastung empfunden habe und nicht als etwas, das man lösen könnte. Mein Vater hat mich nicht sehr beeinflusst: Er war weit weg und wir standen uns nie nahe. Vielleicht hatte er einen Einfluss auf der Ebene der Chromosomen, aber nicht auf der Ebene des täglichen Umgangs. Ich hoffe, dass wir uns eines Tages noch nahe kommen. Wir müssen uns beeilen...”

* Hat er Ihnen nie erzählt, dass er stolz auf Sie ist?
”Nicht wirklich. Ich meine, auf indirekte Art und Weise, ganz vage vielleicht. Aber es ist wirklich schade, dass es in einer Familie zwei Musiker gibt und so viel, dass man teilen und austauschen könnte, und es nie passiert ist. Es ist ein Rätsel für mich. Ich bin selbst so stolz auf meine eigenen Kinder, dass es schwierig ist, diese Art von Schweigen oder Abwesenheit zu verstehen.”

* Wie alt sind Ihre eigenen Kinder und was machen sie beruflich?
”Meine drei Kinder sind alle in den 20ern. Barnaby macht Film- und Videoarbeiten in London. Ich betrachte ihn als meinen Sohn, aber er ist eigentlich Charlotte Ramplings Sohn. Ich habe mich um ihn gekümmert, seit er drei ist, deswegen ist er für mich mein Sohn. Ich liebe ihn wirklich. Meine Tochter Emily ist Grafik-Designerin und der jüngste, David, ist Zauberkünstler. Er ist ein fantastischer Magier, ein sehr talentierter Künstler. Er wird... Er ist jetzt schon ein Star in seiner Domäne und arbeitet profesionell. Er betreibt Close- Up-Magie. Er tritt auf privaten Partys auf der ganzen Welt auf. Er ist sehr, sehr gut darin. Er benutzt Zauberei auf eine ganz besondere Weise.”

* Wie wichtig ist die Familie für Sie?
”Familie ist mir sehr wichtig. Sigmund würde wohl sagen, dass ich mich bemühe, nicht das Gleiche zu erzeugen, was ich selber erlitten habe. Ich stehe meinen Kindern sehr nahe. Ich bin sehr stolz auf sie und es ist mir sehr wichtig.”

* In den Medien war zu lesen, dass Sie bald wieder heiraten wollten.
”Das ist falsch. Diese Information ist nicht richtig.”

* Wollen Sie nie wieder heiraten?
”Vielleicht eines Tages. Wissen Sie, ich habe eine exzellente Beziehung mit der Mutter meiner Kinder gehabt, Charlotte. Wir hatten eine fantastische Beziehung. Wir haben geheiratet, weil wir Kinder hatten. Danach hatte ich verschiedene Beziegungen. Im Moment habe ich mich von meiner Ex-Freundin getrennt, in einer sehr schmerzhaften Situation. Die Beziehung hat nur 18 Monate gedauert. Ich denke, dass die Ehe nur etwas taugt, wenn man wirklich die Eine trifft, seinem Gegenstück begegnet. Ich denke, je älter ich werde, desto mehr halte ich die Ehe für etwas Heiliges und Ernstes. Und wenn man eine solche Verbindung eingeht, sollte man sehr gute Gründe haben. Man heiratet nicht aus Spaß. Ich will nie ,nie’ sagen. Warum nicht – eines Tages? Ich hoffe es, denn das würde bedeuten, dass ich die Richtige gefunden habe..., was vielleicht der Fall ist.”

* Haben Sie zur Zeit eine Freundin?
“Ja. Deswegen habe ich gesagt, dass das vielleicht der Fall ist. Ich hoffe es.”

* Ihr Hit “Oxygène” ist einer der einflussreichsten Titel der Pop-Musikgeschichte. Was halten Sie von heutigen Musikern, die von Ihnen beeinflusst sind?
“Ich mag Air und ich denke, dass da eine wirkliche Beziehung zwischen uns besteht. Vielleicht hassen die es, dass ich das sage (lacht), aber ich empfinde das so. Ich höre unterschiedlichste Musik: Ich mag ‚Toxic‘ von Britney Spears und `Yeah!‘ von Usher, aber auch obskure Musik, Klassik oder HipHop.”

* was für Bilder gibt es auf Ihrer neuen DVD?
“Ich verstehe die DVD zunächst einmal einfach als die neue CD. Aber sobald man eine DVD macht, muss man visuelle Inhalte, Bilder, dazu draufpacken. Ich wollte keine narrativen Videos drehen, weil ich glaube, dass das Schöne an der Musik ist, dass der Zuhörer seine eigenen Bilder und Filme im Kopf erschaffen kann. Ich wollte dem Zuhörer diese Freiheit erhalten und ihm keine Geschichten aufzuzwingen. Da hatte ich eine extreme Idee: Ich habe ein Paar Augen in einer einzigen Einstellung von 76 Minuten gefilmt, das zu einer Schauspielerin gehört, die der Musik zuhört. Die Schauspielerin hat für mich gespielt und die Musik interpretiert – nur mit Hilfe ihrer Augen. Das Resultat ist ganz außergewöhnlich.”

* Wessen Augen sind das?
“Sie gehören dem Mensch, von dem ich vorhin sprach, der mein Leben teilt. Sie ist Schauspielerin und ihr Name ist Anne Parillaud. Sie ist bekannt aus Luc Bessons ‚Nikita‘. Sie macht sehr viel. Und sie liefert hier eine beeindruckende Vorstellung. Ich bin sehr stolz und fühle mich geehrt, dass sie das für mich gemacht hat. Dieser Film wird auf der ‚Aero‘-DVD-Version zu sehen sein.”



[Heike]

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www.jeanmicheljarre.com

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