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Bela B. im Interview

"Erziehung ist individuell"

published: 22.12.2005

Ärzte-Drummer Bela B. als Synchronsprecher (Foto: Public Address) Ärzte-Drummer Bela B. als Synchronsprecher (Foto: Public Address)

Im Animationsfilm „Terkel in Trouble“ spricht Ärzte-Drummer Bela B. sämtliche Figuren. Was er in den acht Tagen Aufnahme erlebt hat, verrät er im Interview.

* Du sprichst in diesem Animationsfilm alle Figuren, die vorkommen. Das muss wahnsinnig viel Arbeit gewesen sein, vor allem, weil es sich um die unterschiedlichsten Personen handelt: Kinder, Männer, Frauen... Hast du manchmal gedacht, dass du dir zuviel aufgebürdet hast?
„Als ich das Angebot bekam, alle Charaktere in einem Film zu sprechen, wollte ich es unbedingt machen. Auch die Hintergrundfiguren: Das bin alles ich, jedes Gespräch, jede Schlägerei, die auf dem Schulhof abgeht, habe ich gesprochen. Das war eine super Herausforderung. Und zwei Tage bevor ich dann ins Studio sollte, habe ich plötzlich Schiss bekommen und mich gefragt, wie ich das alles machen soll. Klar, jeder kann seine Stimme verstellen. Mit Kindern macht man das ja häufiger. Aber ich bin die Arbeit dann völlig anders angegangen. Ich hab den Film mit der Regisseurin zusammen angeguckt und wir haben uns zu jeder Figur Eigenarten ausgedacht und sind das dann schauspielerisch angegangen. Bei den Frauenstimmen war es komplizierter, verschiedene Charaktere darzustellen, weil ich da nur meine Kopfstimme einsetze und die ist halt nicht all zu variabel. Ich habe in den neun Tagen, in denen wir den Film gemacht haben, sehr viel über menschliche Eigenschaften gelernt.“

* Das hört sich nach viel Zeit- und Arbeitsaufwand an…
„Acht Tage waren eigentlich vorgesehen, und wir hatten dann zwei Tage extra, falls wir es nicht geschafft hätten. Wir haben die ersten zwei Tage nur Frauenstimmen aufgenommen, weil das die Stimme am meisten angreift. Und dann standen auf der Liste noch viele andere Charaktere, wie: Frau an der Straßenecke, Frau im Cafe, Komparsen… Dann kamen noch die Songs dazu und die backing vocals von den Songs.
Dazu kommt, dass ich sehr penibel bin, was Reime angeht. Ich bin über die Songs – drei sind ja mehr Saufgegröle – komplett noch mal drübergegangen, wegen der Reime, auch beim Rap. Der war so irre schwer, den haben wir am Schluss gemacht, in vier Stunden. Ein durchschnittlicher Rapper lässt sich einige Wochen zeit, um so einen Song fertig zu machen. Na gut, der Text und der Rhythmus waren schon vorgegeben, aber das war ja ursprünglich auf Dänisch gemacht worden. Jetzt hatten wir es plötzlich auf Deutsch, und die Übersetzung war halt sinngemäß, aber das hatte nicht viel mit Rap zu tun. Das waren dann auch manchmal Kämpfe mit der Kreativität der Regisseurin, weil ich in ihren Arbeitsbereich eingegriffen habe. Aber ich hab gesagt: Ihr wollt Bela B.? Dann muss ich auch was sagen dürfen!“

* Ein normaler Synchronsprecher spricht sechs Stunden am Stück, dann macht er Feierabend. Du hast teilweise neun Stunden gesprochen. Kann man nach so langer Zeit überhaupt noch klar und nuanciert sprechen?
„Nicht immer. Wir haben den Stuart zum Beispiel am Schluss gemacht. Das hätte sonst gar keinen Sinn gehabt. Das allerletzte war Terkels Rap. Aber auch Rollen wie der Vater Leon, das war nicht einfach. Er sagt zwar immer nur ein Wort, aber das musste immer zur Situation passen. Da haben wir viel länger dran gearbeitet als wir dachten.“

* Ist es im Original-Film genauso, dass es nur einen Sprecher gibt?
„Ja, das ist ein Stand-Up-Comedian, der eine extrem erfolgreiche Radioshow in Dänemark hat. Daran merkt man, wie klein dieses Land ist. Es gibt eine Radioshow, die im ganzen Land zu hören ist, das können wir uns in Deutschland gar nicht vorstellen. Der war so populär, dass sie daraufhin diesen Film gemacht haben.“

* Du hast Erfahrung als Schauspieler und auch als Synchronsprecher. Kannst du dir vorstellen, selber einmal Zeichentrickfilme zu machen?
„Naja, ich bin nicht so ein guter Zeichner, aber ich hab einen Comicverlag in Leipzig, bei dem ich Mitbesitzer bin. Wir haben schon Zeichentrick-Musikvideos gemacht, aber ein ganzer Film, das wäre so ein Mamut-Projekt. An so was denke ich im Moment nicht. Es gibt noch so viele andere Dinge, die ich tun will. Grad jetzt mach ich Musik, nehme Sachen auf und schreibe Songs für mein Solo-Album. Meine wenige Restzeit widme ich der Schauspielerei.“

* Der Film ist ziemlich komprimiert und zeigt, dass das Leben als Schüler oft recht hart sein kann. Wie hast du den Film wahrgenommen, als du ihn das erste Mal gesehen hast? Warst du schockiert oder kam dir das alles bekannt vor?
„Die Figuren sind schon schmerzhaft dicht am Leben dran. Mobbing, was ja das Hauptthema oder der Motor des Films ist, ist bei Kindern und Jugendlichen absolut gang und gäbe. Man teilt in Kasten und in Wertigkeiten ein. Als ich in der Schule war, gab es die Worte Mobbing und Dissen noch nicht, aber um das Selbstwertgefühl zu heben haben viele auch damals auf Schwächeren rumgehackt ohne Rücksicht auf die Konsequenzen. Ich hab meine Schulzeit auch als nicht ganz so angenehm empfunden.“

* Wie war das bei dir? Warst du auch mal in der Situation des Opfers auf dem Schulhof?
„Opfer? Jein. Ich gehörte nie zu den Klassenschlägern. Deren Themen waren doch recht einseitig, so 'Hast du mich grad angeguckt? Ey, ich rede mit dir!'. Aber ich gehörte auch nicht zu den Verlierern. Ich hatte schon immer ein großes Maul, war immer sehr laut. In einem Jahr war ich der beliebteste Schüler der Klasse und wurde zum stellverstretenden Schulsprecher gewählt, um im nächsten Jahr, in einer klasseninternen Umfrage in Sozialkunde, der zweitunbeliebteste Schüler zu sein. Und das alles nur, weil ich damals schon ein großes Maul hatte.“

* Wenn man Terkels Eltern im Film sieht, dann denkt man doch: Wenn ich selbst mal ein Kind habe, dann weiß ich vielleicht auch nicht, ob ich alles richtig mache. Wie ist das bei dir?
„Das ist eine sehr private Frage. Es ist so: Ich hab noch keine Kinder. Ich habe eine Zwillingsschwester und die hat zwei Kinder. Der Neffe ist jetzt zwölf und meine Nichte ist acht, aber die nehme ich noch nicht mit zur Premiere. Bei meinen Neffen hätte ich keine Bedenken. Es kann schon sein, dass ich auch selber einmal Kinder haben will, ich würde dann auch nicht mehr ganz so lange damit warten, aber Erziehung ist ja komplett individuell, nur besser als im Film wäre ich sicher. Was die Eltern da mit Terkel abziehen, ist wirklich ganz schrecklich. Da sind vor allem die Widersprüche, mit denen sie ihn total verwirren. Die Mutter raucht und raucht, und parallel warnt sie dann vor Krankheiten. Der Vater liest den ganzen Tag Zeitung und kommuniziert nur über ein einziges Wort. Die Schwester versucht, die Liebe, die sie nicht kriegt, bei Terkel zu holen. Das sind alles sind Sachen, die die Macher dieses Films sehr gut beobachtet und dann ziemlich überspitzt haben. Das macht den Erfolg des Films aus.“

* Was steht bei dir für 2006 an?
„Silvester bin ich bei ‚Bernd dem Brot’ auf Kika zu Gast. Da freu ich mich tierisch drüber. Neben dem holländischen Film ‚Sportsman Of The Century’ und dem Mika Karusmäki Film ‚Honey Baby’ wird im Frühjahr noch ein Film ins Kino kommen, den ich im Sommer mit u.a. Til Schweiger gedreht habe. Den Titel kann ich noch nicht verraten, weil der noch nicht fest steht. Ansonsten arbeite ich an meinem Solo-Album das hoffentlich alle so überraschen wird, wie mich im Moment jeden Tag. Und die Ärzte werden nächstes Jahr nichts machen – gar nichts. Wir treffen uns erst im nächsten Winter, um dann über die Zukunft zu sprechen.“

[Sonja]

Links

www.bela-b.de
www.bademeister.com

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