Christian Redl im Interview

„Das Hier und Jetzt zählt“

published: 28.03.2006

Christian Redl (Foto: Public Address) Christian Redl (Foto: Public Address)

Auf der Leinwand und dem TV-Bildschirm gibt Schauspieler Christian Redl meistens den Bösewicht. Ob in „Der Hammermörder“, für den der aus Kassel stammende Mime den renommierten Grimme-Preis erhielt, oder im Kino-Thriller „Tattoo“ - die zerfahrenen Rollen liegen Redl.

Dass der begehrte Charakterdarsteller neben Bühne und Film noch andere Talente besitzt, beweist Redl nun mit seiner ersten CD „Das Wilde Herz“. In seinen Songs, bei denen auch schon mal Rhythmus-Boy Ulrich Tukur in die Tasten greift, formuliert er sehr persönliche Gedanken. Das Stimmvolumen eines gestandenen Sängers erreicht Redl nicht, doch seine Musik entfalten deutlich mehr Wirkung, wenn sie von seiner Reibeisenstimme getragen wird. Offenbar scheinen es Redl chansonhafte Songs à la Element Of Crime angetan zu haben.
 

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Im Interview mit Unikosmos spricht der Schauspieler über die deutsche Musikszene und verrät, was er an TV-Events wie „Dresden“ nicht mag.

Die Texte auf Ihrem Album „Das wilde Herz“ klingen sehr persönlich. In „Und dennoch“ singen Sie von der „Sehnsucht nach anderen Frauen“ trotz Partnerschaft. Ist das eine persönliche Erfahrung?
Christian Redl: „Mit so einer Situation fing das eigentlich alles an. Man kann nicht einschlafen und liegt wach neben der Frau, mit der man lange und gerne zusammen ist. Die Gedanken fangen an zu wandern und man fängt an, über andere Frauen nachzudenken - Frauen, die man kennt oder eben noch nicht kennt. Natürlich ist es schwierig, darüber am nächsten Morgen mit seinem Partner zu reden. Denn das könnte ja zu einer Beziehungskrise führen. Also behält man es für sich. Ich bin mir sicher, das kennt jeder. Auch Frauen kennen das. Das hat mich als Thema sehr interessiert: Warum ist es so schwer, darüber zu reden?“

Sie haben geschrieben, dass das Album den Frauen gewidmet ist, die es mit Ihnen ausgehalten haben….
„Das kann man missverstehen. Gemeint ist nicht, dass es eine große Ehre gewesen sein muss, mit mir zusammen zu leben. Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass es nicht leicht gewesen sein muss mit mir, da ich ein Mensch war, der sich wahnsinnig viel mit sich selbst beschäftigt hat, was eine Beziehung natürlich nicht gerade einfach gemacht hat.“

Sind denn Ihre Beziehungen daran zerbrochen?
„Es gab eine Frau, die das schon als hart empfunden hat, sich ein bestimmtes Lied anzuhören. Denn sie fühlte sich direkt angesprochen. Das war schwierig. Obwohl ich sie ja nicht direkt gemeint habe.“

Wie sind Sie überhaupt zur Musik gekommen?
„Ich bin in Kassel groß geworden. Da hat jeder in den 60er Jahren in einer Band gespielt. Ich war am Schlagzeug. Irgendwann bekam ich ein Angebot von einer größeren Band. Ich habe mir das überlegt und bin dann lieber Schauspieler geworden. Später habe ich mir dann das Gitarrespielen selbst beigebracht. Es gab diese Song-Books von den Beatles oder Leonhard Cohen. Das war meine Musik. Besonders mochte ich Cohen.“

Zu Ihrem Album schreiben Sie, dass Sie damit Ihren Hörern einen Eindruck Ihrer wahren Persönlichkeit geben wollen. Was steckt hinter diesem Satz?
„Damit meine ich ganz schlicht die sensible Seite meines Wesens. Aus dem Fernsehen kennt man mich hauptsächlich als Bösewicht. Mein Wunsch ist es, dass meine Lieder den Hörer mit seinen eigenen Gedanken und Gefühlen konfrontieren, nach dem Motto: Das kommt mir irgendwie bekannt vor.“

Wie sieht denn Ihre wahre Persönlichkeit aus?


„Wenn die 50 überschritten sind, kommst du einfach in ein anderes Gewässer. Du nimmst die Dinge anders wahr und bekommst auch so kleine Zipperlein. Ich habe früher die Nächte durchgesoffen und konnte trotzdem am nächsten Tag arbeiten. Heute ist nach so einer Nacht der nächste Tag im Eimer. Man fängt an, sich Gedanken zu machen und merkt, dass die Zeit, die man noch hat, plötzlich kostbar wird. Man kriegt einen Begriff von Endlichkeit. Gerade was ich beruflich oder privat tue, überlege ich mir heute dreimal. Das Hier und Jetzt zählt. Lebenszeit findet nicht morgen statt, sondern heute. Ich habe lange gedacht, dass das, was ich heute mache, nur vorläufig ist und dass das Richtige erst noch kommt. Das ist völlig falsch. Die Einsicht musste ich erstmal gewinnen.“

Christian Redl (Foto: Public Address)Christian Redl (Foto: Public Address)

Das hört sich an, als würden Sie Ihr Leben nicht planen.
„Ich plane überhaupt nicht. Ich wünschte, ich könnte das. Das fehlt mir.“

Profitieren Sie als Musiker auf der Bühne von Ihrer Schauspielerei?
„Das sind zwei Paar Schuhe. Ich mache Musik, weil es mir Spaß macht. Ich habe meine Sachen selber produziert und was ich da reingebuttert habe, werde ich wohl niemals rausbekommen. Das ist mein persönlicher Spaß. Kein Produzent kann mir reinreden. Das habe ich fix und fertig abgeliefert. Ich kenne Frauen so um die 40, die schon bestimmte Phasen im Leben hinter sich haben, die offensichtlich etwas damit anfangen können. Da gibt es interessantes Feedback. Mein Tipp: Man sollte sich die CD nach Einbruch der Dunkelheit und mit ein oder zwei Flaschen Wein anhören. Auf keinen Fall sollte man das Album beim Frühstück hören!“

Sie haben vorhin Leonard Cohen erwähnt. Ist der ein musikalisches Vorbild für Sie?
„Seine Musik war für mich das Schlüsselerlebnis. Ulrich Tukur
empfahl mir dann Element Of Crime. Die kannte ich nicht. Die fand ich sehr gut. Nur das war genau die Musik, die ich auch machen wollte. Das gabs also schon. Das hat mich lange Zeit gelähmt.“

Verfolgen Sie die deutsche Musikszene?
„Einiges gefällt mir. ‚Mensch’ von Grönemeyer finde ich gut. Früher mochte ich Udo Lindenberg. Ich mag das, was Die Ärzte machen oder auch die Art, wie Annett Louisian mit der Sprache spielt. Aimee Mann finde ich ultimativ, großartig. R.E.M. fand ich toll. Westernhagen zum Beispiel interessiert mich überhaupt nicht.“

Reden wir mal über Ihre schauspielerische Seite. Zur Zeit kommen TV-Produktionen wie „Dresden“ oder „Die Luftbrücke“ gut an. Haben Sie einige davon gesehen?
„Ich habe 'Dresden' gesehen. Der Aufwand war schon beeindruckend. Was mir grundsätzlich bei diesen ‚Events’ nicht gefällt, ist, dass die Geschichten immer nach dem gleichen Muster ablaufen: Frau zwischen zwei Männern. Und das alles permanent mit einer Musiksoße übergossen daherkommt. Weniger wäre da mehr.“

Sie selbst haben bei „Der Untergang“ mitgespielt. Filme mit historischem Hintergrund kommen beim Publikum gut an. Woran liegt das?
„Vielleicht sind wir ja allmählich bereit, uns mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Mich hat der Krieg noch stark geprägt, weil ich einen Vater hatte, der danach völlig zerstört und gebrochen nach Hause kam, mit schweren Depressionen. Der hat das nicht verkraftet. Mir hat er nichts erzählt von seinen Ängsten. Er hat alles in sich hineingefressen und ist dann auch sehr früh gestorben.“

Glauben Sie, dass diese Filme dazu beitragen, die Vergangenheit aufzuarbeiten?
„Auf jeden Fall! Sie geben Anlass, sich zu informieren und über das Thema nachzudenken.“

Haben sie eigentlich Kinder?
„Nein, heute muss ich sagen: leider nicht.“

[Jörg Römer]

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