Kaizers Orchestra im Interview

"Leute aus einer Irrenanstalt"

published: 05.05.2006

Kaizers Orchestra (Foto: Public Address) Kaizers Orchestra (Foto: Public Address)

„Seid ihr das Kaizers Orchestra?“, fragt uns ein Mann im blauen Arbeitsanzug, als das Unikosmos-Team zum Interview- und Fototermin mit dem Kaizers Orchestra in einem Hamburger Club erscheint. „Ich soll hier eure Ölfässer abliefern.“ Natürlich sind wir nicht das Kaizers Orchestra. Der Irrtum ist schnell aufgeklärt und der gute Mann darf seine Ölfässer auf die Bühne wuchten. Doch die Neugier ist geweckt. Wozu braucht die norwegische Band für ihren Auftritt Ölfässer?

Sänger Jan Ove Ottesen (Foto: Public Address)Sänger Jan Ove Ottesen (Foto: Public Address)

Kurze Zeit später sagt uns der dänische Tourmanager, die schweren Metallzylinder würden bei jeder Live-Show dermaßen zerbeult, dass regelmäßig neue angeschafft werden müssen. Dass die Skandinavier bei ihren Konzerten keine Gefangenen machen, räumt auch Sänger Jan Ove Ottesen ein, der Unikosmos bald darauf Rede und Antwort steht.

„Hast du schon mal eine Live Show von uns gesehen? Schau dir das mal an. Dann weißt du, warum wir jedes Mal neue Fässer brauchen", grinst er. Beim Konzert wird klar, was der Mann meint: Während der Songs steigen zwei der Jungs auf die Fässer und begleiten den Drummer durch rhythmischen Einlagen mit Vorschlaghammer und Brecheisen.

Ohne Zweifel tragen die energetischen Live-Shows entscheidend zum Erfolg der Band bei. Und der ist inzwischen auch in Deutschland beträchtlich. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die meisten der Fans keinen blassen Schimmer haben, von was Jan Ove und seine Jungs in ihren norwegischen Texten singen. Trotzdem verkauft sich die neue Live-CD und DVD „Live At Vega“ gut. Daheim in Norwegen ging das Debütalbum „Ompa Til Du Dor“ über 90.000 Mal über den Ladentisch und ist damit die erfolgreichste Rockplatte in norwegischer Sprache.

Mit Unkosmos sprach Sänger Jan Ove Ottesen, der mal in Bergen Musiklehre studieren wollte, über seine Vorliebe für Gangster-Filme und die Live-Qualitäten der Band.

Am Kaizers Orchestra und eurem Erfolg außerhalb Norwegens ist ungewöhnlich, dass ihr Norwegisch singt. Warum habt ihr keine englischen Texte?
Jan Ove Ottesen: „Wir haben nie darüber nachgedacht. Wir singen in unserer eigenen Sprache. Das hat keinen bestimmten Grund. Das haben wir von Anfang an gemacht. Auf Norwegisch können wir uns nun mal am besten ausdrücken.“

Kaizers Orchestra live (Foto: Public Address)Kaizers Orchestra live (Foto: Public Address)

Die meisten Menschen in Deutschland haben keine Ahnung, wovon eure Texte handeln. Worum geht es also?
„Die Texte sind alle fiktional. Es geht um die großen Dinge im Leben, aus einer humoristischen Perspektive: das Leben, der Tod und Krieg. Und Geschichten über Menschen in einer fiktionalen Welt. Es ist schade, dass viele Menschen die Texte nicht verstehen können. Unser Erfolg in Europa hat nichts mit den Texten zu tun.“

Was ist das Geheimnis eures Erfolges?
„Das ist die Musik. Die ist speziell und anders. Die Menschen wollen auch mal was Anderes. Und das Kaizers Orchestra ist anders. Wir stechen heraus.“

Meinst du mit „anders“ eure Live-Shows?
„Auch das Songwriting und die Musik. Wir haben ungewöhnliche Instrumente wie eine alte Orgel und den Kontrabass. Dazu kommt der Mix mit elektrischen Gitarren. Und auch der Rhythmus im Gesang - das ist ja auch Musik. So etwas gab es vorher noch nicht.“

Du sagst, die Texte spielen in einer fiktionalen Welt?

„Ja aber das ist das gleiche. Es ist immer Fiktion. Die basiert auf dem wirklichen Leben. Aber nicht unserem Leben sondern ungewöhnlichem Leben. Denn die wirkliche Welt ist nicht spannend genug. Also peppen wir die etwas auf. Dann wird es für uns interessant.“

Sänger Jan Ove Ottesen (Foto: Public Address)Sänger Jan Ove Ottesen (Foto: Public Address)

Worum geht es auf eurem neuen Album „Maestro“?
„Es spielt in dem gleichen Universum wie die Alben davor. Es geht um die Leute aus einer Irrenanstalt und ihr Leben. Aber das ist eher humoristisch gemeint. Das ist nicht politisch. Das ist wie in einem Film.“

Du sagst, es sei nicht politisch. Ein Song heißt aber "KGB". Worum geht es da?
„Es geht um einen Insassen der Irrenanstalt. Er soll nach ein paar Jahren entlassen werden. Vorher hat er für den Anstaltschef Dieter Meyer gearbeitet. Und jetzt will er nicht arbeitslos da stehen. Er bildet sich also ein, er hätte Kontakte zum KGB und wird dort einen Job bekommen. Eigentlich geht es um ein ganz normales Arbeitnehmerverhältnis (lacht). Das ist lustig. Ich mag die Vorstellung, dass ungewöhnliche Dinge wie die Mafia oder der KGB ganz normal sind. Für einige Leute ist es das ja auch.“

Auf dem neuen Album habt ihr euch musikalisch mit osteuropäischen Einflüssen etwas zurück gehalten…
„Findest du?“

“Maestro“ klingt etwas poppiger und nicht ganz so schräg wie vorher.
„Es ist schon poppiger. Wir haben nie behauptet, das wir Zigeuner-Musik spielen. Es ist auf jeden Fall Rock`n`Roll. Dazu kommen Pop- und Punkelemente. Und ein paar osteuropäische Melodien. Auf jeden Fall groovt die Musik und ist melodisch, finde ich.“

Ich habe gehört, dass du schlechte Erfahrungen während deines Militärdienstes gemacht hast. Stimmt das?
„Ja. Ich musste ein Jahr zur Armee. Und ich habe ein Jahr mit Nichtstun verschwendet. Wenn du in Norwegen zum Militär gehst, dann sitzt du den ganzen Tag nur rum. In einem kleinen Häuschen auf einem Stuhl. Und nichts passiert.“

Euer Orgel-Spieler tritt mit einer alten Gasmaske auf. Das sieht sehr militärisch aus.
„Das ist Zufall. Die Maske ist einfach ein Logo für die Band. Als wir unser erstes Album gemacht haben, hatten wir ganz klare Ideen, wie wir uns auf der Bühne präsentieren wollen. Wir dachten, das Beste sei, ein Logo zu haben. Und das ist die Gasmaske. Die ist auch auf den ganzen T-Shirts drauf. Das ist wie Produkt-Branding. Wir nennen es Kaizer Wear.“

Was macht ihr eigentlich mit den Ölfässern auf der Bühne?
„Die benutzten wir nur wenig. So wie in der osteuropäischen Folkmusik. Wir benutzen die wie Perkussion. In einer Stunde benutzen wir die vielleicht drei Minuten.“

Euer Tourmanger hat erzählt, dass ihr für jedes Konzert neue Fässer braucht.
„Das stimmt. Die verlieren ihren Klang nach einem Konzert, wenn man da richtig draufhaut. Schau dir mal ein Konzert an, dann weißt du, warum wir jedes Mal neue Fässer brauchen!“

Du hast mal für die norwegische Jugendnationalmannschaft Fußball gespielt. Bist du ein großer Fußballfan?

„Fan nicht so sehr. Ich habe lieber selber gespielt. Aber das ist zwölf Jahre her.“

Und was ist dein Tipp für die kommende WM?
„Brasilien wird mit Ronaldinho Weltmeister, glaube ich. Deutschland könnte auch eine gute WM spielen. Die haben Heimvorteil. Aber ihr werdet nicht Weltmeister. Brasilien hat das beste Team.“

Sänger Jan Ove Ottesen (Foto: Public Address)Sänger Jan Ove Ottesen (Foto: Public Address)

Viele Leute fühlen sich bei eurer Musik und den Texten an die Filme von Emir Kusturica erinnert. Ist das Zufall?
„Die Leute kennen ihn durch seine Filme. Wenn sie dann unsere Musik hören, denken sie daran. Ich mag das. Ich glaube, deshalb mögen uns die Leute. Denn das ist, als würde man sich einen coolen Film von Kusturica oder auch Tarantino ansehen. Die Texte von uns könnten alle eine Szene aus diesen Filmen sein. Hast du die Filme mal gesehen? Die Leute sind verrückt. Das sind genau die Menschen, die in meinen Texten vorkommen.“

Waren diese Filme für dich Inspiration?
„Ja, ich liebe solche Streifen. Mafia-Filme und Tarantino. Dazu würde ich gerne einen Soundtrack schreiben.“

Vor einigen Jahren gab es Bands wie The Pogues oder Les Negresses Vertes, die auch Folkelemente mit Punk gemischt haben. Hast du deren Musik damals gehört?
„Nein gar nicht. Ich kenne die Musik auch nicht. Ich fand Musik von Tom Waits, 16 Horsepower, Nick Cave, Radiohead und Rage Against The Maschine gut. Auch die Rap-Szene finde ich spannend. Leute wie Eminem, Dr. Dre, Snoop Dogg, Pharell und Outkast sind sehr kreativ. Die Musik ist lustig aber gleichzeitig auch ernst. Ich kann das Gute in jedem Song genießen.“

Ihr habt die Band in Bergen gegründet. Die Musikszene dort hat in den letzten Jahren für viele Schlagzeilen gesorgt. Was ist so besonders an dieser kleinen Stadt?
„Bergen ist vor allem eine Studentenstadt. Viele junge Leute kommen zum Studieren und machen nebenher Musik. Deshalb gibt es dort so viele gute Musiker. Ich habe auch studiert: Musiklehrer, bin dann aber lieber Rock`n`Roll-Star geworden.“

In England lässt die Musikpresse „große“ Bands gerade wie Pilze aus dem Boden schießen. Welche davon magst du?
„Ich mag die Arctic Monkeys ein wenig. Die Babyshambles sind auch o.k. Und Franz Ferdinand. Ich mag nicht alles, aber einige Songs sind gut.“

Viele von diesen Bands haben erst ein Album gemacht und sind sehr jung. Hast du die mal live gesehen? Viele von denen sind live…
„… ziemlich armselig. Die haben nicht hart genug gearbeitet. Die sind jung und werden hoch gejubelt, haben aber keine Erfahrung. Kaizers Orchestra ist vielleicht zehnmal besser als die Artic Monkeys. Aber wir könnten niemals so viele Platten verkaufen wie die. Wenn die mit uns spielen würden, hätten die keine Chance.“

Eure Karriere ist ja genau anders herum verlaufen. Ihr habt eine breite Fanbasis durch eure Auftritte.
„Ja, durch unsere Live-Arbeit. Wir verkaufen nicht so viele Alben. Aber unsere Konzerte sind gut, denn wir müssen kompensieren, dass die meisten Leute die Texte nicht verstehen. Also muss die Musik noch besser sein.“

Habt ihr beim Songschreiben immer im Kopf, wie ihr das Stück live umsetzten könnt?
„Ja, das haben wir immer. Wir wissen ja, dass wir die nachher auf hunderten von Konzerten spielen müssen und dabei bekommen wir keine Hilfe. Das ist keine Musik, die radiokompatibel ist.“

Vielleicht ja doch. Immerhin habt ihr für das neue Album erstmals einen Vertrag mit einer großen Plattenfirma unterschrieben.
„Die verkaufen so viele Platten wie möglich für uns in Europa. Wir sind glücklich damit, denn von dem neuen Album haben wir hier etwa 10.000 Stück verkauft. Das ist viel mehr als davor. Und wir haben noch mehr Potenzial, glaube ich. Es ist das erste Mal in der Musikgeschichte, das in Deutschland probiert wird, norwegische alternative Rock-Musik zu verkaufen. Das gab es noch nie. Und wir versuchen, mehr zu verkaufen. Das ist unser Job. Dann könnten wir in größeren Hallen spielen. Denn mehr Zuschauer haben wir verdient.“

[Jörg Römer]

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Links

www.kaizers-orchestra.de/

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