CD-Tipp

India.Arie - "Testimony..."

published: 08.07.2006

Die 30-Jährige ist seit zwei Jahren als Botschafterin des Kinderhilfswerkes UNICEF tätig - India Arie (Foto: Public Address) Die 30-Jährige ist seit zwei Jahren als Botschafterin des Kinderhilfswerkes UNICEF tätig - India Arie (Foto: Public Address)

Wenn es die passenden Worte schon gibt, allerdings von jemand anderem, sollte man sie trotzdem benutzen. Das dachte sich vermutlich India.Arie, als sie an den Anfang ihres neuen Albums das Gelassenheitsgebet stellte, das, bis auf den von India hinzugefügten Nachssatz, vermutlich der deutsch-amerikanische Theologe Reinhold Niebuhr schrieb.

"God Grant Me The Serenity To Accept The Things That I Cannot Change,
The Courage To Change The Things I Can,
And The Wisdom To Know The Difference.
And God Give Me The Courage To Love With An Open Heart."



Was für viele zu einem einigermaßen passablen Konfirmationsspruch verkommen ist, meint die afroamerikanische Sängerin aus Denver/Colorado ernst. Und zwar so ernst, dass sie nicht davor zurückscheut, dem Hörer einen tiefen - sehr tiefen - Einblick in ihr Seelenleben zu gewähren. Wer sich jetzt fürchtet, beruhige sich wieder, denn "Testimony: Vol.1, Life & Relationship" handelt zwar von Herzschmerz, Tiefsinn und Vergebung, ist aber so authentisch und musikalisch geerdet, dass es fast nie Gefahr läuft, in den Niederungen des Kitsches zu verschwinden.

Sympathisches Multilatent - India Arie (Foto: Public Address)Sympathisches Multilatent - India Arie (Foto: Public Address)

Fast. Wenn da nicht der Schluss wäre. "This Too Shall Pass" trägt dann doch etwas dick auf, Piano, Glockengebimmel und ein schmachtender Backgroundchor erinnern stellenweise an einen fliegenden R. Kelly. Auch inhaltlich befinden sich beide ähnlich nah an der Tränendrüse. Gut nur, dass diese Nummer auf dem Album recht allein dasteht, vielleicht ist sie deshalb nicht auf der Songliste zu finden, obwohl sie kein „hidden track“ ist? Man könnte sich einfach auf eine persönliche Zugabe an ganz besonders treue Fans einigen, um sich schnell den weitaus erfreulicheren Teilen der Scheibe zu widmen.

Sich in die Kultur der Singer-Songwriter einreihend, erschuf die Sängerin, die oft dem "Neo-Soul" zugeordnet wird, ein Konzeptalbum, das sich ausführlich seinem Gegenstand widmet: Leben und Beziehungen. Es erzählt von dem tiefen Wunsch, sein Herz nicht vor der Liebe und damit vor Verletzungen zu verschließen und fähig zu sein, aus allen schmerzlichen Erfahrungen etwas zu lernen. Intro, Interlude und Outro werden immer von derselben melodischen Thematik getragen und benennen Indias wesentliche Anliegen: "Loving", "Living", "Learning".

"Good morning" schildert mit eindringlichen, weil simplen Bildern die Leere, die eine Trennung hinterlässt. Die fließende, wispernde Attitüde des Stückes erinnert an den etwas verwehten Sade-Charakter. Indias leicht belegte, dunkle Stimme setzt sich mit Leichtigkeit über die drückende Thematik hinweg und lässt schließlich aus einem "Good Morning Silence" ein "Good Morning Acceptance" werden. Erfrischend wirkt die Folgenummer "Private Party", in denen eine etwas überraschte aber auch stolze India ihre eigene Entwicklung vom Mädchen zur Frau beobachtet und sich - aus Mangel an Gästen - schnell mal ein eigenes Stevie-Wonder-"Happy Birthday" trällert.

Das hier begonnene Sujet der Emanzipation führen die Songs "I Am Not My Hair" und "I Choose" weiter, die einen Appell an alle Frauen darstellen, sich nicht über ihr Äußeres definieren zu lassen und stattdessen ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Herzstück des Albums bildet "India´s Song", der sowohl inhaltlich als auch soundtechnisch ebenso von Tracy Chapman stammen könnte. Mit diesem Titel kehrt India zu ihren musikalischen und ethnischen Ursprüngen zurück: Von ihrer Akustik-Gitarre begleitet, besingt sie die Geschichte des afrikanischen Volkes, Sklaverei und Rassismus.

Durch das Album zieht sich ein absolut grooviger Beat, der Nummern wie "There´s Hope" oder "I Choose" aus allen Poren quillt, während "Summer" mit Zupf-Gitarre, Kontrabass, Fiddle- und Mandolinenpassagen eher in die Bluegrass-Richtung schlägt. Nimmt man noch das angerappte "I´m Not My Hair" hinzu, wird deutlich, wie wenig eine festgelegte Beschränkung auf das "Neo-Soul"-Genre tatsächlich mit India.Arie zu tun hat.

India.Arie - "Testimony: Vol.1, Life & Relationship" (Foto: Motown)India.Arie - "Testimony: Vol.1, Life & Relationship" (Foto: Motown)

Die 30-Jährige ist seit zwei Jahren als Botschafterin des Kinderhilfswerkes UNICEF tätig und versucht, teils über ihre Musik, teils über persönliche Einsätze, Wissen zu vermitteln und die Menschen zu inspirieren. So war sie bereits in Kenia, um dort die schulische Grundausbildung von Kindern zu unterstützen.

Ihre Mutter, selbst Sängerin, beeinflusste Indias musikalischen Werdegang stark. So sang India schon als kleines Mädchen im Kirchenchor und spielte Saxophon, Klarinette, Flügelhorn und Trompete, bevor sie zu dem Instrument ihres Herzens, der Gitarre, fand. Ihr im Jahre 2001 erschienenes Debüt "Acoustic Soul" wurde für sieben Grammys nominiert, ein Jahr später gewann das Nachfolge-Album "Voyage To India" schließlich zwei. Mit ihrem Idol Stevie Wonder, den sie als Haupteinflussquelle ihrer Musik nennt, sang sie jüngst im Duett den Titelsong auf dessen neuestem Album "Time To Love".

Nach eigenen Angaben soll das versprochene Folgealbum "Testimony: Vol.2, Love & Politics" bereits in Arbeit sein.

[Franzisca]

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