Chris Corner (IAMX) im Interview

„Ich bin ein solcher Freak!“

published: 23.05.2006

Sympathisch, intelligent, ehrlich und humorvoll: Chris Corner alias IAMX im Interview (Foto: Public Address) Sympathisch, intelligent, ehrlich und humorvoll: Chris Corner alias IAMX im Interview (Foto: Public Address)

Als Kopf der Sneaker Pimps war Chris Corner in den 90er Jahren im Teenager-Alter Teil der Triphop-Szene in England. Jetzt hat er sein zweites Solo-Album unter dem Künstlernamen IAMX (sprich: „I am X“) fertiggestellt. „The Alternative“ betitelt, knallt es nur so vor harten Electro-Beats, Synthi-Sounds sowie schmutzigen Gitarren und betörenden Melodien. Der Songschreiber, Produzent und Sänger behandelt auf der CD wieder existenzielle Themen wie Einsamkeit, Sex, Liebe und Tod und bedient sich dabei Einflüssen von Cabaret und Glam Rock über Punk und Dark Wave. Das Ergebnis: spannend, sperrig, schräg, eingängig und unbedingt empfehlenswert.

Alternativen: Chris Corner oder IAMX (Foto: Public Address)Alternativen: Chris Corner oder IAMX (Foto: Public Address)

Würdest du wirklich gerne als Hund wiedergeboren werden? So lautet ein Songtitel auf Deiner neuen CD.
"Manchmal. Heute bin ich ziemlich ruhig. Ich glaube IAMX ist eine ganz andere Seite von mir. Er ist ganz anders als Chris Corner. Er ist ein bösartiger und frustrierter Teil meiner Persönlichkeit. IAMX würde sehr oft gerne sterben und als Hund wiedergeboren werden."

Warum als Hund?
"Das Leben ist leicht für einen Hund - und kompliziert für IMAX."

Das Album heißt "The Alternative". Was bedeutet das? Ist IMAX die Alternative zu Chris Corner?
"Das ist sehr interessant (überlegt). Ich glaube, Du hast recht. Ich bin immer noch dabei, das Album zu verdauen. Ich habe es ja gerade erst beendet. Ich weiß noch immer nicht, was es wirklich bedeutet. Die Menschen stellen mir Fragen und ich habe noch keine Antworten, weil ich selbst es noch zu verstehen versuche. Wenn ich schreibe, ist das ein sehr komplizierter, emotionaler Prozess. Es ist chaotisch und anfangs macht es überhaupt keinen Sinn. Ich schreibe willkürlich und abstrakt. Am Ende geht es darum, dieses ganze Durcheinander zu filtern. Ich komme allmählich zu dem Punkt, an dem einiges Sinn macht. Ich beginne zu verstehen, was in meinem Kopf passiert. Es ist erstaunlich, wie sehr man sich selbst überraschen kann. Ich liebe dieses Gefühl: Es ist komisch und es passt so gar nicht zu mir. Aber ich habe das gemacht und offensichtlich war ich zu diesem Zeitpunkt in diesem Geisteszustand. Und ich denke, IMAX ist die Alternative zu Chris Corner. Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen."

Chris mag es nicht, wenn man ihm ohne sexuelle Absichten nahe kommt (Foto: Public Address)Chris mag es nicht, wenn man ihm ohne sexuelle Absichten nahe kommt (Foto: Public Address)

Wenn man Deine Freunde fragen würde, was für ein Mensch Chris Corner ist, was würden sie antworten?
"Ich glaube sie würden sagen: 'Er ist ein netter Kerl, ziemlich ruhig, ein bisschen neurotisch und oft sehr reserviert. Nicht konservativ, aber reserviert' (lacht). Ich glaube, so habe ich mich gut herausgeredet."

Was ist Deine Philosophie als Künstler?
"Ich glaube meine Philosophie ist, dass ich nicht befehlen möchte. Ich bin ein sehr emotionaler Künstler. Ich glaube, ich bin von mir selbst besessen. Das meiste von meinen Sachen ist sehr persönlich. Ich will den Leuten nicht sagen, was sie tun sollen. Das Wichtigste für mich ist, dass Kunst emotional, offen und nicht beherrschend ist. Ich möchte, dass die Menschen sich ihren Weg durch die Musik fühlen, weil ich auf diese Weise meinen Weg durch das Leben fühle und nur so meine Kunst machen kann."

Ist das auch Deine Philosophie als Mensch?
"Ja, so ähnlich. Es hängt natürlich davon ab, mit welchem Teil von mir Du sprichst. Ich bin sehr reserviert und praktisch. Ich arbeite viel, bin ein Workaholic, wenn es ums Produzieren geht. Ich bin davon besessen, etwas zu tun, ansonsten fühle ich mich nutzlos. Ich glaube, etwas zu tun, ist sehr wichtig. Meine andere Seite, die IMAX-Seite, tritt auf der Bühne zutage oder wenn ich ein Lied aufnehme. Sie ist dieses Gefühl, dass man dabei empfindet. Es ist die animalische Seite. Die freiere Seite."

Man sieht Tätowierungen an Deinem Handgelenk. Ein Tattoo sieht aus wie ein Swoosh – dieses Markenzeichen des Sportartikelherstellers Nike.

" Ja, das ist es. Du fragst dich wahrscheinlich, warum das da ist."

Haben sie Dir etwas dafür gezahlt?
"Nein. Das hat eigentlich gar nichts mit Nike zu tun. Naja, offensichtlicherweise hat es natürlich doch etwas mit Nike zu tun. Eigentlich war es aber nur Trunkenheit und eine schnelle Entscheidung, die ich treffen musste. Ich habe ein Symbol gesucht. Es gibt viel zu viele Symbole auf der Welt und ich kann mich nie entscheiden - das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich komische Tattoos habe. Ich habe dieses gewählt, weil ich in jenem Augenblick einen Nike-Schuh gesehen habe und ich unbedingt an diesem Tag ein Tattoo wollte. Es war ein Impuls. Und das hier, das ist der Name eines geliebten Menschen."

Chris experimentiert während der Foto-Session mit farbiger Folie (Foto: Public Address)Chris experimentiert während der Foto-Session mit farbiger Folie (Foto: Public Address)

Ist der Name noch aktuell?
"Ja, ist immer noch relevant."

Ich habe gehört, dass man Tattoos auch wieder loswerden kann, wenn man will. Würdest Du das tun?
"Wahrscheinlich nicht. Ich denke nie an die Tattoos, ich schaue sie mir nicht an. Nie, bis mich dann jemand darauf anspricht und fragt: 'Hey, was ist das?'. Ich könnte auch einfach wieder eine Uhr tragen. Ich glaube, deswegen habe ich sie mir auch auf die Handgelenke gemacht. Siehst Du, das ist die reservierte und konservative Seite an mir!"

Du warst schon mit vielen interessanten Bands auf Tour. Gab es da mal ein Erlebnis, das etwas Besonderes war, oder jemanden, der Dich besonders beeindruckt hat?
"Ein Wendepunkt für mich war die Tour mit Placebo. Nicht wegen ihrer Musik oder wegen irgendwelchen künstlerischen Entscheidungen, sondern weil wir so lange getourt sind und ich währenddessen verstanden habe, was es heißt, sich richtig in eine Performance hineinzuwerfen. Das hat mich als Performer wirklich weitergebracht und war sehr wichtig für mich.“

Gibt es Sachen, die Du immer mitnimmst, wenn Du auf Tour gehst?
"Mein Nähzeug. Ich nehme immer ein kleines Nähzeug mit, weil ich so eine komische Figur habe, die Form meines Körpers ist.... O Gott, ich bin ein solcher Freak! Was ich meine ist, es ist wirklich schwer, interessante Klamotten für Jungs mit meiner Größe zu finden. Ich muss immer Klamotten für Mädchen kaufen oder komisches Secondhand-Kleidung. Und dann passen die nie richtig und ich muss sie umnähen. Und eine Schere ist auch immer gut, bei sich zu haben - zum Haare schneiden und so."

Du schneidest Deine Haare selbst?
"Ja. Es ist praktisch und außerdem werde ich nervös, wenn mir Leute körperlich so nahe kommen - ohne sexuellen Kontakt. Oh Mann, das klingt jetzt echt neurotisch, nicht?

Haarschnitt: selbst gemacht (Foto: Public Address)Haarschnitt: selbst gemacht (Foto: Public Address)

Es ist bestimmt schwer, die eigenen Haare zu schneiden.
"Naja, ich mache es jetzt schon jahrelang und habe mich daran gewöhnt. Außerdem ist es doch nur ein großes Durcheinander auf meinem Kopf, also ist es eigentlich egal. Es muss nur in einer bestimmten Weise fallen."

Nochmal wegen dieser Nähgeschichte. Nimmst Du eine ganze Nähmaschine mit?
"Nein, nein. Aber das würde ich gerne machen! Dann könnte man mich hinten im Bus sehen, wie ich nähe. Nein, es sind nur ein bisschen Nähzeug und Sicherheitsnadeln. Man könnte sagen, mein ganzes Leben wird von Sicherheitsnadeln zusammengehalten. Wirklich, ich habe sehr viele Sicherheitsnadeln! Die sind sehr wichtig."

Für was benutzt Du die Sicherheitsnadeln?
"Wenn ich etwas kürzer mache oder wenn etwas nicht die richtige Form hat, dann schneide ich es auf und stecke es mit den Nadeln wieder zusammen. Sehr nützlich diese Sicherheitsnadeln.“

Was machst du, wenn Du Dich entspannen willst?
"Stille ist gut. Wasser ist gut. Untertauchen im Wasser. Ich glaube es ist noch einmal anders, wenn Du auch Produzent bist - nicht nur Musiker. Man ist sehr abgelenkt von jedem Geräusch. Man hört irgendetwas und denkt: ‚Oh, das hört sich interessant an!’ Das ist immer da und deswegen ist es schwer, bei Geräuschen einzuschlafen oder auszuruhen. Stille ist sehr wichtig für mich, um mich zu entspannen."

Wie ist es für Dich, in Deutschland zu sein? Wie erscheint Dir Deutschland?

"Ich glaube, ich habe keine realistische Vorstellung von Deutschland. Ich lebe in Berlin und ich denke nicht, dass Berlin den Rest von Deutschland repräsentiert. Ich liebe Berlin, es hat mir schon immer gefallen. Die Stadt ist entspannt und gleichzeitig bietet sie alles. Du kannst wählen, was du möchtest: Entweder Du verlierst Dich selbst in einem hemmungslosen schwarzen Loch, oder Du sperrst dich weg, arbeitest hart und kriegst gutes Essen. Ich glaube, es ist ein viel ruhigerer, weniger stressiger Ort als London zum Beispiel. Es gibt nicht so viel Konkurrenz, nicht so viel Druck.“

Was ist Dein Ziel mit dem neuen Album?
"Ich würde mir gerne Klarheit schaffen: Klarheit über einige Dinge in meinem Leben. Das Album hilft mir zu verstehen, wo ich hingehe. Es hilft mir mehr als alles andere."

Hast Du dieses Ziel schon erreicht?
"Nein, nein. Es ist der ganze Prozess dieses Albums. Das Touren, die Interviews, die Antworten auf die Songs, Sehen, ob die Leute es mögen oder ob sie es hassen. Die Sache ist, ich mache mir verdammt viele Gedanken darüber, was Leute von mir denken."

Ohne Sicherheitsnadel hält das Jacket nicht (Foto: Public Address)Ohne Sicherheitsnadel hält das Jacket nicht (Foto: Public Address)

Wirklich?
"Ja, wirklich. Ich fange gerade erst an, das selber zu kapieren. Ich will an den Punkt kommen, wo es mir einfach egal ist."

Liest Du Fanpost oder die Forenbeiträge auf Deiner Webseite?
"Nein, die lese ich mir nicht durch. Nein, das würde mich verrückt machen."

Warum nicht? Dort stehen bestimmt viele nette Dinge über Dich.
„Es ist nicht gut, wenn man zu viele Komplimente bekommt, weil das nicht die Wirklichkeit ist. Es könnte wahr sein, ja, vielleicht ist man einfach brilliant. Aber das ist doch lächerlich, im Leben ist nun mal alles relativ. Ich lese diese Beiträge nicht, weil ich nicht will, dass so etwas mir wichtig ist."

Geht es Dir nahe, wenn Dich Leute kritisieren? Wenn Journalisten und Kritiker wirklich unhöfliche Dinge schreiben?
"Das ist nicht so einfach. Es hängt von der Art ab, wie ich kritisiert werde. Wenn es keinen richtigen Grund gibt..."

Ist es dann schmerzhafter oder weniger schmerzhaft?
„Hm (überlegt lange). Wenn ich ehrlich bin, jeder Art von Kritik ist sehr schmerzhaft. Das ist gerade sehr komisch für mich, weil ich das alles noch nie jemandem erzählt habe. Deswegen sollte ich jetzt einfach ehrlich sein. Mir geht jede Art von Kritik an meiner Person sehr nahe. Deswegen vergrabe ich mich immer, arbeite sehr hart und lese nichts von dem, was über mich geschrieben wird. Ich hasse es, wenn es einen Artikel über mich in einer Zeitung gibt. Es ist schrecklich! Ich will nichts damit zu tun haben. Aber deswegen höre ich nicht auf, das zu tun, was ich tue. Es ist mir einfach völlig egal. Deswegen sollte ich die guten Sachen, die über mich geschrieben werden, auch nicht hören - weil wenn ich mir nur das Gute anhöre, fange ich noch an, es zu glauben.“

Das ist interessant. Arbeitest Du schon an neuen Sachen oder konzentrierst Du Dich im Moment nur auf die Tour und Deine Auftritte?
"Meine ganze Aufmerksamkeit schenke ich zurzeit praktischen Dingen. Diese Vorbereitung bedeutet viel Stress, viel Spannung, viele schlaflose Nächte. Aber dann geht man auf Tour und auf der Bühne fällt diese ganze Spannung von einem ab. Wenn ich auf Tour bin, gibt es nichts anderes in meinem Kopf. Beim Touren geht es um geballte Energie. Du sammelst Deine Energie, wenn Du aufstehst, wenn du isst und wenn Du noch einmal 15 Minuten im Bus schläfst. Und diese ganze gesammelte Energie ist für diese eine Stunde am Abend, in der Du auf der Bühne stehst. Und dann explodierst Du. Nach der Show bist Du leer. Das ist mein Leben auf der Tour: Da bleibt keine Zeit für Kreativität. Aber es gibt noch ungefähr zehn Songs, die ich nicht für dieses Album benutzt habe. Ich hoffe, ich kann davon noch etwas herausbringen, vielleicht auf dem nächsten Album, vielleicht in einer Special Edition."

Vielleicht auf einer Tour-DVD?
"Ja, wenn ich es aushalten sollte, mir das anzuschauen!"

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

Mehr

Corona-App zum Download bereit
#Blackouttuesday: Schwarze Bilder auf Instagram
"Die Zerstörung der Presse": Rezo kritisiert Medien

Gefällt's? Teile es.

Das könnte dich auch interessieren:

Services
Service

Hochschulkarte

Suche

Mimadeo / shutterstock.com
Über 19.000 Studiengänge an 747 Hochschulstandorten
Werbung
Werbung
Werbung
Werbung