CD-Tipp

Madeleine Peyroux - „Half The Perfect...“

published: 30.08.2006

Madeleine Peyroux - "Half The Perfect World" (Foto: Universal) Madeleine Peyroux - "Half The Perfect World" (Foto: Universal)

Ist der Jazz inzwischen zu einem zeitlosen Musikstil geworden? Schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts findet die Musikrichtung, die den Grundstein für die Entwicklung der Popularmusik gelegt hat, ihre Anhänger und Liebhaber. In den letzten Jahren haben junge Künstlerinnen wie Norah Jones und Renee Olstead gezeigt, dass mehr Assoziationen zu Jazz als nur die verstaubten Schallplatten der Eltern und Großeltern möglich sind. Madeleine Peyroux (ver)führte ihre Zuhörer schon 1996 mit ihrem Album „Dreamland“ in die Welt der jüngeren Jazzinterpretation.

Allerdings verschwand Peyroux nach diesem Erfolg für acht Jahre von den Brettern, die die Welt bedeuten, in den musikalischen Untergrund und ließ mit ihrer Billie-Holiday-Stimme eine große Lücke in der modernen Jazzgeschichte zurück. Diese Lücke konnte leicht wieder geschlossen werden, als Peyroux 2004 ins Rampenlicht zurückkehrte, als sie das Album „Careless Love“ veröffentlichte, für das sie mit dem Songwriter und Produzenten Larry Klein (Joni Mitchells Ex-Ehemann) zusammenarbeitete. Die Kooperation setzt sie jetzt auf ihrem aktuellen Album „Half The Perfect World“ fort und beweist, dass weder die Ära des Jazz noch ihre eigene Ära der Vergangenheit angehören.

Ihre rauchige Stimme drückt die Art von melancholischer Resignation aus, mit der bereits die Jazzikonen der 30er Jahren ihre Fans in ästhetische Traurigkeit und Schwermut versetzte. Wenn Madeleine Peyroux auf ihrem neuen Album „I'm All Right“ (in gleichnamigem Lied) singt, fällt es dem Zuhörer schwer, dem Text Glauben zu schenken, weil der seufzende Ton von Peyroux' Gesang eine ganz andere Wahrheit spricht.

Der trübsinnige Charme, den sie ihrer Musik verleiht, wirkt authentisch, da er ihre Lebenserfahrung widerspiegelt. Im Alter von 16 Jahren beginnt Peyroux, in Paris als Straßenmusikerin zu arbeiten und zieht später mit ihrer Band durch Europa, bevor sie ein Mitarbeiter der Atlantic Records entdeckt. Als sie sich nach dem ersten Album „Dreamland“ zurückzieht, scheut sie sich nicht, wieder auf der Straße zu singen.

Als Titel für die neue Platte diente das Lied „Half The Perfect World“ von Leonard Cohen, das Peyroux mit ihrer einfühlsamen Stimme passend zu der sanften Wiege des Walzer-Rhythmus' interpretiert. Vielleicht wählte sie gerade dieses Lied als Albumtitel aus, weil der Titel auf ihre Biografie zu passen scheint: Sie erlebte einerseits die bunte Glitzerwelt eines Stars, andererseits die graue Alltagsrealität, der sie ihre faszinierend triste Gesangskunst verdankt.

Neben den Cohen-Liedern finden sich auf der Scheibe noch Stücke von Tom Waits, Fred Neill und Joni Mitchell. Das Spektrum der Songs, die Peyroux zusammen mit Klein geschrieben hat, reicht von langsamen Walzern („Once In A While“) bis zur schwungvollen Melodie des Lieds „All I Need Is A Little Bit“. Eine wehmütigere Stimmung findet sich in dem Song „The Summer Wind“, der seinen schwerfälligen Rhythmus dem Zuhörer wie langsam stöhnende Atemzüge ins Ohr haucht. In Charlie Chaplins Lied „Smile“ arbeitet Peyroux' Stimme perfekt mit dem einsamen Saxophon zusammen, um das Publikum in ihre verführerische Melancholie einzuhüllen.

Wer sich der Sanftmütigkeit von „Half The Perfect World“ hingibt, wird von den anmutig tristen Liedern sowohl musikalisch als auch seelisch profitieren. Es spielt keine Rolle, ob man das Album als erstes Jazz-Exemplar in sein Regal stellt oder seiner riesigen Jazz-Kollektion hinzufügt, Madeleine Peyroux' Aufnahmen zeigen, dass der Jazz in der Zukunft noch viele Liebhaber umgarnen wird.

[Judith Praßer]

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