CD-Tipp

Camouflage - "Relocated"

published: 29.08.2006

Camouflage - "Relocated" (Foto: SPV) Camouflage - "Relocated" (Foto: SPV)

Es ist Herbst. Die Bäume befreien sich langsam vom Sommerlaub und verfärben sich goldgelb und orange. Letzte Sonnenstrahlen locken einsame Spaziergänger vor die Tür, eine lange Allee mit nicht ganz entblätterten Linden liegt friedlich im Halbschatten.

Würde nicht auf einmal ein dicker Marshmallow im Weg stehen, wäre dies die vollkommene Idylle. Aber er steht da, ein kleines Mädchen an der Hand haltend, als ob es das Normalste der Welt wäre. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich der süße Schaumgummimann als Astronaut, der angesichts der absolut irdischen Umgebung unglücklich platziert wirkt.

Aber das war wohl Absicht, denn das Album zum gerade beschriebenen Cover heißt „Relocated“ und stammt von den schwäbischen Elektro-Poppern Camouflage. Allerdings ist dies auch zunächst das einzige, das an der Scheibe neu angeordnet erscheint. Kaum erklingen die ersten Töne von „We Are Lovers“ wird man an große Pop-Evergreens wie „The Great Commandment“ oder “Love Is A Shield” erinnert. Schnell findet man sich wieder in die typischen Synthie-Sphären des Trios ein. Und so erklärt sich schließlich auch das Cover als logische Folge von atmosphärischem Sound und spätherbstlicher Melancholie.

Mit ihrem typischen Depeche-Mode-Flair im Handgepäck melden sich die ehemaligen Schulfreunde Heiko Maile, Marcus Meyn und Oliver Kreyssig nach drei Jahren zurück. Titel wie „The Pleasure Remains” oder
„Dreaming” knüpfen in gewohnter Pop-Manier an die Neunziger an (selbst die Idee zu letzterem stammt noch aus der alten Schatztruhe). Etwas moderner aber durchaus typisch gestaltet sich die Vorab-Single „Motif Sky“, die mit einem Flügelhorn-Solo und sanften Gitarren dazu einlädt, besagten Marshmallow in Gedanken ein wenig zu begleiten.

Wie isoliert sich die Welt aus einem Astronautenhelm betrachten lässt, vermittelt der einsame Gesang von Keyboarder Oliver in „Real Thing“. Langsam gleitet der Hörer nun immer tiefer in entfernte Galaxien und lässt sich schwermütig treiben. Dann wird es mit den schrubbigen Gitarren und drahtigen Synthesizern von „Passing Bye“ ungemütlich. Ein wabernder Bass befördert den eben noch chillenden Weltraumreisenden geradewegs in bevölkerte Industriehallen, wo er nachtspaltenden Lazerstrahlen ausweichen muss.

Besonders die von Oliver gesungenen Nummern heben sich vom Rest des Albums ab. So bildet „Confusion“ eine ganz eigene Rhythmik aus, deren bluesiges Temperament durchaus zum Mitnicken anregt. Auch „Bitter Taste“ verdient den Stempel „anders“. Ein summender Einstieg, knisterndes Plattenspielerambiente und das xylophonige Keyboard trennen den Song vom gewohnten Camouflage-Gemüt.

In "The Perfect Key" zeigt sich das Balladenpotenzial der Scheibe. Eine entspannte Akustik-Gitarre und der reduzierte Einsatz von Instrumenten rückt Marcus´ ruhige, warme Stimme ins wohlverdiente Zentrum. Umso mehr fällt das metallische Zwischenspiel aus der Reihe, das kühl und monoton ein hartes Gegenstück zum Rest des Songs bildet.

Die beiden Instrumentalstücke „Stream“ und „Light“ bedürfen keiner weiteren Erklärung, trifft die gelungene Namensgebung den Nagel doch auf den Kopf. Mit „How Do You Feel“ findet das Album ein überzeugendes Ende, die Schunkelnummer hinterlässt mit seinem tiefschürfenden Flair und tragischen Chor einen süßlich-bitteren Geschmack auf dem Gehörgaumen.

Camouflage haben ein passables Studioalbum abgeliefert, das ohne große Achterbahnfahrten auskommt. Trotz weniger Ausschläge gen Himmel oder Hölle bietet es abwechslungsreiche Titel, die eine breite Palette an Emotionen bedienen. Camouflage-Fans werden bestimmt nicht enttäuscht, für andere Hörer wird sich sicher das ein oder andere Highlight finden.

[Franzisca Teske]

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