"Ich bin in festen Händen"

Roger Cicero im Interview

published: 19.09.2006

Roger Cicero bringt "Männersachen" in die Charts  (Foto: Public Address) Roger Cicero bringt "Männersachen" in die Charts (Foto: Public Address)

Davon, dass er den Müll rausbringen, aufs Kind aufpassen und dann aufräumen solle, sang noch kein Mann so augenzwinkernd anklagend wie Roger Cicero. Seine ersten Single "Zieh die Schuhe aus" katapultierte das dazugehörige Album "Männersachen" ganz oben in die deutschen Charts. Mit Texten von Frank Ramond (Annett Louisan) und swingendem Bigband-Sound meint man fast, ein moderner Cole Porter habe da komponiert und mache sich mit süffisanter Feder über die Geschlechterrollen der Gegenwart lustig. Traurigere Töne schlägt Cicero auf der neuen Single "Ich atme ein" an. Seine dynamische Phrasierung ist ab November auch live zu erleben.




Tourdaten:
15.11.06 Lüneburg/Vamos!
16.11.06 Hamburg/Laeiszhalle
23.11.06 Hannover/Theater am Aegi
24.11.06 Stuttgart/Theaterhaus
25.11.06 Freiburg/Konzerthaus
26.11.06 Bochum/Jahrhunderthalle
28.11.06 Frankfurt/Alte Oper
29.11.06 Lübeck/Musik- und Kongresshalle
07.01.07 Bremen/Glocke
08.01.07 Berlin/Admiralspalast
09.01.07 Bielefeld/Rudolf-Oetker-Halle
11.01.07 München/Philharmonie
12.01.07 Braunschweig/Jazzfestival
13.01.07 Dortmund/Konzerthaus
14.01.07 Düsseldorf/Tonhalle
16.01.07 Dresden/Kulturpalast
17.01.07 Erfurt/Alte Oper
18.01.07 Mannheim/Rosengarten

Die Songtexte Deines Albums "Männersachen" spielen mit Männer-Klischees wie dem Macho und dem Pantoffelhelden. Wo würdest Du Dich da persönlich einordnen?
"Wir beschreiben in den Texten auf dem Album, dass Macho und Pantoffelheld nebeneinander existieren können, ohne sich zu widersprechen. Das spiegelt die heutige Zeit wider. Ich sehe mich selber in der Mitte eingeordnet. Ich bin sehr gerne Mann und genieße das."

Sammelst du Autos?
"Vielleicht Modellautos. Für eine richtige Autosammlung habe ich noch nicht genug Platten verkauft. Im Moment besitze ich kein Auto, sondern fahre Fahrrad. Ich hoffe, dass ich demnächst mit einem Auto anfangen kann. Ich weiß noch nicht, welches Modell es sein wird. In dieser Hinsicht bin ich ein typischer Mann: ich kann mich für alles, was vier Räder hat, begeistern."

Kochst Du gerne?
"Ja, sehr gerne. Ich koche ganz gut. Zumindest schmeckt es den Leuten immer, für die ich koche. Das habe ich von meinem Vater, der ein leidenschaftlicher Koch und vor allem ein leidenschaftlicher Esser war."




Welches Gericht kannst Du besonders gut?
"Die Klassiker: alle möglichen Pasta-Saucen. Mit Saucen kann ich mich stundenlang aufhalten. Ansonsten koche ich Aufläufe und habe eine spezielle Art der Salatzubereitung. Meistens habe ich ein Gericht, das ich eine Zeitlang besonders oft koche, bis das Rezept hundertprozentig stimmt. Dann gehe ich zum nächsten Gericht über."

Wie kommt ein hipper junger Mann wie Du dazu, Swing-Musik zu machen?
"Ich habe mich mein halbes Leben mit Jazz beschäftigt und auch Jazz-Musik studiert. Meinen ersten bewussten Kontakt mit dieser Musik hatte ich, als ich 18 war. Damals durfte ich beim Bundesjugend-Jazzorchester als Gast mitmachen. Das war das erste Mal, dass ich vor einer Big Band stand: sehr beeindruckend. Dabei ist mir auch klar geworden, dass es nicht leicht ist, diese Musik zu machen und man dafür viel üben muss. Jazz ist keine Musik, die sich einem schnell erschließt."

Viele jüngere Leute kennen Swing nur von Michael Bublé und Robbie Williams. Wie findest Du es, wenn Popstars alte Klassiker einspielen?
"Ich finde das klasse. Jede Verbreitung dieser tollen Musik ist positiv. Obwohl Robbie Williams kein Jazz-Sänger ist, hat man gemerkt, dass er sich gut eingearbeitet hat. Es ist irre, was er auf der Bühne macht. Mit seiner Ausstrahlung ist er als Entertainer unglaublich. Deswegen finde ich es super, dass er sich entschlossen hat, diese Art von Musik zu machen. Außerdem finde ich es sehr mutig, dass er sich daran getraut hat. Es ist ihm von Herzen zu gönnen, dass er mit dem Projekt solch großen Erfolg hatte. Michael Bublé ist für mich ein wirklicher Jazz-Sänger. Als ich ihn im Stadtpark Hamburg gesehen habe, war ich total beeindruckt, weil er ein ausgezeichneter und exzellenter Sänger ist. Er ist ein super Typ auf der Bühne und ich fand ihn wirklich cool."

Denkst Du, dass Du ihn stimmlich noch übertreffen kannst?

"Ich singe anders. Michael Bublé ist ein typischer Crooner. Ich hingegen bin kein Crooner, weil meine Wurzeln im Jazz und vor allem im Soul sind. Daher mag ich es, mit größerer Energie zu singen und stimmlich an meine Grenzen zu gehen. Meine Vocals sind mit großer Kraft gesungen. Ein Crooner hingegen ist total entspannt und muss immer locker sein. Jeder Ton klingt gleich. Das war das Tolle an Frank Sinatra: Ob er ein tiefes F oder ein hohes G gesungen hat - es war immer dieselbe Klangfarbe. Das ist es, was auch Michael Bublé famos macht. Ich möchte lieber richtig loslegen und soulig singen."




Hast du Vorbilder, die ebenfalls mit dieser dynamischen Kraft singen?
"Stevie Wonder steht an erster Stelle. Ich bin mit ihm aufgewachsen, denn ich habe ihn als 12-Jähriger entdeckt und dachte zuerst, er sei eine Frau. In den darauf folgenden zehn bis 15 Jahren bin ich nicht mehr von ihm losgekommen. Auch Al Green, George Benson und Al Jarreau haben mich sehr beeinflusst. Ich habe sie rauf- und runtergehört und nachgemacht. Es war ein besonderer Moment, als ich mit der Soulounge als Vorband für George Benson aufgetreten bin: Er stand beim Soundcheck auf der Bühne und erzählte aus seinem Leben und hat über die Aufnahmen zum Album 'Breezin' geredet. Ich wusste, dass er 'Breezin' gemacht hatte, weil ich die Platte mindestens 500 Mal gehört habe! Da musste ich mich konzentrieren, damit mein Mut mich nicht verlässt."

Du greifst auf ältere Musik zurück. Stehst Du sehr auf Retro?
"Ja, ich greife auf die Musik zurück und stehe auf Retro-Sachen, wenn sie nicht den Retro-Duft haben. Ich stehe überhaupt nicht auf Flohmärkte. Vielleicht liegt das daran, dass mein Onkel Antiquitäten sammelt. Er kauft Bilder und kennt sich damit gut aus. Jeden Sonntag geht er zum Flohmarkt, um Schnäppchen zu suchen. Als ich ein Kind war, hat er mich oft mitgezerrt. Das war für mich das Grauen und die langweiligste Zeit der Woche. Deswegen mache ich jetzt immer einen großen Bogen um Flohmärkte."

Wie bist Du zu Hause eingerichtet?
"Ich habe vor allem alte Sachen. Zum Teil sind das Möbel, die noch aus meinem Elternhaus stammen. Das sind schöne Einzelstücke, die ich immer mitgenommen habe. Sie liegen mir sehr am Herzen, also werde ich sie nie weggeben, damit sie mich immer begleiten. Einen Stuhl habe ich gerade restaurieren lassen. Außerdem habe ich einen alten Bauernholzschrank, der über 100 Jahre alt ist. Dafür musste ich aber nicht auf den Flohmarkt gehen, weil es bei mir in der Nähe einen tollen Antiquitäten-Laden gab."

Du machst schon lange Musik, aber dieses Projekt ist neu. Wie kam es zu dieser Konstellation und zu den deutschen Texten?
"Mit einer Big Band zu spielen, war für mich kein großer Sprung, weil diese Art von Musik meine Wurzeln sind. Ich habe solche Musik schon immer gemacht, zu manchen Zeiten intensiver als zu anderen. Die einzige neue Idee war, es mit deutschen Texten zu probieren. Mit der Idee, Musik einer Big Band mit deutschen Texten zu kombinieren, war der Sprung zu dem Texter Frank Ramond nur noch klein. Mein Management hat den Kontakt hergestellt. Dann haben wir uns getroffen und er war schnell davon angetan."

Hast Du in Hamburg einen Lieblingsplatz und was machst Du dann dort?

"An Hamburg liebe ich das Wasser und den Hafen. Jeder Ort, von dem aus man den Hafen sieht, ist für mich ein Lieblingsplatz. Als wir neulich das Video gedreht haben, waren wir in einem Hotel, das sehr nah am Wasser war. Wenn man vom Fischmarkt Richtung Ottensen geht, kommt man hinter den Fisch-Auktionshallen zu einem Apartment-Hotel, in dem wir für den Dreh ein Zimmer gemietet haben. Das Haus war fast direkt am Wasser. Man schaute auf den Hafen, was ein großartiger Ausblick war. Das ist für mich etwas Spezielles und Besonderes an Hamburg. Ich mag auch die Geräusche, die dumpfen Laute auf der Elbe. Auf mich hat es eine beruhigende Wirkung, dass der Hafen 24 Stunden in Betrieb und immer beleuchtet ist. Das ist für mich ein Synonym dafür, dass das Leben immer weitergeht."

Was würden Deine Freunde sagen, wenn man sie fragen würde, was für ein Mensch Du bist?
"Ich glaube, gute Freunde würde meine Ehrlichkeit schätzen. Außerdem kann ich Situationen gut erfassen, in denen jemand ein Problem hat. Ich habe einen sehr guten Blick von außen, mit großer Klarheit."




Wie wichtig sind Klamotten für Dich?
"Sie werden immer wichtiger. Es gab Zeiten, in denen mir das nicht sehr wichtig war. Zwar bin ich nicht in dreckigen Klamotten herumgelaufen, aber es war für mich nicht besonders wichtig, mich unglaublich zu stylen. Im Moment habe ich großen Spaß daran."

Wie steht es mit Frisuren?
"Die Haare müssen kurz sein. Jetzt sind sie mir schon zu lang. Ich muss unbedingt zum Friseur, aber habe einfach keine Zeit."

Trägst die Mützen nur für Dein Image oder auch privat?
"Ich habe immer gerne Mützen getragen, auch Baseball-Caps. Hüte gehören für mich zur Bühne."

Die nächste Single soll "Ich atme ein" werden - ein trauriges Lied. Verbindest Du etwas Besonderes damit?
"Ich verbinde mit jedem Song, den ich singe, eine persönliche Erfahrung. Ich schaue ich mir die Songs vorher an, um zu sehen, ob mich der Song anspricht und ich etwas damit verbinden kann. Wenn ich das nicht kann, kann ich den Song nicht singen. Deswegen ist 'Ich atme ein' etwas Besonderes. Ich verbinde auch mit diesem Lied private Erfahrungen."

Worum geht es für Dich in dem Song?
"Was ich an dem Song schön finde sind die Passagen 'Ein Tag nach dem anderen, ein Schritt vor den anderen, nur noch ein- und ausatmen.' Die einzige Antwort, die man auf Dinge hat, die einen sehr mitnehmen, auf unangenehme Gefühle oder auf Schmerzen, ist, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das sagt der Song aus. Diese Erfahrung habe ich selber gemacht. Es ist der einzige Weg, sich auf den Moment zu konzentrieren."

Wie sieht Dein Privatleben aus? Bist Du noch zu haben oder in festen Händen?
"Ich bin in seit zwei Jahren festen Händen."

Du machst demnächst eine neue, größere Tour. Wie darf man sich das Programm vorstellen?
"Ich habe eine elfköpfige Band hinter mir. Acht von ihnen sind Bläser, und der Rest bildet die Rhythmus-Gruppe, die aus Schlagzeug, Bass und Klavier besteht. Es wird ein längeres Programm, denn wir werden mindestens zwei Stunden spielen."

Gibt es neben den Album-Songs auch Cover-Versionen?
”Wir werden neben den Albumtiteln natürlich auch den einen oder anderen Coversong zum besten geben. Natürlich in besonderen Versionen. Aber mehr wird noch nicht verraten.”

Dein Texter Frank Ramond schreibt ja auch für Annett Louisan. Habt Ihr beide mal überlegt, ein Duett aufzunehmen?
"Das ist eigentlich zu offensichtlich. Aber ich lebe nach dem Motto: 'Sag niemals nie'..."

Mit wem würdest Du gerne zusammenarbeiten?
"Es wäre eine riesige Ehre für mich, Stevie Wonder die Hand zu schütteln. Auch Prince wäre ein heißer Kandidat. Von ihm bin ich ein unfassbarer Fan, denn ich habe alle seine Platten. Er ist sehr beeindruckend als Künstler und ist ein Genie. Mehrere Male habe ich ihn live gesehen: eine riesige Show. Als er neulich in Hamburg im CCH gespielt hat, hat er sich einfach auf die Bühne gestellt und zwei Stunden gesungen, ohne große Faxen zu machen. Das hat mich total weggehauen."

Hast Du ein Ziel mit dem neuen Album?
"Was ich mir mit dem Album gewünscht habe, ist schon eingetreten: Leute, die normalerweise nicht viel mit Swing, Jazz und Big Bands zu tun haben, begeistern sich auf ein Mal für diese Musik. Durch die Texte und die neuen Stücke sollen sie sich angesprochen fühlen. Und das passiert im Moment schon."

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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