„Rezepte haben wir nicht“

2raumwohnung im Interview

published: 01.02.2007

Tommi Eckart und Inga Humpe sind 2raumwohnung (Foto: Public Address) Tommi Eckart und Inga Humpe sind 2raumwohnung (Foto: Public Address)

Eigentlich sollten Inga Humpe und ihr Freund Tommi Eckart im Jahr 2000 nur einen Werbespot mit Musik unterlegen. Doch dann kam alles ganz anders: Der Song wurde zum Geheimtipp und gelangte durch einige Berliner Radiostationen zu lokalem Ruhm. Nachdem Humpe und Eckart das Stück in voller Länge unter dem Titel "Wir trafen uns in einem Garten" veröffentlichten, ging es für das Duo auch im Rest der Republik schnell bergauf.

Mit ihrer ganz eigenen Sound-Mischung aus elektro-poppiger Leichtigkeit, umweht von einer Brise Melancholie, gelingt 2raumwohnung ganz schnell der Durchbruch. Vor allem Inga Humpes samtweiche Stimme und ihre deutschen Texte schmiegen sich ins Ohr der Fans. Nach fünf erfolgreichen Alben veröffentlichen Humpe, die bereits in den späten 70ern mit ihrer Schwester Annette die deutsche NDW-Szene aufmischte, und Eckart nun ihr neues Album "36 grad". Im Interview plaudern die beiden über ihre Vorliebe für Housemusik und verraten, dass sie fast mal in den Süden ausgewandert wären.

* Eure Musik hat einen klaren Bezug zu elektronischen Sounds. Geht Ihr eigentlich noch viel in Clubs?
Inga Humpe: "Nicht permanent, das kommt immer in Wellenbewegungen. Aber jetzt hat das 'Cookies' in Berlin wieder auf. Da werden wir auf jeden Fall hin gehen."

* Verfolgt Ihr denn die aktuelle Musik, die in den Clubs läuft?
Inga: "Ja"
Tommi: "Im Moment eher weniger. Das spielt ja auch eine Rolle bei der Auswahl der Remixer. Wir nehmen ja hauptsächlich Leute, die wir interessant finden."

* Wie würdet Ihr "36 grad" beschreiben?
Inga: "Es ist vielleicht ein bisschen wie eine Oper in drei Akten. Der erste Akt ist Pop und der zweite Akt ist Club. Und der dritte heißt ‚Komm nach Hause’.
Tommi: "Das ist dann der introvertierte Part."
Inga: "Pop gibt es ein bisschen mehr als sonst."

* Ihr legt auch gelegentlich Platten auf. Habt Ihr das schon vor 2raumwohnung gemacht?
Tommi: "Ja aber im Moment machen wir das weniger. Wir machen auch so viele Sachen gleichzeitig. Vorletztes Jahr haben wir das Album "Melancholisch schön" gemacht und live gespielt. Da hatten wir keine Zeit mehr zum Auflegen. Das letzte Mal aufgelegt haben wir in der Silvesternacht 2005/2006. Für 2006 hatten wir uns vorgenommen, nur an dem Album zu arbeiten."
Inga: "Wir haben gelernt, dass es mehr Spaß macht, sich auf eine Sache zu konzentrieren, als vier Sachen nebeneinander zu machen."

* Mit Eurer Musik verbreitet ihr viel positive Energie und gute Laune. Habt Ihr ein Rezept, um Euch die gute Laune zu erhalten?
Inga: "Wir haben nicht permanent gute Laune. Wenn wir schlechte Laune haben, dann arbeiten wir nicht."
Inga: "Mit schlechter Laune kann man nicht singen."
Tommi: "Das ist vielleicht auch Typsache. Rezepte haben wir nicht. Es hat damit zu tun, was wir so glauben, was man so machen kann in der kurzen Zeit, in der wir hier auf der Erde sind."
Inga: "Wir können uns das nicht leisten, hier schlecht gelaunt rumzuhängen. Wir haben ja nichts zu beklagen. Was sollen wir denn in dem Moment, in dem wir sterben, denken? Dann fragst du dich: Was habe ich denn aus dieser schönen Zeit gemacht?"

* Das hört sich nach dem "Carpe-Diem"-Prinzip an?
Inga: "Ja, ich finde das klasse, wenn Leute einen Beruf haben, wo sie etwas für Leute machen können. Als Schuster, Arzt oder Koch kannst du Menschen Freude bringen."

* War das ein Ansporn für euch, Musiker zu werden?
Inga: "Nee, damals war das reine Eitelkeit. Ich wollte aus meiner kleinen Stadt raus."
Tommi: "Bei mir war es eher Musikbesessenheit. Ich war da wie ein Junkie: Ich brauchte die ganze Zeit Musik."

* Eure Musik klingt immer unangestrengt und leicht. Ist das Produzieren überhaupt Arbeit für Euch?
Inga: "Klar ist das Arbeit. Bis Leute dahin kommen, dass es sich leicht anhört, da müssen die schon was können."
Tommi: "An diesem Album haben wir elf Monate gearbeitet.

* Eure Single "Besser geht’s nicht" ist mit Peter Plate von Rosenstolz entstanden. Gibt es eine musikalische Verwandtschaft mit Rosenstolz?
Inga: "Wir sind schon lange befreundet. Denen spielen wir unsere Musik vor und sie spielen uns ihre vor. Wir verraten uns alle Geheimnisse aus dem Business, die keiner wissen darf. Wir waren im Urlaub bei ihnen und haben diese zwei Stücke zusammen geschrieben. ‚Besser geht’s nicht’ und ‚36 grad’. Das hat erstaunlicherweise ziemlich gut geklappt. Es ist nicht leicht jemanden zu finden, mit dem wir arbeiten können."

* Das Video zu dem Song beschreibt eine chaotische Familienfeier. Habt Ihr so etwa selber schon erlebt?
Inga: "Ja, permanent. Wir haben beide Familien, die nicht so funktionieren, wie wir uns das wünschen."
* Würdet ihr eigentlich von euch sagen, dass ihr Sommermenschen seid?
Tommi: "Wir waren mal für ein paar Monate auf Lanzarote. Da leben viele Aussteiger. Wir haben dort von Januar bis April ein Haus gehütet, das einem Freund gehört. Davor wollten wir aussteigen. Aber danach nicht mehr. Dauernd Sommer bringt es auch nicht. Da kann man zum Beispiel nie Ski fahren."

* Wie seht Ihr die Entwicklung der deutschsprachigen Pop-Musik in den letzten Jahren?
Tommi: "Positiv. Da es trotz des anfänglichen Widerstandes der Radiosender sehr viel Musik gibt. Viele Bands, viele Fans, das finde ich positiv. Negativ ist, dass es nicht so viele Musikstile gibt. Die meisten Mainstreamdinger haben einen ziemlich konservativen Rocksound."
Inga: "Wir verstehen aber nicht, warum Sachen wie die von International Pony nicht so viel Beachtung finden. Obwohl das mal was anderes ist."
Tommi: "Vielleicht hat das mit dem kaputten kulturellen Selbstbewusstsein der Deutschen nach dem Krieg zu tun. Denn Musikstile wachsen ja sehr langsam. Du machst ja später auch das, was dich als Teenie geprägt hat. Man merkt schon, dass das mit dem Selbstverständnis noch nicht ganz funktioniert."
Inga: "Wir haben ja eine starke Beziehung zu diesem ganzen Frenchpop. Das ist eine tolle Musik, die hat so was Weiches und Verspieltes und ist trotzdem nicht englisch oder amerikanisch.

* Würdet Ihr Euch eigentlich als politische Menschen beschreiben?
Inga: "Klar sind wir politisch. Wir sagen aber nicht, dass man Lieder machen muss, die aufrufen oder anklagen oder auf Missstände hinweisen. Das wird schon in allen anderen Medien gemacht, da müssen wir nicht auch noch darüber sprechen."

* Inga, wie siehst Du denn heute Deine NDW-Zeit?
Inga: "Das war halt eine völlig andere Zeit. Es war sicherlich prägend, aber ich bin trotzdem froh, das es vorbei ist."

* Wieso?
Inga: "Es war kälter und härter. Ich fand es nicht so schön damals. Es war eine patzige Zeit. Dieses ganze patzige Gehabe."
Tommi: "Die Konzerte waren auch anders. Beim Soundcheck musste man sich erst mal mit dem Mischer streiten. Um Dezibel und Lautstärke wurde Krieg geführt. Die Bands haben sich unter keinen Umständen gegrüßt. Heute gehen die Bands auf einem Festivals nett und respektvoll miteinander um."

* Wie ist das eigentlich für Euch, privat ein Paar zu sein und miteinander zu arbeiten?
Tommi: "Das ist manchmal gut und manchmal schwierig. 2raumwohnung gibt es jetzt schon sieben Jahre. Das überstehen wir auch nicht lächelnd auf Liebeswolken."

* Aber wie geht Ihr damit um? Schließlich wollt Ihr zusammen einen kreativen Prozess ankurbeln?
Tommi: "Es gibt da bestimmte Strategien. Die Nähe, die Musik herstellt, hat auch eine positive Rückwirkung. Wenn wir verschiedener Meinung sind, halten wir es relativ oft so, dass wir das nicht ausdiskutieren, sondern den Gegensatz erst mal im Raum stehen lassen. Und dann gucken wir ein paar Tage später wieder drauf, dann löst es sich von allein. Wir diskutieren schon vieles mit einem rechthaberischen Aspekt. Aber gerade in der Musik zeigt sich der Weg eigentlich von allein."

* Viele Menschen verbinden Eure Musik mit Berlin. Wie hat Euch die Stadt beeinflusst?
Tommi: "Berlin ist eine spezielle Stadt, die vor 15 Jahren noch geteilt war. Das ist ein politischer Hintergrund. Da sind zwei Länder zusammengewachsen. Das merkt man, glaube ich, auch heute noch. Es herrscht eine große Offenheit. Viele Leute können sich in Berlin selbst verwirklichen. Es gibt die obskursten Läden in den Straßen. Diese Vielfalt ist inspirierend. Wir saugen das alles auf wie ein Schwamm, das findet sich alles in der Musik wieder."

* Mit Eurem Label, it sounds, vereint Ihr ganz unterschiedliche Stile unter einem Dach. Wonach wählt Ihr Eure Künstler aus?
Tommi: "Ursprünglich wollten wir was Deutschsprachiges machen, um das ein bisschen zu fördern. Das hat sich inzwischen geöffnet. Wir haben ja zum Beispiel Titus und Tarantula mit dabei."
Inga: "Das einzige Kriterium ist die Persönlichkeit der Künstler. Das ist das Entscheidende. Das interessante an Musik ist, wenn die Persönlichkeit des Künstlers durch seine Musik hervortritt. Deswegen zum Beispiel auch El*ke. Bei denen kommen die Persönlichkeiten raus, das sind echte Typen. Was die sind, findet sich eins zu eins in der Musik wieder, die sie machen. Die verschicken einfach was von ihrer Welt auf dem Album. Ein Künstler muss Überschuss haben, um etwas geben zu können. Es gibt zwar auch Erfolge, die anders passieren, aber dann weiß der Künstler nicht warum. Das ist dann immer schwer, das auszuhalten. Wenn du nicht weißt warum du Erfolg hast, weißt du natürlich auch nicht, wie du das noch mal schaffst."

[Jörg Römer]

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2raumwohnung // Inga Humpe & Tommi Eckart Schon über zwei Jahrzehnte sind Inga und Tommi zwei der wichtigsten Protagonisten des deutschsprachigen Elektropops - wenn nicht sogar das Aushängeschild des Genres. 20 Jahre, seit "Wir Trafen Uns In einem Garten" das Lebensgefühl des vereinten Party-Berlins im Sommer 2000 so treffend beschrieb, wie es seitdem kaum ein Popsong geschafft hat. 2RAUMWOHNUNG veröffentlichten acht Alben, verkauften über 1.000.000 Tontränger, machten Remixe (Ennio Morricone, Herbert Grönemeyer, „Trip to Asia“), Soundtracks ("Tatort", "Das Sams", "Mädchen, Mädchen"), kollaborierten mit namhaften Musikern (Paul van Dyk, Paul Kalkbrenner, Westbam, DJ Koze, Ricardo Villalobos, Dieter Meier, UMAMI, Rosenstolz), gewannen Awards und Auszeichnungen (Dance Music Award, 1Live Krone, Goldene Stimmgabel, Fred-Jay-Preis der GEMA für Inga), spielten Tourneen in Deutschland Österreich, Schweiz und traten in New York, Japan, China, Spanien, Russland, Türkei, Südafrika und Korea

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