"Sick Boy"

Ian O’Brien-Docker im Interview

published: 27.02.2007

Die Debüt-Single von Ian O’Brien-Docker „Totally Alright“ mauserte sich schon zum Radiohit (Foto: Public Address) Die Debüt-Single von Ian O’Brien-Docker „Totally Alright“ mauserte sich schon zum Radiohit (Foto: Public Address)

Er sieht viel jünger aus als 29. Rein optisch könnte Ian O’Brien-Docker auch einer Boyband entsprungen sein – musikalisch allerdings kaum. Ist es doch eher selten, dass die Sänger solch gecasteter Gruppen vier Instrumente perfekt beherrschen und sicher im Komponieren und Texten von Songs sind. Ein Ergebnis seines künstlerischen und handwerklichen Talents, die Debütsingle "Totally Alright", mauserte sich schon zum Radiohit. Jetzt schiebt der Hamburger mit den kanadisch-britischen Wurzeln sein Album "Sometimes I Wish I Had A Terrible Childhood So That At Least I’d Have An Excuse" nach.

Welche drei Dinge würdest Du auf die sprichwörtliche einsame Insel mitnehmen?
Ian O’Brien-Docker: "Eine Gitarre, einen iPod und - oh wie langweilig - eine Packung Streichhölzer. Damit man Feuer machen kann und so."

Wenn Du nicht Musiker geworden wärest, was wäre dann aus Dir geworden?
"Das ist schwer, weil ich das schon machen wollte, als ich klein war. Vielleicht wäre ich zur Kriminalpolizei gegangen."

Im Ernst?
Ian: "Ja, das interessiert mich. Mich interessiert, wie Menschen ticken und wie sie geworden sind, wie sie sind. Ich finde es auch interessant, Leute zu beobachten und mir vorzustellen, was sie wohl als nächstes tun werden und warum. Ich hätte auch Psychologe werden können, aber ich mache das viel lieber mit Leuten, die nicht damit rechnen, beobachtet zu werden."

Was halten Deine Freunde von Dir?
"Ich hab eine zeitlang in vielen Bands gespielt und viele mit aufgebaut - zum Beispiel Kid Alex. Heute kann man die als Sick Boys sehen. Die heißen so, weil ich die damals zusammengestellt habe. Die Leute da haben mich 'Sick Boy' genannt."

Aus dem Film "Trainspotting"?
"Nein, das hat nichts mit diesem Film zu tun. Die denken wohl, dass ich manchmal nicht ganz dicht bin. Sie denken wahrscheinlich, dass ich ein bisschen merkwürdig bin und manchmal ein bisschen langweilig. Deshalb haben sie mich so genannt."

Hörst Du auch Komplimente von Deinen Freunden?
"Ich bin sehr zuverlässig. Um meine Freunde kümmere ich mich sehr gut, glaube ich. Mit meinen besten Freunden telefoniere ich fast täglich und versuche, es immer hinzubekommen, dass man sich sieht und etwas Nettes zum Geburtstag macht. Ich lasse sie spüren, dass sie etwas Besonderes für mich sind."

Du trittst im Vorprogramm von Sunrise Avenue auf. Inwiefern hast Du persönlichen Kontakt zur Band?
"Wir teilen uns eine Backstage. Das sind mittelgroße Clubs, in denen wir spielen - nicht so große Hallen, wo sich alles verläuft. Das ist eine sehr nette Band, sehr nette Crew, sehr nette Jungs, die haben sich gleich vorgestellt. Es ist ein sehr nettes Verhältnis hinter der Bühne. Deren Single finde ich ziemlich gut, aber das andere habe ich noch gar nicht richtig gehört. Wir haben nicht viel miteinander zu tun: Wenn wir von der Bühne zurückkommen, bereiten die sich auf ihren Auftritt vor. Man läuft sich über den Weg."

Eigentlich war ja geplant, dass Du mit Pete Doherty und den Babychambles tourst, was wegen deren Tourabsage nicht geklappt hat. Wie enttäuscht warst Du darüber?
"Es geht, weil man ja damit rechnen muss, wenn man mit Pete Doherty unterwegs ist. Wir waren zweimal unterwegs und es hat nicht geklappt. Ja, das ist ein bisschen Zeitverschwendung. Das ist ein bisschen blöd, wenn man tagelang fährt und herumwartet, und dann nichts passiert. Das ist ärgerlich, ein bisschen schade. Aber am meisten tut er mir eigentlich leid, weil ich es ganz schön heftig finde, wenn man es nicht auf die Bühne schafft. Ich find es auch schade für seine Fans. Erstaunlich, dass die Leute es immer wieder mitmachen. Es ist ein Riesen-Medienhype, ein bisschen krank. Die Presse liebt den Typen und ich kann auch verstehen, warum, aber ich hoffe, dass der da noch mal heil herauskommt."

Glaubst Du, dass Du in dieser Richtung selbst anfällig bist?
"Nee, überhaupt nicht. Ich hab noch nie Drogen genommen… also schon ausprobiert. Aber ich merke, dass ich dafür prädestiniert wäre, von irgendwas abhängig zu sein. Das, was ich mache, lebe ich nämlich extrem aus. Und wenn ich Drogen gut finden würde, dann wäre es gefährlich, und insofern lasse ich es. Ich habe auch schon ein paar Leute in meinem Umfeld gehabt, die damit nicht umgehen konnten. Da habe ich gesehen, wie man es nicht macht."

Du hast mal gesagt, dass Dich Frauen beim Songwriting inspirieren. Was für ein Typ Frau wäre das?
"Mich hat ganz lange eine bestimmte Frau inspiriert. Ich habe sie im Jahr vielleicht so 30, 40, 50 Sekunden gesehen, aber die hat mich über Jahre fasziniert. Ich habe die nur ganz selten getroffen und mich nie getraut, mit ihr zu sprechen. Das ging über sechs, sieben Jahre oder so und ich fand die ganz toll. Ich würde immer noch gerne mit ihr sprechen."

Was hatte sie, das so besonders war?
"Sie sah immer traurig aus. Nicht depressiv oder so, aber sie hatte so eine Melancholie in ihrem Blick. Sie hatte immer dunkle Sachen an, nicht ‚gruftimäßig’, sondern war einfach immer dunkel gekleidet. Sie hatte wunderschöne braune lange Haare. Sie hat mich sehr inspiriert. Einmal fuhr ich mit dem Auto an ihr vorbei – da musste ich echt anhalten und ich habe ganz doll gezittert."

Weißt Du, wie sie heißt oder weißt Du gar nichts über sie?
"Ich weiß, wie sie heißt."

Weiß sie, wie fasziniert Du von ihr bist?
"Ich glaube nicht in diesem Ausmaß. Vielleicht hat sie es irgendwann mal gehört, aber ich glaube nicht, dass sie weiß, wie mich das bewegt hat. Sie ist eine sehr hübsche Frau. Hübsche Frauen haben häufig auch Angst vor verrückten Typen und die Geschichte könnte so Stalker-mäßig rüberkommen, und das ist etwas, was ich überhaupt nicht bin und was ich nicht will. Ich lungere ja nicht mit einem Fernglas vor ihrem Fenster herum oder habe komische Fantasien. Meine einzige Fantasie ist, dass es schön wäre, mit ihr in die Alpen zu fahren. Das stelle ich mir immer als erstes vor: mit einer Frau in Urlaub zu fahren. Ich bin sehr romantisch veranlagt. Viele Frauen wissen das nicht zu schätzen. Wenn sie hübsch sind, sind sie tagtäglich damit konfrontiert, dass Menschen sie attraktiv finden oder dass Männer sie komisch anmachen. Ich habe so viel Respekt davor, dass ich meinen Abstand behalten habe."

Wenn Du sie heute noch mal sehen würdest, würdest Du schon mit ihr sprechen?
"Ja, ich glaube schon. Ich würde einfach sagen: ‚Hey, ich wollte mal mit Dir sprechen, einfach so.’ Es interessiert mich einfach, wer sie wirklich ist - weil ich mir so viele Gedanken gemacht habe. Ich kann mir gut vorstellen, das sie nicht cool ist..."

Weil sie es nicht verstehen würde?
"Ich weiß, dass viele mich nicht verstehen, auch viele Frauen nicht. Ich habe schon so viel für Frauen gemacht! Ich unterhalte den Tourbus regelmäßig mit Geschichten darüber. Das sind die ärmsten Geschichten, die es gibt! Seitdem ich zwölf bin, habe ich mich oft dermaßen blamiert, etwa weil ich für Frauen nach Paris gefahren bin - mehrfach - oder in Hamburg die Straßen hoch und runter gelaufen bin und Klingelschilder abgeklappert habe, nur um herauszufinden, wo jemand wohnt. Ich mag Frauen gern und das ist ein großer Motor für mich. Smarte Frauen finde ich extrem faszinierend."

Hattest du mal eine längere Beziehung?
"Ja."

Ist die Faszination, die andere Frauen auf Dich ausüben, dann weg?
"Es ist immer noch so, dass man sich mal verknallt. Ich träume dann von irgendwelchen Frauen und das überschattet den ganzen Tag. Das finde ich toll, wenn man noch in diesem Gefühl gefangen ist, wenn man aufwacht und merkt, man hat von jemandem geträumt und es war intensiv. Manchmal rufe ich auch an, wenn ich die Nummer habe oder wenn ich sie kenne. Ich finde es toll, wenn ich die Stimme wieder höre. Dann schließe ich die Augen und versuche, die Traumbilder zurückzuholen."

Hast Du zurzeit eine Freundin?
"Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Um solche Sa-chen mache ich immer einen großen Bogen."

Du willst lieber nicht darüber sprechen?
"Ja."

Ist auch okay. Du bist Hamburger. Hast Du hier einen Lieblingsplatz?
"Ja, ich finde Hamburg sowieso die beste Stadt in Deutschland. Ich bin sehr gern am Wasser, an der Elbe. Es gibt am Hafen ein paar Orte, wo man mit dem Auto hinfahren kann, wo nicht so viele Leute sind. Ich sitze gern im Auto und höre Musik - da komme ich runter. Meist war ich im Studio und fahre dann um drei, vier Uhr nachts nach Haus, die Elbchaussee entlang. Ich habe einen Zufluchtsort: ein kleines Häuschen im Treppenviertel. Ich habe auch eine Wohnung in der Stadt, aber da schlafe ich nicht so gerne. Im Treppenviertel habe ich das kleinste Haus der Welt. Da habe ich keinen Briefkasten und niemand weiß, dass ich da bin. Da habe ich auch eine riesige Leinwand, das beste Kino! Ich gucke kein Fernsehen. Ich habe vor drei Jahren das letzte Mal den Fernseher angemacht. Seitdem bin ich viel kreativer."

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Die Autorin: Heike Kevenhörster

Spaziergängerin, Köchin, Krimi-Fan. Die Redaktionsleiterin von Pointer wuchs in der RASTA-Stadt Vechta auf, studierte anschließend in Hamburg und London. Sie liebt Japan, Lebkuchen, Musik auf Vinyl, Judith Butler, James Brown, die 20er- und 60er-Jahre, Mod-Kultur und Veggie-Food.

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