Udo Jürgens und Bastian Sick im Interview

„Keine Berührungsängste“

published: 22.02.2007

Bastian Sick ist seit seinem siebten Lebensjahr ein Udo Jürgens-Fan (Foto: Public Address) Bastian Sick ist seit seinem siebten Lebensjahr ein Udo Jürgens-Fan (Foto: Public Address)

Udo Jürgens’ neues Album „Lieder voller Poesie“ steht seit kurzem in den Plattenläden. Doch handelt es sich bei dieser Songsammlung keineswegs um neue Stücke des deutschsprachigen Erfolgssängers. Hinter „Lieder voller Poesie“ verbirgt sich ein mutiges Projekt, das den Grand Seigneur des deutschen Liedes und den derzeit angesagten Grammatik-Guru („Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“) und Spiegel-Kolumnisten („Zwiebelfisch“) Bastian Sick miteinander verbindet. Sick, nach eigenen Angaben seit seinem siebten Lebensjahr Udo Jürgens-Fan, hat mit der Bemerkung, Jürgens gehöre zu seinen sprachlichen Vorbildern, eine Lawine losgetreten, die nun in diesem gelungenen Album mündet.

Für „Lieder voller Poesie“ hat der studierte Geisteswissenschaftler aus der gesamten Schaffensperiode von Udo Jürgens 19 persönliche Lieblingslieder ausgewählt. Im 36-seitigen Booklet kommentiert er jedes Lied und lässt Hörer und Leser teilhaben an seinen Gedanken und Gefühlen.

Herr Sick, als wir draußen saßen und auf das Interview warteten, erzählte Ihre Mutter, Sie könnten hervorragend die Lieder von Udo Jürgens singen....
Bastian Sick: „Ist ja klar, stimmlich habe ich mich an ihm gebildet. Wenn man einen Schrank voller Udo-Platten hat, bleibt das nicht aus. Ich war von Kindesbeinen an im Kirchenchor und wir sind ein sehr musikalischer Haushalt. Bei uns spielt jeder ein Instrument und Singen war selbstverständlich immer eine große Passion von mir.“

Die Fans von Udo Jürgens kommen aus allen Altersschichten (Foto: Public Address)Die Fans von Udo Jürgens kommen aus allen Altersschichten (Foto: Public Address)

Wäre dann nicht das nächste Projekt, Udo Jürgens zu interpretieren?
S.: „Wir schauen mal.“
Udo Jürgens: „Ich glaube, das, was Bastian macht, unterscheidet sich ganz wesentlich von dem, was ich mache und das ist auch sehr gut so. Er ist ein Großer in seinem Gebiet und ich mache meine Musik.“

Herr Jürgens, was hätten Sie denn an der Auswahl der Songs auszusetzen?
J.: „Ich habe eigentlich gar nichts auszusetzen, denn Bastian hat sich die poetischen Lieder herausgesucht. Ich habe Bastian gebeten, die neueren Aufnahmen meiner Titel zu verwenden, weil ich der Meinung bin, dass ich damals schrecklich gesungen habe. Wenn ich manche Songs von früher höre, finde ich sie jedenfalls scheußlich. Bastian verbindet damit jedoch Erinnerungen. Er hat gesagt: 'Ich würde bei manchen Songs gerne die alten Aufnahmen nehmen, weil ich sie gut finde, so, wie sie sind.' Dann habe ich mein Okay gegeben. Er hat alles allein gemacht und nicht weiter gefragt und ich habe mich nicht mit meiner Forderung durchgesetzt. Die Auswahl der Songs und das Kommentieren sollte ganz einfach Bastians Projekt bleiben.“

Für welche Art von Fans ist die CD? Ist sie für alte Udo Jürgens-Fans oder soll sie neue erschließen?

J.:"Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht, wer meine Fans sind, die es ja offensichtlich gibt, denn bei meiner letzten Tournee hatten wir volle Konzerthallen. Aber ich weiß nicht genau, was für Menschen meine Fans eigentlich sind. Ich weiß nur, dass sie aus allen Altersschichten kommen. Sie sind zwischen 20 und 55 - ab 60 wird’s sehr dünn. Meine eigene Generation findet auf meinen Konzerten nicht statt. Ich nehme an, dass man nicht klar sagen kann, wer mein Publikum ist. Es sind wohl genau die, die überall durch die Raster fallen. Es gibt Gott sei Dank noch Leute, die einen anderen Geschmack haben und sich nicht nur auf ausgetretenen Pfaden bewegen.“

Wenn jemand auf Sie zugekommen wäre und gefragt hätte, ob Sie nicht ein Album mit ihren „Partyhits“ machen wollen. Hätten sie da auch sofort zugesagt?
J.: „Es gibt schon Platten von mir, die total auf Stimmung sind. Dieses ist jetzt wirklich ein komplett anderes Projekt. Bastian hat sich den Liedern ganz anders genähert - mit seinem persönlichen Geschmack.“

Udo Jürgens gilt als Grand Seigneur des deutschen Liedes (Foto: Public Address)Udo Jürgens gilt als Grand Seigneur des deutschen Liedes (Foto: Public Address)

Wenn man als Fan sein Idol trifft, hat man viele Vorstellungen, Ideen und Bilder im Kopf und kann auch schnell enttäuscht werden...
S.: „Ich bin nicht enttäuscht. Es gibt sicherlich Fans, die sich von ihrem Star ein Bild zusammenschustern, was mit der Realität gar nichts zu tun hat, weil sehr viel Projektion von eigenen Wünschen und Sehnsüchten darin ist. Ich habe in Udo Jürgens immer den Künstler gesehen. Als Privatmensch hat er mich eigentlich nie interessiert. Wenn es um seine Musik ging und die Leute sagten, 'Der hat doch immer was mit jungen blonden Frauen.', dann habe ich mich gefragt, was das nun für ein Kriterium ist, um die Kunst, die Musik zu beurteilen? Wenn es danach ginge, darf man sich auch nicht mit Mozart auseinandersetzen, das war vielleicht ein Hallodri... Weil das Private für mich kein Kriterium war, hat mich die Persönlichkeit von Udo Jürgens auch nicht besonders beschäftigt. Deshalb gab es nichts, was mich hätte enttäuschen können. Er ist und war ein Mensch wie wir alle, der versucht, sein Leben zu leben und der mit Menschen Kontakt hat. Er erlebt Glückliches und weniger Glückliches, aber er schafft es, das in eine Kunstform umzusetzen, durch die er viele Menschen erreicht und berührt. Jetzt, wo ich ihn näher kenne, kann ich sagen, dass er ein sehr, sehr aufgeschlossener Menschen ist, der überhaupt keine Berührungsängste hat.“

Udo Jürgens hat ja auch Ihre Arbeit in den höchsten Tönen gelobt. Schreiben Sie nun einen Song zusammen?
J.: „Nein.“

Würde sich das nicht anbieten?
J.: „Bastian ist ja in dem Sinne kein Dichter, sondern ein Schriftsteller, das sind eigentlich zwei verschiedene Welten.“

Herr Jürgens, wie gefallen Ihnen denn die Kommentare zu Ihren Liedern, die Bastian geschrieben hat?

J.: „Richtig gut, muss ich sagen. Sie sind sehr fundiert. Man merkt, dass Bastian musisch ist. Auch, dass er musikalisch ist und sich inhaltlich viele Gedanken macht, wie Songtexte entstehen. Es hat mich total berührt, als ich die Kommentare gelesen habe.“

War da irgendetwas Neues dabei, was Sie sich noch nie gedacht hatten?
J.: „Wahrscheinlich schon, aber das kann ich im Moment nicht so abrufen. Es war einfach hochinteressant, die Nuancen zu lesen, die er herausgehört hat.“
S.: „Aber für mich war immer etwas Neues dabei. Da waren Lieder, die ich zum Teil so lange kenne, wie es sie gibt und die ich über viele Jahre immer wieder gehört habe. Durch die intensive Auseinandersetzung ist mir bei so manchem Lied erst an der Stelle aufgefallen, was es wirklich bedeutet und dass alles einen Sinn hat. Die Sachen in den Stücken sind nie zufällig und diese Entdeckung hat mich sprachlos gemacht.“

Sie haben in den Kommentaren geschrieben, Udo Jürgens wäre Ihr Vorbild, weil er poetisch mit der Sprache umgeht. Woran würden Sie als Fachmann diesen poetischen Umgang festmachen?
S.: „Die Sorgfalt, mit der er seine Texte aussucht und mit der Musik verwebt, ist einmalig für jemanden, der oft als Schlagersänger oder sogar 'Schlagerfuzzi' diskreditiert wurde. Das Wort spielt in den Liedern von Udo Jürgens immer eine große Rolle. Für mich hat Musik auch immer eine ganz große Bedeutung - sie ist universell. Sie ist überhaupt das tragende Element in der kulturellen Entwicklung. Ein Song trifft dein Herz sofort oder eben nicht...“
J.: „In der Musik kann man nicht betrügen.“

Einige seiner ersten Lieder findet Udo Jürgens "scheußlich" (Foto: Public Address)Einige seiner ersten Lieder findet Udo Jürgens "scheußlich" (Foto: Public Address)

Dieser analytische Blick, den Sie auf die Texte und die Lieder geworfen haben, entzaubert der manchmal nicht auch ein Liebeslied?
S.: „Ja, man kann vieles zerstören, wenn man es mit einem Seziermesser zerschneidet, aber ich glaube, in diesem Fall ist das nicht geschehen. Etwas, das wunderbar als Kunstprodukt verpackt worden ist, wurde ein bisschen aufgezogen. Dadurch ist der Blick in den wunderbaren Karton geöffnet worden.“

Haben diese Auswahl und die Möglichkeit, dieses Projekt zu realisieren, ihr Selbstverständnis beeinflusst oder verändert?
J.: „Ich würde ganz klar sagen, dass es mich bestätigt hat. Ich habe wirklich ein paar Songs geschrieben, die von niemandem registriert wurden. Von den Musikern im Studio schon, aber später sind sie untergegangen. Auf den Alben waren sie mehr oder weniger versteckt hinter den kommerziellen Zugraketen, die die CD getragen haben. Ich finde es wunderbar, dass man nun Lieder in den Vordergrund stellt, die eher ruhig und nachdenklich sind. Ich habe das ja schon einmal gemacht, mit „Lieder, die im Schatten steh´n“, da habe ich eine ganze Serie von LPs gehabt. Schon vor vielen Jahren habe ich erkannt, dass wir mal etwas für die Leute tun müssen, die anders ticken. Und es freut mich, dass dieses Album ein ähnliches Konzept hat!“

[Sonja Kneißl]

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Links

www.udojuergens.de
www.bastiansick.de

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